Full text: Hessenland (8.1894)

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Die Herren fürchteten trotz des Passes, daß meiner 
Weiterreise Schwierigkeiten in den Weg gelegt 
werden könnten, und von Eschwege schlug mir 
vor, unter der Maske einer Augenkranken angeblich 
nach Berlin zu reisen, was ich den andern Morgen, 
nachdem ich wenige Stunden bei Elisabeth*), 
die ich sehr krank fand, geruht hatte, glücklich 
durchführte. Mit Hofrath vr. Schotten**) 
hatte ich Verabredung genommen, daß er mich 
den 27. Morgens in seinem Wagen abholen und 
zur Eisenbahn geleiten sollte; um 6 Uhr sollte 
der Zug nach Berlin abgehen, und ich erwartete 
Hofrath Schotten im Tuch und Kapothut mit 
dichtem blauen Schleier von Fräulein Weever ***), 
welchem Kostüm er noch eine blaae Brille zufügte. 
Meine Kammerfrau war allein mit einem kleinen 
Koffer zur Bahn gegangen, ebenso der Laquai 
mit dem Reisesack, jedes selbstständig für sich. 
Ayi Bahnhof angekommen, erfuhr ich zu meinem 
Schrecken, daß cs noch unsicher sei, ob der Zug 
abgehen würde, und ich blieb deshalb, in die 
Ecke meines Wagens gedrückt, sitzen, bis sich 
die Sache günstig entschieden hatte. Hofrath 
Schotten löste mein Billet, und an seinem 
Arm durchschritt ich den Wartesaal. Er erkannte 
in einem der Waggons die Familie Thüngenff) 
und den Grafen Paarfifi), und nachdem er mich 
ihnen genannt hatte, fand ich einen Platz bei 
ihnen. Sie waren auf der Reise nach Frankfurt 
begriffen, und so konnte ich durch sie Nachrichten 
an die Meinigen gelangen lassen. Bis kurz vor 
Holzminden blieben wir zusammen, dann setzte 
ich meinen Weg allein fort, und nach verschiedenen 
Aufenthalten kam ich um 3 /+10 Uhr in Berlin 
an. Mit einen: Briefe des Grafen Bondy fuhr 
ich direkt vor das Hotel des französischen Gesandten 
Mr. Benedetti und bat ihn, mir mit Rath 
schlägen behilflich zu sein, wie ich mich nach meiner 
Ankunft in Stettin zu verhalten habe, um zu 
Papa zu gelangen, denn ich hatte keine Vorstellung, 
in welcher Weise seine Gefangenschaft gehalten 
würde. — 
Mr. Benedetti erbot sich zu Bismarck zu 
fahren und versprach mir, noch denselben Abend 
Nachricht in das Gasthaus zu bringen, in dem 
ich absteigen würde. Ich nannte Hotel du Nord, 
und nach einer halben Stunde erschien dort der 
Gesandte mit verzweifelnden Nachrichten. Graf 
Bismarck hatte erklärt, daß er mich unter keiner 
Bedingung zu Papa lassen würde, denn der 
*) Prinzessin Wilhelm von Hanau. 
**) Hofmedikus. 
***) Gesellschaftsdame der Prinzessin Elisabeth, 
f) Bayerischer Gesandter in Kassel, 
ff) Oestereichischer Gesandter. 
antipreußische Einfluß, den ich auf ihn ausübe, 
sei so bekannt, — daß er von meiner Ankunft 
benachrichtigt sei und Befehl gegeben habe, mich 
in Stettin zu arretiren. Mr. Benedetti rieth, 
daß ich meine Absicht aufgeben möchte, denn der 
Willen Bismarck's sei eisern, aber hierzu wollte 
ich mich nicht verstehen, sondern Alles daran setzen, 
um mein Ziel zu erreichen. Als es am nächsten 
Morgen, den 28., endlich 9 Uhr war, schrieb ich 
an die Gräfin Oriola, setzte ihr mit kurzen 
Worten den Grund meiner Anwesenheit auseinander 
und bat sie, mich um 11 Uhr zu empfangen, um 
ihr das Nähere mitzutheilen. Anstatt dessen kain 
sie selbst um diese Stunde zu mir, hatte aber 
keinen Trost für mich, indem sie versicherte, die 
Königin, um deren Vermittlung ich bat, bliebe 
allem Politischen fern. So beschloß ich denn, an 
den König zu schreiben, und bat die Gräfin, den 
Grafen Perponcher zu bitten, mich aufzusuchen. 
Nach kurzer Zeit kamen Beide zusammen, und zu 
meiner Freude und meiner Verwunderung zeigte 
Perponcher mir mein Telegramm an den König, 
unter das er mit eigener Hand folgende Worte 
geschrieben hatte: 
„Da der Kurfürst sich, durch die politischen 
Verhältnisse veranlaßt, seit gestern in Stettin 
in meinen Staaten residirt, so steht nichts 
entgegen, daß die Frau Fürstin sich dorthin 
begibt, was ich sogar sehr gern sehe, damit 
Ihrem Herrn Vater jede Annehmlichkeit wider 
fahre. Wilhelm Rex." 
Ich theilte Perponcher den Ausspruch Bis- 
marck's mit, den er nicht glauben wollte, 
aber ich bat ihn dennoch, sich nach der Sachlage 
vor meiner Abreise zu erkundigen. Der nächste 
Zug ging um s lil Uhr, ich hoffte denselben 
benutzen z» können, aber eine halbe Stunde vorher 
fuhr Perponcher wieder vor und ließ mir 
sagen, ich möchte meine Abreise bis Abends 
7 Uhr verschieben. Endlich nach Stunden, die 
nicht enden wollten, erschien er und hatte meinen 
französischen Paß von dem Oberhofmarschall 
Grafen Pückler visiren lassen. Es stand ans dem 
Paß, daß ich die Erlaubniß habe, mich für einige 
Tage nach Stettin zu begeben.*) Perponcher, 
*) Der Paß hat folgenden Wortlaut: „Au nom de 
S. M. Napoleon III empereur des français. Nous, 
Ministre plénipotentiaire de France près S. A. R. 
l’électeur de Hesse prions les autorités civiles et 
militaires chargées de maintenir l’ordre public dans 
l’intérieur de l’empire et dans les pays amis ou 
alliés de la France de laisser librement passer et 
circuler Son Altesse la Princesse Ysenburg-Wächters 
bach allant à Stettin. Cassel, le 26 Juin 1866. Le 
Ministe de France. Comte de Bondy.“ Der Zusatz
        

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