Full text: Hessenland (8.1894)

267 
lichei, Einkommens. Ein Sechstheil ihres Ein 
kommens hatte die Ritterschaft zn entrichten und 
mußte sich außerdem zu Ritterdiensten mit den 
Ihrigen bereit halten. Bei den Unterthanen und 
Bürgern bestand die Steller in Zahlung eines halben 
Albus voll einem jeden Gulden ihres Einkommens. 
Erhoben und aufbewahrt sollte die Steuer von 
sechs Rittern und Bürgermeistern werden. Be 
züglich eines sich vielleicht bei der Rechnungs 
ablegung nach geschlossenem Fricdeil ergebendeil 
Ueberschusses über die Ausgaben wurde die Be 
stimmung getroffen, daß dieser lieberschuß ent 
weder an die einzelnen Zahler nach Verhältniß 
ihres geleisteten Beitrags zurückgegeben oder zum 
Schuh des Landes aufbewahrt werden sollte. 
Ueber die bisher noch niemals ergangene Ans-, 
erlegung einer solchen Steuer beschwerte sich der 
Adel. Der Landgraf stellte ihm zur Beruhigung 
folgende Versicherung aus: „die vom Adell vudt 
Vntersaßen hinfuhr» zu ewigen Zeittenn, außer 
halb dißein Fall, mit keiner Newrung, Schatzung, 
Stelvr, oder Anlage beschweren, sondern sie vndt 
die Ihren bey ihrem altem Herkommen vndt den 
Ritterdiensten, in allermaßen sie hiebevor geweßen 
sein, gnediglich bleiben vndt darüber in keinem 
Weg nit beschweren lassen." 
-Obgleich von Seiten der katholischen Partei 
der Reformation kräftiger Widerstand geleistet 
wurde, so verbreitete sich dieselbe trotzdem durch 
das thatkräftige Vorgehen des Landgrafen weiter. 
Durch ausgesandte Prediger ließ er die neue 
Lehre iu den Gebieten anderer Reichsstände, 
namentlich in den Hessen lehnspflichtigen Gebieten 
der Grafen von Waldeck, Wittgenstein, Hoya, 
Lippe unb Rittberg, einführen. 
Durch Aufnahme neuer Mitglieder wurde der 
Schmalkaldische Bund verstärkt. An der Werbung 
für denselben betheiligte sich Philipp rege. Neu 
aufgenommen wurden Ulrich von Württemberg, 
Barnim und Philipp von Pommern, Philipp 
von Braunschweig-Grubenhagen, Christian von 
Schleswig und Holstein, Heinrich von Sachsen, 
Heinrich von Mecklenburg, Rupprecht von Zwei 
brücken, Johann Georg und Joachim von Anhalt, 
Friedrich von Liegnitz, die Grasen Heinrich von 
Schwarzburg, Philipp von Nassau-Saarbrücken, 
Wilhelm von Nassau-Dillenburg, Konrad von 
Tecklenburg : die Städte Braunschweig, Goslar, 
Eiikbeck, Göttingen, Eßlingen, Augsburg, Kempten, 
Hamburg, Hannover, Hameln, Minden, Schwäbisch- 
Hall, Heilbronn und Riga. Noch bevor die Frist 
des auf sechs Jahre geschlossenen Bundes ab 
gelaufen war, wurde von Johann Friedrich, 
Philipp und den Vertretern der Städte Straß 
burg, Ulm, Magdeburg und Bremen eine Ver 
längerung desselben ans zehn Jahre, im Falle 
eines Religionskrieges bis zur Beendigung des 
selben, beantragt. Unter dem Vorsitze des Kur 
fürsten von Sachsen wurde iu Koburg, wo sich der 
Landgraf durch Johann Feige und Hermann 
von der Malsburg vertreten ließ, die Auf 
stellung eines Bundesheeres, bestehend aus 20000 
Fußgängern und 4000 Reitern mit dem nöthigen 
Geschütz, beschlossen, falls eine vom Kammer 
gericht ausgesprochene Reichsacht in Religions 
sachen durch katholisches Kriegsvvlk vollzogen 
werden sollte. 
An der Unterdrückung der in Münster aufge 
tretenen Wiedertäufer nahm der Landgraf regen 
Antheil. Mit ihm hatte der Bischof Franz von 
Waldeck namentlich gegen Bernhard Rothmann 
eine Einigung und ein Vertheidigungsbündniß 
abgeschlossen und ihn um seine Vermittlung ersucht. 
Von Philipp wurden die Räthe Jakob von Tauben 
heim, Johann Walther, genannt Fischer, und 
Georg Nußbicker nach Münster gesandt. Diese 
brachten einen Vertrag zu Stande, nach welchem 
der Bischof und das Domkapitel im Besitz ihrer 
Güter und Rechte verblieben, in der Domkirche 
nichts geändert wurde, dagegen sechs Kirchen zur 
evangelischen Predigt eingeräumt werden sollten 
(14. Mürz 1533). Auf ein Schreiben des 
Landgrafen an die Münsterer erfolgte eine trotzige 
Antwort mit einer Darstellung des Systems der 
Wiedertäufer, von Rothmann verfaßt. Dem 
Bischof sandte der Landgraf darauf 3000 Fuß- 
gänger, ein Geschwader Reiter, sowie zwei 
Karthaunen zn Hülfe. Münster wurde erobert 
und beui Bischof zurückgegeben. 
„Für Münster der Landgraf auch sendt 
Sein Hüls gantz willig und behendt. 
Die Statt man da erobert hat 
Wieder der Wiedertäuffer Rott." (1535.) 
Kurz bevor die Zeit abgelauseu war, auf welche 
der schwäbische Bund geschlossen war, schloß 
Landgraf Philipp mit einigen rheinischen Fürsten 
ein Bündniß. Da der schwäbische Bund meistens 
aus katholischen Fürsten, vielen Bischöfen und 
Prälaten zusammengesetzt war und deshalb der 
evangelischen Sache schaden konnte, war Philipp's 
Augenmerk auf Auslösung dieses Bundes gerichtet. 
Zu diesem Zwecke suchte er die oberländischen 
Städte zu gewinnen, die sich, in der Hoffnung, 
die Gerichtsbarkeit der Bischöfe abzuschütteln, 
bereit erklärten. Der König von Frankreich, dem 
die wachsende Uebermacht des Kaisers im süd 
lichen Deutschland ein Dorn im Auge war, gab 
seine Zustimmung. Außerdem hatte der Land 
graf den Kurfürsten Ludwig von der Pfalz, den 
Erzbischof Albrecht von Mainz und den Bischof
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.