Full text: Hessenland (8.1894)

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Waldmii-chens Morgenlird. 
Ihr Vögelein 
Im Frührothschein, 
Wie hell und klar 
Singt eure Schaar 
An Gottes großem Weihaltar! 
Ihr Blümlein auch 
Im Morgenhauch, 
Schaut nur empor 
Zum Himmelsthor, 
Draus zieht die gold'ne Sonne vor! 
Was lebt im Wald 
Gar mannigfalt, 
So groß wie klein, 
Es lobt allein 
Des Herrgotts Huld im lichten Mai'u. 
Auch du, mein Herz, 
Schweb' himmelwärts 
Im Jubelchor 
Durch's gold'ne Thor 
Zu Gottes heil'gem Thron empor! 
Mthekm Uennccke. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Die lebendige Mauer. Als Kaiser Friedrich 
der Rothbart das vom Landgrafen Ludwig dem 
Eisernen 1170 errichtete Schloß Naumburg be 
suchte, rühmte er diesen Bau in vollem Maße, 
konnte aber nicht verschweigen, daß es einem An 
griff nicht widerstehen würde, weil es zu seinem 
Schutz keine festen Mauern habe. Diesem Mangel 
versprach der Landgraf binnen dreien Tagen ab 
zuhelfen, in welcher Zeit eine widerstandsfähige 
Mauer dem Kaiser hingestellt sein würde. „Un 
möglich", sprach der Kaiser, „und wenn auch der 
Landgraf alle Maurer des Deutschen Reiches auf 
bieten würde". Indeß ließ der Landgraf sich nicht 
irre machen und schritt an die Ausführung seines 
Planes. Er forderte nämlich alle Ritter und 
Lehnsgrafen alsbald auf, so schnell wie nur möglich 
mit ihren Mannen wvhlbewehrt an: dritten Tage 
im Morgengrauen nach der Bürg Naumburg zu 
kommen. Und sie kamen Alle, Alle. Darauf läßt 
der kluge Landgraf die Mannen gleich einer Mauer 
dergestalt um das Schloß Ausstellung nehmen, daß 
an der Stelle, an welcher ein Thurm sich befinden 
sollte, ein Ritter, ein Schlachtschwert in der Hand, 
mit dem Panier stand. Als nun diese lebende 
Mauer wohlgeordnet und fest gefügt um das Schloß 
geführt war, fragt der Landgraf an, ob die 
kaiserliche Majestät sich überzeugen wollte, daß 
das Versprechen innerhalb der festgesetzten Frist 
gehalten sei. Obwohl er das Ganze nur für einen 
Scherz hält, entschließt sich der Kaiser doch zu 
einer Besichtigung der Mauer. Aber wie groß 
war sein Erstaunen, als er diese Ritter mit ihren 
Reisigen in Wehr und Waffen sieht, und verwundert 
rief er aus, alle Tage seines Lebens habe er keine 
so zierliche, theuere und starke Mauer gesehen. 
Mit kaiserlichem Dank für die ihm vor Augen 
geführte lebendige schied er vom Landgrafen. — Die 
hier geschilderte Handlung wird irrthümlich nach 
Naumburg an der Saale verlegt. Aber ihr Schau 
platz ist Naumburg an dem Flüßchen Elbe im 
Kreis Wolfhagen. 
Aus Hermath und Fremde. 
Der Kommunallandtag wird voranssichtlich 
am 27. Oktober in Kassel zusammentreten. 
In Fulda steht die Gründung eines „Fuldaer 
Geschichtsvereins" bevor. Der Gedanke findet 
in denjenigen Fuldaer Kreisen, die sich für die 
Geschichte der alten Bischofsstadt interessiren, großen 
Anklang. — Mit dem Plane, Rotenburg a. F. 
zum Luftkurort zu niachen, geht es vorwärts. Es 
ist zur Anlage eines Kurhauses der sogenannte 
Höberück ausersehen und von einer dem Unter 
nehmen geneigten Seite bereits ein Platz unent 
geltlich zur Verfügung gestellt worden. 
Einige Einwohner der Stadt Kassel haben, 
wie wir der „K. Allg. Ztg." entnehmen, an die 
Stadtverwaltung die Bitte gerichtet, die in der 
Altstadt so vielfach bestehenden Straßennamen 
mit „Gasse" in solche mit „Straße" umzu 
ändern, da die Bezeichnung „Gasse" den modernen 
Verhältnissen nicht mehr entspreche und die betreffende 
Straße in dem allgemeinen Ansehen herabsetze. 
Die Stadtverwaltung hat dies Ansinnen abgelehnt 
lind sich auf den Standpunkt gestellt, daß es durch 
aus wünschenswerth sei, die seit Jahrhunderten 
bestehenden altehrwürdigen und historischen 
Straßennamen unverändert beizubehalten, 
zumal das gutdeutsche alte Wort Gasse die Werth 
schätzung für eine Straße gewiß nicht vermindern 
könne. Auch in anderen deutschen Städten sei 
man bestrebt, die alten Straßennainen beizubehalten.
        

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