Full text: Hessenland (8.1894)

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Da er Holz gefällt im Walde; Erde hat sein 
Blut getrunken —, 
Ob der dichte Kirchhofsrasen seines Dörfchens 
deckt mit Frieden 
Einen treuen Mann der Arbeit, namenlos dahin 
geschieden, 
Ob Du mit der Mutter wanderst, die ihr Kind, 
in Schmerz geboren, 
Meilenweit zum Arzte hinträgt, daß er sagt: 
„Es ist verloren!" —, 
Ob das Stundenglas in Händen Du am Bette 
weilst des Kranken, 
Der die Seinen läßt im Elend und sich martert 
in Gedanken, 
Oder ob mit leichten Schritten froh Du wanderst 
durch die Auen, 
Weil Dir wohl wird in der Freiheit, nnter'm 
Himmelsdom, dem blauen, 
Weil für Dich die wilden Blumen drohen wachsen 
auf der Halde, 
Weil für Dich die wilden Wasser rauschend 
singen tief im Walde, 
Weil für Dich den sel'gen Glauben, abgetrag'nes 
Kleid der Reichen, 
Gottes Liebe aufbehalten, als sein bestes Gnaden 
zeichen. 
In den Kirchen, wo die Mutter lächelt mit dem 
süßen Kinde, 
Lächeln heut' noch Deine Greise, wohnt Dein 
großes Zugesinde, 
Das Dich liebt und ehrt im Geiste. Um das 
Kreuz des ewig Einen 
Drängen sie sich noch in Schnüren, um zu beten 
und zu weinen. 
Was der Welt ein Traum geworden, ist Dir 
noch die sel'ge Wahrheit, 
Was wir nur durch Nebel sehen, liegt für Dich 
in sonn'ger Klarheit. 
M. Kervert. 
Märchen. 
Es war die stumme Sommernacht 
So mondenhell und lau, 
Jni Schilfe sang ihr schönstes Lied 
Die schönste Wasserfrau. 
Fortuna stand arn Uferrand 
Und lauschte — wie im Traum; 
Der kühle Thau benetzte sanft 
Des Duftgewandes Saum. 
Es sang die junge Wasserfrau 
So wundersam und weich —, 
Die Göttin schaute weltentrückt 
Wohl in den grünen Teich. 
Da schmolz ihr Herz, da schmolz ihr Sinn, 
Sic weinte tiefgerührt: 
„Auf welche Bahnen hast Du mich, 
O Zauberhild, geführt! 
Viel' armen Wesen hab' ich heut' 
Den höchsten Wunsch versagt: 
Ich weiß, daß manches schlaflos liegt 
Und heimlich um mich klagt." — 
Sie hob ihr goldnes Flügelpaar, 
Das schimmernde, ganz sacht. — — — 
Am Morgen hat sie reiches Glück 
Den Sehnenden gebracht. 
Sascha tz-sfa. 
Wärest An die blnne Fulde! 
Wärest Du die blaue Fnlde 
Und der Werrastrom wär' ich, 
Strömt' ich zu Dir, meine Hulde, 
Und nühm' in die Arme Dich. 
Brust zu Brüsten dann jetzunder 
Und im Vollgenuß des Seins 
Schwämmen wir zum Meer hinunter, 
Als die Weser — eins in eins. 
Ludwig Mokr. 
Aus alter und neuer Iert. 
Heute Landgraf oder keiner mehr. Es 
war am 23. Juli 1427, da war der vierundzwanzig- 
jährige Ludwig I. Landgraf des Hessenlandcs. 
Damals hatte der Erzbischof Konrad, ein Wild 
graf bei Rhein, den erzbischöflichen Stuhl in Mainz 
inne. Konrad hatte zu Fritzlar bedeutenden Land 
besitz und suchte auf Kosten des Landgrafen diesen 
noch mehr auszudehnen. Dieser aber dachte nicht 
daran, sich seine Rechte im Geringsten schmälern zu 
lassen, sondern bot alle waffenfähigen hessischen Männer 
aus, um die unbilligen Forderungen des streitbaren 
Erzbischofs mit Waffengewalt zurückzuweisen. Ob 
wohl nun die Mainzischen den Hessen au Zahl 
weit überlegen waren, so vertraute der Landgraf 
doch auf die Tapferkeit und Treue seiner Hessen 
und sprach, im festen Vertrauen aus sein gutes
        

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