Volltext: Hessenland (8.1894)

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Wenn die Könne sinkt. 
Novellette von E. Mentzel. 
(Schluß.) 
Doktor Ernst Derwall am anderen Morgen 
schon in aller Frühe die Landstraße hinan- 
~ v ging, um seine Braut zum Morgenspaziergang 
abzuholen, flatterte von dem Heckenzaun eines 
Gartens etwas Weißes vor ihm nieder. Hastig 
hob er das Couvert, das wirklich seine Adresse 
trug, vom Boden und öffnete es schnell. Der 
Brief enthielt nrlr die kurze Erklärung, Konstairze 
habe nicht geahnt, daß sie ihn hier wiedersehen 
würde, könne auch, um Aufsehen zu vermeiden, 
vor dem Verlauf einiger Tage nicht abreisen. 
Darunter stand der letzte Satz aus Derwall's 
neuein Roman „Ein Wahn", jedoch in folgender 
Abänderung: „Da sich die zwei Menschen früher 
wie erwartet unter ganz veränderteil Verhältnissen 
wiedersahen, konnten sie gar nicht anders, als 
sich beim gegenseitigen Erblicken ohne Haß und 
Bitterkeit wie vollständig Fremde zu begegneil. 
Sie fühlten, daß sie der thörichten Verirrung 
ihrer leichtentzündbaren Künstlerherzen diese Rück 
sicht schuldig waren, bansten aber dem Zufall, 
der sie beide von einem Wahn befreit und vor 
großer Gefahr behütet hatte." 
Derwall entfärbte sich, während er diese Zeilen 
überflog. Dann bohrte sich sein stahlgraues 
Auge forschend in das Blättergcwinde der Laube. 
Als sich nichts regte, Alles still blieb wie zuvor, 
malte sich bittere Enttäuschung in seinem männ 
lich schönen Gesicht, während über die Züge 
Konstanzens, die gleich einem Steinbilde in einem 
Winkel der Laube stand, ein Lächeln stolzer Be 
friedigung glitt. — 
Nachdem Derwall's Verlobung mit dem reizenden 
Goldfisch unter den Sommerfrischlern bekaiint 
geworden war, hatte Konstanze ihre liebe Noth, 
um die Generaliir von einem gewagten Schritt 
zurückzuhalten. Au ihrer Seite begegnete sie 
auch derir glücklichen Brautpaare und fand die 
Kraft, ihren Lippen einen Glückwunsch abzuringen, 
als das anmuthigc Mädchen strahlend auf sie 
zukam und mit dem Stolze harmloser Jugend 
den beiden Damen ihren Verlobten vorstellte. 
Kein Zucken einer Winiper verrieth, was in 
Konstanze vorging. Sie hatte diesen Augenblick 
seit gestern zu vielmal in Gedanken durchlebt, 
um nicht vollkommen Meisterin über sich zu sein. 
Derwall machte einige Augenblicke den Eindruck 
eines hilflosen Kindes. Nicht nur das Wieder 
sehen mit diesem seltenen Weibe, dessen Geist dem 
seinen mindestens ebenbürtig war, beklemmte ihm 
die Brust, auch Kvnstanzens ruhiges Verhalteil 
verwirrte ihn. Sie nahm also nicht in gekränktem 
Stolz zu einer Nothlüge ihre Zuflucht, sie war 
wirklich auch erlöst von einem Wahn und hatte 
vielleicht schon einen besseren Halt gefunden. 
Während sich der sonst sehr gewandte Mann 
etwas linkisch vor ben beiden Damen verbeugte, 
durchzuckte ihn der Wunsch, nur einen Augenblick 
die Gabe eines Sehers zu besitzen. Quälte es 
ihn doch nicht wenig, daß Konstanze so leicht 
über das hinweggekommen war, was ihn immer 
hin viele schlaflose Nächte gekostet und seine Feder 
in den Dienst der Lüge gezwungen hatte. 
Als das Brautpaar nach dem Walde gewandert 
war, sagte die Generalin noch immer erregt: 
„Sehen Sie, liebes Fräulein, so verfolgen den 
Menschen die Gespenster feiner Schuld. Haben 
Sie bemerkt, daß der berühmte Mann bei ineinem 
Anblick die Farbe wechselte?" 
„Ja, Excellenz, ich sah, wie er bleich wurde", 
versetzte Konstanze in herbem Tone. 
„Und was wird erst in seinem Innern vor 
gegangen sein!" fuhr die alte Dame erregt fort. 
„Er weiß ja, wie ich mit seiner Frau stand, intb 
kann sich vorstellen, welche Gedanken der Anblick 
des unschuldigen jungen Dings in mir erweckte! 
Gott gebe, daß sie glücklicher wird, als wir an- 
nehnien können." 
„Ja, das wünsche ich auch!" wiederholte 
Konstanze ernst. „Sie ist ein kindlich reines 
Geschöpf, es wäre hart, zu hart, wenn auch sie 
noch an der Schuld schleppen sollte, für die seine 
verlassene Geliebte zweifellos schon schwer genug 
büßen muß!" — 
„Die Aermste, an sie habe ich gar nicht mehr 
gedacht! Wie wird sie sich in diesen Wandel 
der Verhältnisse finden!" 
„Vielleicht besser, als man denkt, Excellenz", 
meinte Konstanze mit erzwungener Ruhe. „Falls 
wirklich ein Funken ächten Künstlergeistes in ihr 
lebt, muß sie jetzt zeigen, daß eine bittere Er 
fahrung ihn nicht ersticken kann. Der Gedaicke, 
sich an Edles anklammern zu können, bleibt doch 
bei inneren Stürmen der beste Schutz!" 
Die Generalin sagte kein Wort mehr, doch eine 
dunkle Vermuthung, die schon gestern plötzlich in 
ihr aufgestiegen war, gewann immer mehr Raum 
in ihrem Herzen und ließ Vieles, was Konstanze
        

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