Full text: Hessenland (8.1894)

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14000 Fußgänger, wurden bei Herrenbreitungen 
a. d. Werra zusammengezogen. An seinen Schwieger 
vater Georg sandte Philipp ein Schreiben, in 
welchem er seine Betrübniß über dessen Theilnahme 
an dem Bündniß gegen die neue Religion aussprach. 
Hierauf wurde Philipp die Antwort, daß der 
Verfertiger der Schrift ein Betrüger sei. Auch 
die übrigen befragten Fürsten stellteil ihre Mit 
wissenschaft uild Theilnahme an dem angeblichem 
Bündnisse in Abrede. Erst als unter Vermittelung 
der Kurfürsten Ludwig von der Pfalz und Richard 
von Trier zu Schmalkalden und Gelnhausen die 
Bischöfe Konrad von Thungen zu Würzburg 
40000, Wigand von Redwitz zu Bamberg 
20000 und Albrecht zu Mainz 40000 Gulden 
Kriegskosteil zu bezahlen versprachen, legte Philipp 
die Waffen nieder. Otto von Pack, der die Ur- 
kunde des Bündllisses nicht liefern konnte, wurde 
über die Echtheit derselben in Kassel verhört. 
Bei diesem Verhör erschienen für den König 
Ferdinand Treusch von Buttlar, Regent in 
Würtemberg, und Dr. Hemminger; für den Kur 
fürsten von Brandenburg Eustachius von Schlieben 
und Dr. Lorenz Starck; für den Herzog Georg 
von Sachseil Graf Hoher von Mansfeld, Ernst 
von Schönburg, Christoph non Taubenheim und 
als der heftigste von allen der Kanzler Simon 
Pistoris. Bei dem Verhör behauptete Otto von 
Pack, die von ihm zufällig entdeckte Abschrift sei 
echt. Der vont Herzog Georg verlangten Ans 
lieferung Pack's leistete Landgraf Philipp keine 
Folge, der Angeschuldigte blieb vielmehr ein Jahr 
lang, bis znm 16. Juni 1529, zu Kassel. Aus 
seiner Haft entlassen gegen die schriftliche Ver 
sicherung, sich erforderlichen Falls vor Gericht zu 
stellen, und auch weil ihn der Landgraf als 
Hinderniß der Aussöhnung mit den betheiligten 
Fürsten nicht länger beherbergen sonnte, wurde 
Pack aus Kassel ausgewiesen und irrte dann 
flüchtig umher. Später auf Antreiben seines 
Feindes Georg verhaftet, wurde er, nachdem er 
unter der Folter gestanden hatte, daß eine wenn 
auch nicht von ihm herrührende Fälschung vor 
liege, zu Antwerpen enthauptet und geviertheilt. 
Obgleich diese Angelegenheit bald beigelegt war, 
nahm der Zwiespalt im Reiche der Reformation 
wegen immer zu. Auf einem Reichstage zu 
Speyer wurde von der Mehrzahl der Stünde 
folgender Beschluß gefaßt: „Nicht nur solle bis 
zum General-Konzilium oder einer National- 
Versammlung jener so vielfach mißverstandene 
und gemißbrauchte Hauptartikel des vorigen Reichs 
tags (welcher die evangelischen Stände unter eine 
allgemeine Verantwortlichkeit vor Gott und dem 
Kaiser gestellt) aufgehoben, sondern auch das 
Wormser Edikt bei denjenigen, welche bisher bei 
demselben geblieben, ferner gehandhabt und ihre 
Unterthanen dazu gehalten, bei den andern, wo 
die neue Lehre entstanden und zum Theil ohne 
Aufruhr und Gefährde nicht wieder abgeschafft 
werden könnte, jede Neuerung verhütet, die heilige 
Messe nicht abgethan noch verboten noch verhindert, 
endlich die dem Sakrament des Leibes und Blutes 
Christi widerwärtige Lehre verworfen werden." 
Gegen diesen gefaßten Beschluß setzten die evange 
lischen Fürsten — an ihrer Spitze Landgraf 
Philipp, der Kurfürst von Sachsen, Markgraf 
Georg von Brandenburg-Ansbach-Jägerndorf, die 
Herzöge Ernst und Franz voll Brauuschweig- 
Lüneburg und der Fürst Wolfgang von Anhalt — 
ihre Protestation auf, von der die Partei den 
Namen „Protestanten" erhalten hat. Der Inhalt 
der Protestation war, daß sie das begonileile Werk 
der Reformation fortsetzen wollten, ilild daß sie 
sich ferner nach dem früheren einhelligen Beschluß 
bis zu einer allgemeinen freien Kirchenversammlung 
so halten wollten, wie sie es vor Gott und dem 
Kaiser verantworten könnten. Nach der Rück 
kehr in sein Land ließ der Landgraf seine 
Protestatioll durch den Druck bekannt machen. 
Die Gründe der Protestation wurden dem 
Kaiser durch eine Gesandtschaft der evangelischeil 
Fürsten zugleich mit der Absicht, seine Gesinnung 
zu erforschen und ihn, wenn irgend möglich, 
günstig zil stimmen, vorgelegt. Als Gesaildten 
wurden abgesandt Ehmeyer, Bürgermeister voll 
Meiilmingcn, Alexis Frauentraut, Sekretär des 
Markgrafen Georg, Meister Michael voll Kaden, 
Syndikus von Nürnberg. Dieselben konnten aber 
nichts ausrichten, es wurde ihnen vielmehr ab 
schlägiger Bescheid vom Kaiser. 
Auf denl Reichstag zu Speyer hatte Philipp 
den Entschluß gefaßt, eine Versammlung der 
Häupter der evangelischen Lehre zu veranstalten, 
damit womöglich der Streit über die A b e n d m a h l s - 
lehre zu Ende geführt würde. Das Gespräch 
sollte ein freundliches, undisputirliches sein. Als 
Ort der Versammlung gab das Einladungs 
schreiben Marburg an. Während sich Zwingli 
sofort zu einer Zusammenkunft bereit erklärte, 
waren Luther und Melanchthon ailfangs abgeneigt. 
Unter der Begleitung Eberhard's von der Tann, 
Amtmanns zur Wartburg, kaineu die beiden, 
Lllther und Melanchthon, nach Kreuzburg a. d. 
Werra, wo sie blieben, bis ihnen Landgraf Philipp 
noch ein besonderes schriftliches Geleit zusandte. 
Hierauf erhielt Philipp folgendes Schreiben: 
„Gnad' und Friede ynn Christo. Durch 
leuchtiger Hochgeboruer Fürst, gnediger Herr. 
Das E. F. G. unser beiden Schlifft empfangen
        

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