Full text: Hessenland (8.1894)

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bewunderten, deren Blicke wie andächtig an dem 
selben hingen. — 
Der Zufall wollte cs, daß auch die noch immer 
mit Konstanze herzlich befreundete Generalin mit 
ihrer Schwester auf der Durchreise die Kunst 
ausstellung besuchte. Als beide Damen nach dem 
Durchwandern derselben nochmals zu dem preis 
gekrönten Bilde der Künstlerin zurückkehrten, 
bemerkten sie, welches Aufsehen die liebreizende 
junge Frau, deren Gesicht ihnen nicht ganz zu 
gewandt war, bei den ziemlich zahlreichen Be 
suchern des Saales erregte. Gleichzeitig erkannten 
sie Doktor Derwall, der ihnen aber weiter keine 
Aufmerksamkeit schenkte, weil er augenscheinlich 
ganz in Gedanken versunken war. 
„Daß dieser Mensch nach einem solchen Vor 
leben noch so glücklich werden muß!" sagte die 
Generalin und trat in den nächsten Saal, um eine 
Begegnung mit Derwall zu vermeiden. „Man könnte 
wirklich an der ewigen Gerechtigkeit verzweifeln!" 
„Ja, liebe Marie," meinte die ihr folgende 
Schwester, „das Leben ist eben kein Dichter, den 
das Kunstgesetz zwingt, der Schuld auch die 
Sühne folgen zu lassen. Wenn es kein inneres 
Gericht gäbe, könnte man freilich oft an dem 
Walten einer höheren Macht verzweifeln." 
„Für diesen Mann giebt es aber kein solches. 
Er hat gar kein Gewissen und steht immer ganz 
im Banne des Augenblicks." 
„Das möchte ich denn doch bezweifeln", gab 
die Andere entschieden zurück. „Vorhin habe ich 
einen Blick auf das Bild von ihm aufgefangen, 
der viel errathen ließ." 
„Du glaubst doch nicht, daß er bei einer so 
bildschönen Frau noch an Konstanze denkt?" 
fragte die Generalin betroffen. 
„Ganz bestimmt glaube ich das. Er ist ja 
viel zu eitel, um sich nicht einzugestehen, welchen 
Glanz eine Frau wie Konstanze seinem Namen 
hätte verleihen können. Dann mag es ihn auch 
im Stillen ärgern und reizen, daß sie sich scheinbar 
so leicht mit den Thatsachen abfinden konnte." 
„Da kannst Du allerdings recht haben", gab 
die Generalin zu. „Es ist nur ein Glück, daß 
er nichts von den Kämpfen ahnt, die das arme 
Ding seinetwegen durchmachte. Jetzt aber ist sie 
wirklich wieder zu innerem Frieden gelangt. Du 
glaubst doch auch an ihre heitere Ruhe." 
„O gewiß", versetzte die Angeredete zuversichtlich. 
„In dem Bilde dort hat sie sich alles geheime 
Weh voin Herzen gemalt. Diese unselige Leiden 
schaft ist wirklich für sie versunken und verglüht 
wie die Sonne auf dem Gemälde dort. Kon 
stanze ist eine durch und durch gesunde Natur. 
Sie wird wohl auch wieder bei Männern an 
wahre Empfindungen glauben lernen, jedoch sicher 
niemals mehr eine ihr entgegengebrachte Neigung 
erwidern. Der beste Beweis hierfür scheint mir 
ihr Verhalten gegenüber Baron von Firnstetteu 
zu sein. Sein treues Gefühl, das selbst durch ihre 
Leidenschaft für Derwall nichts von seiner Stärke 
einbüßte, müßte Konstanze rühren, wenn sie ihr 
Herz der Liebe nicht für immer verschlossen hätte." 
„Und ist diese innere Unzugänglichkeit nicht 
ein großer Zug ihres Wesens?" fiel die Generaliu 
schnell ein. „Man muß ihn um so höher au 
ihr schätzen, weil sie es doch für das höchste Glück 
hält, Frau und Mutter zu werden. Aber, was 
Konstanze ist, das ist sie auch ganz. Die Künstlerin 
hat wirklich in ihr gesiegt; wir haben noch 
Großes von ihr zu erwarten und wollen uns 
freuen, daß sie durch solche Anerkennung mehr 
und mehr zu neuem Streben angespornt wird." 
„Gewiß," stimmte die Andere bei. „Doch nicht 
allein um ihrer selbst willen, sondern auch wegen 
des berühmten Mannes dorten wollen wir ihr 
Glück in der Kunst wünschen. Ihre Erfolge 
werden ja auch ihre wirksamsten Rächer sein; 
denn Derwall wird es nie verwinden, daß sie es 
ohne ihn so weit gebracht hat." 
■33— 
Kerbst. 
Ihre allerletzten Knospen 
Will die Rose nicht erschließen, 
Denn die Sonne steht schon ferne, 
Und der Nebel deckt die Wiesen. 
In den Nächten, sturmgetragen, 
Weinen schon die armen Seelen, 
Unerlöste, müde Schatten, 
Die sich noch mit Räthseln quälen. 
Aber auf des Tages Höhe 
Ist ein Stündchen Sonnenfrieden 
Eine kurze, heiße Stunde 
Der verträumten Welt beschieden. 
Halberstarrte Falter steigen 
Flatternd aufwärts in die Sonne; 
In des Sterbekleides Schleiern 
Denkt die Welt an Liebeswonne. 
Noch ein langer Kuß —, dann Scheiden, 
Einmal noch ein Rausch der Farben, 
Leidenschaft des letzten Blickes, 
Und dann — graues Winterdarben. 
Merese Kelter.
        

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