Volltext: Hessenland (8.1894)

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seither gesprochen mtb gethan, in einem ganz anderen 
Lichte erscheinen. Zwar hatte die Künstlerin 
Derwall's Geliebte mit keinem Worte vertheidigt, 
allein die alte Dame wußte nun, daß diese nicht 
so schuldig, vielmehr ein Opfer jenes dämonischen 
Menschen war wie auch seine verstorbene Frau 
und das harmlose Kind, das er jetzt an sich ge 
fesselt hatte. 
Obwohl sich die Generalin nicht das Geringste 
merken ließ, nagte doch das Bewußtsein an ihrem 
inneren Frieden, daß sie durch ihre Mittheilungen 
und ihr hartes Urtheil dem ohnehin in tiefes 
Leid versenkten Mädchen doppelt wehe gethan habe. 
Sie suchte dies deshalb in anderer Form wieder 
gut zu machen. Wann und wo es nur ging, 
besonders bei ihrer Abreise, zeichnete sie Konstanze 
durch allerlei zarte Aufmerksamkeiten ans. Trotz 
dem sie sich nicht ganz wohl fühlte, brachte sie 
ihr noch einen Strauß an die Bahn und gab 
ihr im letzten Augenblick noch durch ein paar 
Worte zu verstehen, daß sie ihr Geheimniß 
durchschaut, doch nichts von dem Glauben an die 
Reinheit ihres Wollens in Vergangenheit und 
Zukllnft eingebüßt habe. Mit dem Wunsche, 
ein großer künstlerischer Erfolg möge einigermaßen 
ausgleichen, was das Leben an ihr gesündigt, 
schied die alte Dame von Konstanze. Dann 
warf sie beim Umwenden dem zufällig in ihrer 
Nähe stehenden Schriftsteller Derwall einen offenen 
Blick ehrlichen Widerwillens zu. 
„Ach, sieh doch, welch' ein schönes Bild, lieber 
Ernst", sagte Frau Doktor Derwall zu ihrem 
Manne, als beide ein Jahr später die Kunst 
ausstellung in Berlin durchwanderten. 
Schon oft hatte sich der Letztere darüber 
gefreut, daß seine schöne junge Frau als ächtes 
Naturkind ein so feines Verständniß für land 
schaftliche Darstellungen besaß. Auch während 
er das fein ausgeführte, stimmungsvolle Bild 
betrachtete, erkannte er dies unwillkürlich wieder 
an. — lieber einer weiten, von fernen Höhen 
begrenzten Landschaft sank die Sonne. Zwischen 
den Wipfeln hoher Bäume flatterten bereits 
neblige Dümmerschleier, da und dort lagen schon 
ans den Aeckern und Rasen graue Schatten. 
Ein kühles Lüftchen schien das Gras und die 
Ranken wie mit Geisterhand zu bewegen. Ueber 
den Wiesen schwebte feuchter Duft und der Himmel 
zeigte jenes verschleierte tiefe Blau, hinter dem 
sich die Sterne noch kurze Weile verbergen. Ein 
eigener Zauber war über die Landschaft gebreitet, 
deren Eindruck durch keine störende Staffage ge 
schwächt wurde. Mit ungewöhnlicher poetischer 
Kraft und Phantasie hatte der Maler stimmungs 
voll an einem Stückchen Natur veranschaulicht, daß, 
wenn das Licht der Sonne und mit ihm der Glanz 
und die Farben verschwunden sind, die sanften Töne 
des Abends und die noch verschleierten Sterne 
allgemach Frieden und Ruhe verkündigen. 
Die junge Frau schlug den Katalog auf, 
machte ein erstauntes Gesicht und sagte zu ihrem 
Manne: „Das Bild heißt ,Wenn die Sonne 
sinkt'. Es ist mit der golduen Medaille gekrönt 
worden." 
„Das kann ich mir denken", erwiderte Derwall. 
„Der Maler dieses Bildes ist auch wirklich ein 
Meister ersten Ranges. Er besitzt nicht nur eine 
ausgebildete künstlerische Technik, sondern auch 
die feinste Naturempfindung. Es fehlt ihm dabei 
nicht das Vermögen, einen Gedanken durch die 
Wirkung landschaftlicher Poesie stimmungsvoll 
zum Ausdruck zu bringen." 
„Weißt Du, wer der Meister ist?" 
„Nein, ich kann den Namen nicht lesen, er ist 
zu sehr beschattet." 
„Nun, so höre und staune", fuhr die junge 
Frau lebhaft fort. „Der Schöpfer dieses Bildes 
ist die interessante Malerin, die ich Dir voriges 
Jahr bei unserer Verlobung in Dornheim vor 
stellte. Weißt Du, die große schlanke Dame mit 
dein feinen Gesicht und den wunderschönen ernsteil 
Augen!" 
»Ja, ja, ich erinnere iilich", erwiderte Derwall 
etwas verwirrt. Die Worte seiner schönen jungen 
Frau hatten ihn wieder einmal ganz in die Ver 
gangenheit versetzt. Mit heimlicher Wonne und 
doch nicht ohne bitteren Groll gegen sich selbst 
dachte er daran, daß die große Seele, der diese 
herrliche Kunstschöpfung entquoll, einmal ganz 
sein eigen gewesen war. Er liebte seine un 
muthige Gattin, er war unter ihrem mildeil 
Einfluß nach allen Stürmen der Jugend ein 
anderer Mensch geworden, aber Lilli blieb doch 
nur für ihn der milde Abendstern, der über seinem 
Leben aufging, als das glühende allbelebende Tages 
gestirn hinter Wolken versank. Jenes Prüfungsjahr, 
das Konstanze ihm nach dem Tode der Gattin auf 
erlegte, war eine unselige Zeit für ihn gewesen. 
Damals erschien ihm die Liebe eines kindlicheil 
Wesens wie ein Rettungsanker aus inneren 
Wirren. So weit war er gekommen, für einen 
Wahn zu halten, was sein eigentliches Glück 
ausmachte. Er konnte sich zufrieden geben, daß 
er nicht schlimmer bestraft wurde und wenigstens 
an ein edles Wesen gefesselt blieb. Aus tiefem 
Sinnen weckten ihn verschiedene Vorübergehellde, 
welche lobende Bemerkungen über das Bild fallen 
ließen, aber auch die wunderschöne junge Frau
        

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