Full text: Hessenland (8.1894)

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und Ferdinand, die für letzteren ungünstig aus 
fiel. Auf Ferdinand's Seite fielen mehrere 
Hundert, der Rest wurde versprengt. In die Hände 
Philipp's fielen die Kanzlei und die geheimen 
Briefschaften Ferdinand's, ein Theil der Artillerie, 
das ganze Hebzeug zum groben Geschütz, sechzig 
Wagen Lebensmittel und Munition. Der Ver 
lust Philipp's belief sich auf einen Hauptmann, 
Christoph Fuchs, Erbherrn auf Wallenburg, einen 
Kürassier und einen Trompeter. Von Laufen aus 
ging der Zug nach Stuttgart, das alsbald die 
Thore öffnete und Erbhuldigung leistete. Auf 
einer nach Cannstatt zu gelegenen Wiese nahm 
der Herzog die Stadtschlüssel in Empfang und 
bestätigte den Tübinger Freiheitsbrief. Der Unter 
werfung von Stuttgart folgte bald die der anderen 
Städte und Burgen. Erst nach der Uebergabe 
von Hohenasperg (2. Juni 1534) war die 
Zurückeroberung des Herzogthums Württemberg 
vollendet. Nunmehr wurden die Friedensver 
handlungen eingeleitet, bei denen außer der 
Württembergischen Angelegenheit auch allgemeinere 
Sachen zur Sprache kamen. Am 29. Juni 1534 
kani der Vertrag zu Cadan in Böhmen zu Stande. 
Hauptbedingungen desselben waren folgende: Be 
stätigung des Nürnberger Religionsfriedens, Ver 
sprechung der Einstellung der Prozesse am Reichs- 
kammergericht gegen die Protestanten, Anerkennung 
Ferdinand's als römischen König, Zurückgabe 
Württembergs, als oesterreichischen Afterlehns, an 
Ulrich, mit der Bedingung des Rückfalls bei 
dem Ausgange des Mannesstammes. Ungern, 
aber nothgedrungen nahm Philipp den Frieden 
an. Hierauf kehrte der Landgraf nach Kassel 
zurück und meldete dem Kaiser seinen Beitritt 
zum Vertrag. Vom Kaiser erhielt er eine ver 
söhnende Antwort aus Valencia und reiste am 
22. März 1535 nach Wien zu Ferdinand. 
Fortsetzung folgt.! 
— ' 
Eine alte Schrift aus westfälischer Zeit. 
Von G. Th. D. 
^jW etwa 60 Jahren vernahm ich, es existiré ein 
LZ um das Jahr 1806 gedrucktes Schriftchen, 
j das den dainaligen Kurfürsten Wilhelm I. 
und dessen Regierung sehr ungünstig kritisirte und für 
dessen Verfasser der in Homberg lebende Advokat 
Sigmund Peter Martin angesehen würde. 
In neuester Zeit ist mir dieses Schriftchen näher 
bekannt geworden, und da ich mich ilicht erinnere, 
je im „Hessenland" über dasselbe etwas gefunden 
und gelesen zu haben, möchte es für die Leser 
unserer Zeitschrift von Interesse sein, es jetzt ein 
wenig kennen zu lernen. 
Ueber den Verfasser ist in neuer Zeit nrehrfach ge- 
stritteil worden; auf der einen Seite wurde Sigmund 
Peter Martin unbezweifelt als Autor angesehen, 
auf der anderen aber diese Unterstellung nicht 
ohne Gründe angefochten. Zu denjenigen, die 
Martin's Verhalten in der ganzen Jnsurrektions- 
angelegenheit vom April 1809, dem Dörnberg'- 
schen Aufstand, an dem sich Martin sehr energisch 
betheiligte, vertheidigten, gehört insbesondere ein 
Enkel des S. P. Martin, nämlich der jetzige 
Seminardirektor in Eisleben Friedrich Martin, 
dessen Aufsatz: „Zur Ehrenrettung S. P. Mar 
tin's" (Sonderabdrnck ans der Zeitschrift des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 
Neue Folge, Bd. XVIII) folgende bemerkenswerthe 
Exposition enthält: Einer der Anklagepunkte 
Ly nker's gegen Martin— und zwar ein solcher, 
auf den Lyilker großes Gewicht legt, ist die von 
L. angenommene Herausgabe der Schrift „Hessen 
vor dem 1. November 1806" *) durch Martin. 
So heißt's bei Lynker: „Es lastete ans M. noch 
ein besonderer Verdacht. Zn jener Zeit, als 
Napoleon's Befehl die tapfere hessische Armee zu 
schimpflicher Auflösung verdammt hatte, erschien 
zu Leipzig eine anonyme Schrift, welche statt 
lindernden Balsams Gift in die Wunden träu 
felte. Es war eine kleine, von blinder Leiden 
schaftlichkeit diktirte, aus gemeinen Schimpfe 
reien und lächerlichen Uebertreibungen zusammen 
gesetzte Broschüre, in welcher die althessische Armee 
und besonders der Offiziersstand (sage: der Adel!) 
arg mitgenommen wurde. Man hat nie erfahren 
können, wer der Verfasser war: daß es ein hessi 
scher Kapitän gewesen, wie der Titel angiebt, 
*) Hessen vor dem 1. November 1806. Vo» einem 
ehemaligen hessischen Capitain. Leipzig 1807, bei Wil 
helm Rein u. Comp.
        

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