Full text: Hessenland (8.1894)

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es für ihn kein anderes Streben, als die ihm an 
vertrauten Knaben zu tüchtigen Jünglingen heran 
zubilden. Sie vernahmen nie ein Wort bitteren 
Vorwurfs aus seinem Munde. Er wachte mit un 
nachsichtiger Strenge über sie, aber er liebte sie 
auch wie ein gütiger Vater. 
In regem, pflichttreuen Lehren und Lernen gingen 
etliche Jahre hin. Einmal alljährlich, zur Zeit 
der großen Ferien, marschirten die drei Brüder, 
das Ränzel ans den: Rücken, den derben Ziegen 
hainer in der Hand, gen Kassel. Es waren köstliche, 
herzerfrischende Märsche für alle drei, so hinein zu 
wandern in die lachende, schöne Sommerwelt, frei 
von Schulsorgen unb im Vorgefühl der Wiever- 
sehensfrende daheim. 
Doch nur wenige Jahre war den Brüdern solch' 
gemeinsames Ferienreisen vergönnt. Ein lange 
befürchtetes Ereigniß, des Vaters Tod, machte ihm 
ein Ende. Wenn er gleich nie so recht von Herzen 
fröhlich mit den Seinen gewesen, — die Schwere 
der damaligen Zeit hatte ihn niedergebeugt, ihn 
ernst itrtb bitter gemacht —, so traf die Todes 
kunde die fernen Söhne doch wie ein Donnerschlag. 
Vor Georg's geistigem Auge erstanden die un 
vermählten Schwestern, die alternde Mutter. Der 
letzte Hoffnungsschimmer für sein persönliches Glück 
erlosch nun vollends, er opferte seine Liebe auf 
dem Altar der Kindes- und Geschwisterpflicht. 
Lange saß er an jenem Abend vor dem Bilde des 
theuren Todten, das er selbst vor Jahren in Oel 
ausgeführt. Er gelobte ihm, sein Leben der Familie 
zu weihen, zu helfen wo es Noth thäte. Das Mädchen- 
bild, welches ihn bei diesem Gelöbnisse wehmüthig 
bittend anschaute, durfte ihm nun nichts mehr sein. 
Er zwang sein Sehnen und Hoffen nieder für alle 
Zeit. Und da er sich' endlich tief ansathmend er 
hob, schien ihm das strenge Angesicht des Vaters 
milde, fast mitleidig. Ja, er wähnte die tiefe 
Sorgensalte, welche er stets aus des Vaters Stirn 
gesehen, habe sich geglättet. 
Schon am nächsten Morgen schrieb er den trauernden 
Lieben, daß er die älteste Schwester herzlich bitte, 
zu ihm zu kommen. Die alte Magd könne nicht 
gilt mehr allein wirthschaften, Schwester Philippine 
müsse znm Rechten sehen. Auf solche zarte Weise 
machte er es der meist kränkelnden Schwester 
weniger drückend, daß er ihr in seinem Hanse eine Zn- 
slncht bot. Sie kam und that, was in ihren Kräften 
stand, sein bescheidenes Hanswesen behaglicher zu 
gestalten. Bis zu ihrem Tode wußte sie es ihm 
Dank, daß er sie zu sich gerufew. Von des Bruders 
entsagender Liebe erfuhr sie erst spät, als das Mädchen, 
dessen Bild nie aus des Onkels Herzen gewichen, 
die Gattin eines Gerichtsbeamten, fern vom Weser- 
strom, geworden war. 
Und wie hielt Georg sein Gelöbnis; hinsichtlich der 
Brüder? Was ihm versagt gewesen, nach dem 
Lorbeer des Künstlerruhms zil streben, das wollte 
er Wilhelm gewähren. Mit Opfern, die er selbst 
sich auferlegte, ermöglichte er dem Kunstbegeisterten 
den Aufenthalt in Düsseldorf und München. Tie 
Lehrer dort lobten Wilhelms Talent, seine schöpferische 
Phantasie. Er war fleißig und strebsam und ent 
warf Skizzen, die zu beit schönsten Hoffnungen 
berechtigten. Diese Berichte warfen hellen Sonnen 
schein in das Heim der Geschwister. 
Aber es schien, als solle dem opferwilligen Bruder 
kein ungetrübtes Glück blühen. Es kamen Briefe, 
die ihn mit Sorge erfüllten. Wilhelm sei lungen 
leidend, sagten die Aerzte in München. Im geregelten 
Familienleben wäre der Todeskeim vielleicht nur 
Keim geblieben. Das etwas regellose, flotte Leben 
der jungen Künstler dagegen war wenig geeignet, 
ihn zu ersticken. Ter leicht entflammte Jüngling 
gerieth, ohne daß er es eigentlich gewollt, immer 
wieder in das Treiben der Freunde hinein. Und 
er hatte deren nicht wenig. Verstand er doch mit 
wenig scharfen Linien, btt treffendsten Karrikatnren 
auf's Papier zu zaubern. Manch' eine politisch 
berüchtigte Persönlichkeit ward von seinem satirischen 
Stift charakteristisch skizzirt. Abgelenkt durch 
politische Umtriebe, konnte sich sein künstlerischer 
Genius nicht voll entfalten. Besonders zu der 
Zeit, da er, einer der Eifrigsten unter den für die 
Sache der Freiheit glühenden und in ihrem Dienst 
wirkenden Genossen, in intime Beziehungen zu 
Robert Blum trat, mußte die Kunst anderen 
Interessen weichen. 
Nur wenige große Bilder sind von ihm aus 
den Markt gekommen. Die meisten historischen 
Skizzen sind Entwürfe geblieben, deren Ausarbeitung 
ihm nicht mehr vergönnt war. 
Die Nachricht seines Todes traf die Geschwister, 
wenn auch nicht unvorbereitet, so doch nicht minder 
erschütternd. Wieder legte das Schicksal Georg 
einen Verzicht ans ; all'seine freudigen Hoffnungen 
aus Wilhelm's einstigen Ruhm waren vernichtet, 
und ein geringer Trost war es, daß in Maler 
kreisen der Heimgang des talentvollen Jüngers 
allgemein betrauert ward, daß die Freunde über 
seinem Grabe erschütternde Abschiedsworte gesprochen 
hatten. 
Wohl versagte auch Georg nicht warmen patrio- 
tischen Antheil dem, was der Hingeschiedene erstrebt 
und ersehnt, ein einiges Deutschland, das freies, stolzes 
Nationalgesühl erheben sollte über alle inneren 
und äußeren Feinde; dennoch beklagte er es, daß 
dieses schöne Talent in den Strudel der Leiden 
schaften gerissen worden, wo es keinen Gedanken an 
Ruhe, Schonung und Vorsicht mehr gab. Weh-
        

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