Full text: Hessenland (8.1894)

der ihm hastig entgegeneilenden Frau des Schlosser- 
meisters auf. Ihr Mann sei soeben fortgegangen, 
sagte sie. Wenn der Herr Oberamtsvogt sich 
beeile, könne er ihn noch einholen. Dorn beeilte 
sich denn auch, aber nicht, dem „soeben fort 
gegangenen" Schlossermeister nachzusetzen, vielmehr, 
der ihm in den Weg tretenden Frau in der Er 
reichung der im Hinterhause gelegenen Werkstatt 
zuvorzukommen. Die Thür fand er allerdings 
verschlossen, allein sein Verdacht steigerte sich, als 
hinter der Thür das Flüstern verschiedener Stimmen 
deutlich vernehmbar wurde. Auch hinderte ihn 
die Aufmerksamkeit, die er den Vorgängen im 
Inneren der Werkstatt einen Augenblick schenkte, 
keineswegs, zu bemerken, wie die vorsorgliche Frau 
des Hauses bemüht war, von der nach dem 
Vorderhause zu gelegenen Wand der Werkstatt 
eine Leiter möglichst geräuschlos zu entfernen. 
Dorn machte bei näherer Besichtigung die Ent 
deckung, daß sich daselbst in einiger Höhe eine 
Oeffnung befand, gerade groß genug, um einen 
Mann hindurchznlassen. Der vor Schreck und 
Staunen sprach- und willenlosen Frau die Leiter 
aus der Hand nehmen und wieder ansetzen, war 
das Werk eines Augenblicks. Schnell, aber ohne 
Geräusch, war sie erklommen, und die Oeffnung 
ermöglichte nun den gewünschten Einblick in's 
Innere der „Werkstatt." Einer Werkstatt freilich 
sah das wenig ähnlich, was sich hier den er 
staunten Blicken des Oberamtsvogts darbot. Eher 
konnte man es eine Räuberhöhle nennen. Einen 
weniger unerschrockenen Mann hätte jedenfalls 
der Anblick der wild aussehenden Kerle erzittern 
machen, die da, etwa ein Dutzend an der Zahl, 
jeder eine „Knarre" auf dem Rücken, um einen 
mächtigen Krug mit Bier, — oder was er sonst 
enthalten mochte —, herum hockten und den 
Würfelbecher kreisen ließen. Die Unterhaltung 
wurde in gedämpftem Tone geführt. Doch war 
man so vertieft in das Spiel, daß Dorn's An 
wesenheit nicht sofort bemerkt wurde und dieser 
so Gelegenheit fand, die Gesellschaft da unten 
eine Zeit lang, ohne selbst gesehen zu werden, 
zu beobachten. Und siehe da: lauter alte Be 
kannte. Alle hatten sie schon, zum mindesten 
einmal, meist aber zu wiederholten Malen, in 
wesentlich anderer Situation freilich, dem ge 
strengen Herrn Oberamtsvogt gegenüber gestanden. 
Der dort mit dem langen schwarzen Vollbart 
und den unheimlich rollenden Augen war erst 
kürzlich aus dem Gefängniß entlassen, das er 
wegen Wilddieberei im Wiederholungsfälle dies 
Mal längere Zeit mit seiner Anwesenheit hatte 
beehren müssen. Das junge siebenzehnjährige 
Bürschchen rechts daneben hatte, ebenfalls vor 
noch nicht langer Zeit, wegen Verdachts der 
Wilddieberei vor den Schranken des Order Amts 
gerichts gestanden. Dorn mußte ihn damals 
„wegen Mangels an Beweisen" freisprechen. 
Der Alte ihm gegenüber, der mit so gierigen 
Blicken dem Rollen der Würfel folgt, er hatte, 
freilich vor schon geraumer Zeit, eine längere 
Freiheitsstrafe wegen schweren Einbruchs verbüßt. 
Beinahe gebrochen und scheinbar gebessert war er 
der menschlichen Gesellschaft wiedergegeben. Weit 
mehr noch als dieser interessirt aber den Beobachter 
der verwegene Geselle, der soeben wegen eines 
unglücklichen Wurfs, alle Vorsicht vergessend, den 
lauten Fluch ausstößt. Er hatte vor Jahres 
frist einen Raubmord begangen. Ileberall wurde 
seitdem nach ihm gesucht, nur hier nicht. Doch 
ich fürchte den Leser zu ermüden mit dem Aus 
zählen all' der verschiedenen Sündenregister. 
Genug, daß keiner unter der Gesellschaft sich 
befand, der nicht mindestens im Verdacht irgend 
eines Verbrechens oder schwereren Vergehens ge 
standen hätte. Und mitten unter ihnen der 
„biedere" Schlossermeister. Ihm hätte man 
solchen Verkehr nicht zugetraut. Doch sieh! Wer 
taucht denn da soeben noch, sich reckend und die 
Augen reibend, aus dem Hintergründe auf? 
Dorn erinnert sich nicht, ihn je gesehen zu haben, 
den hochgewachsenen, wettergebrännten Burschen 
in dem phantastischen Aufzuge. Die Andern, 
so wenig Vertrauen erweckend ihr Aeußeres auch 
war, sie trugen doch Alle noch die eine oder andere 
Spur bürgerlichen Lebens an sich. An ihm, dem 
Unbekannten, schien jede derartige Spur verwischt. 
Mit dein bürgerlichen Leben, — das sah man 
auf den ersten Blick —, hatte dieser gänzlich ab 
geschlossen, ja, man mochte zweifeln, ob er je 
darin gestanden. Er war — lind das ein jeder 
Zoll an ihm — ein Räuber. Und doch lag 
wieder etwas in dieser Erscheinung, in dem ganzen 
Auftreten des Burschen, was gegen das Gebühren 
der Uebrigen nicht unvortheilhast abstach. Trotz 
aller Wildheit verriethen seine Züge eineil nicht 
geringen Grad Don Intelligenz, und in Miene 
lind Haltung gab sich deutlich das Bewußtsein 
der Ueberlegeuheit über die Genossen kund. Er 
schien denn auch eine Art gebietender Stellling 
unter diesen einzunehmen, denn das Rollen der 
Würfel verstunlmte einen Augenblick, lind Alles 
wandte sich, wie unwillkürlich, nach dem langsam 
Herzutretenden um. Der Oberamtsvogt hatte 
genug gesehen lind wollte nun, ebenso unbemerkt, 
wie er gekommen, sich von seinem Lauscherposten 
wieder entfernen. Doch der Unbekannte bemerkt 
ihn. Ein Pfiff — und die ganze Gesellschaft steht 
auf den Beinen. „Guten Tag, Herr Schlosser
	        

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