Volltext: Hessenland (8.1894)

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bett Feuerbrattb in ihr wunbes Herz schleuberte 
unb viele schmerzliche Fragen nnb Gebanken 
entfachte. — — 
Leises Flüstern schreckte Konstanze aus tiefem 
Sinnen auf. Sie hob beit Kopf unb sah 
in bie Lanbstraße hinunter. Da schritt eben 
ein Paar, zärtlich an einanber geschmiegt, langsam 
aufwärts. Bei biesem Anblick staub ihr bas 
Herz in ungeheuerem Entsetzen stille. Es war 
ihr, als ob sie eilt Faustschlag treffe unb ber 
Bobett unter ihren Füßen hinweggezogen würbe. 
Dennoch erhob sie sich unb sah burch eine Oefftnuig 
ber Laube betn ganz in sein Glück versunkenen 
Paare starren Blickes so lange nach, bis bie 
bnnklen Schattett alter Bäume besseit Gestalten 
ihren Angen entzogen. Aus ber Ferne klang 
aber noch bas silberhelle lustige Kichern einer 
melobischen Mäbchenstimme beutlich burch bett 
Frieben ber Dümnierung leise zu ihr herüber. 
Längst war es bnnkel unb kühl geworben, buch 
noch immer buchte Konstanze nicht an bie 
Mahnung ber mütterlichen Freunbin. Jit 
Hkil'gk Armuth. 
Heil'ge Armuth, weltverschmähte, bie sich tröstenb 
Gott erwählte, 
Die er in Jubäas Bergen selig lächelnb sich 
vermählte, 
Die er ans bem Staub ber Demuth zur Gefährtin 
sich erhoben, 
Deren tiefgebeugtes Antlitz er mit gvlb'nem Scheut 
umwoben —, 
Wo Du gehst auf bieser Erbe mit bett wunb- 
gerieb'nen Füßen, 
Mit beut Staub auf Deinem Kleibe —, laß 
Dich ehren, laß Dich grüßen: 
Ob Du atis ber Klosterpforte trittst am thau- 
beglünzten Morgen 
Unb mit gottgegeb'nem Herzen Dich belübst mit 
fremben Sorgen, 
Ob Du wohnst int ernsten Geiste eines Mannes, 
ber ba kannte 
Jebe Nichtigkeit bes Lebens unb Dich breimal 
selig nannte, 
Ob Du stehst an Kirchenthüren, auf bem Antlitz 
sanfte Trauer, 
Unb Dich, scheu vor hartem Worte, an bie Steine 
brängst ber Mauer, 
Ob Du alt nnb einsam wanberst an bem Krück 
stock auf bett Wegen 
Gebanken versunken saß sie in ber Laube. 
Enblich erhob sie sich unb schritt bie Stufen 
zu ber Billa hinan. Ringsum herrschte tobten- 
haftes Schweigen. Nur ber leise Gesang eines 
halbverschlafenen Vogels traf ihr Ohr, unb eilt 
feuchter Hauch wehte von bett Felbern an sie 
heran unb kühlte ihr heißes Gesicht. Weiße 
Nebel wallten zitternb über bett Wiesen im 
Grunbe, bie Bäume bes Gartens rauschten ge 
heimnißvoll ; auf bett Wipfeln bes nahen Walbes 
wölbte sich ber bunkelblane, von zahllosen Sterneit 
übersäte Himmel. Bei biesem Anblick kam wieber 
Friebe in Konstanzens erregte Seele. Sie blieb einen 
Augenblick stehen, sah in bett stillen Abenb hinaus 
unb sprach leise vor sich hin, als ob sie zu einer 
anberen Person rebe: „Ja, wenn bie Sonne 
sinkt, bann wirb es kühl unb sterben bie Farben! 
Aber im Dunkel ba naht ber Friebe, ba gehen 
bie Sterne auf nnb leuchten! — Nein, ich bin 
nicht unglücklich unb verlassen! — Stehe ich auch 
ganz allein, so habe ich hoch meine Kunst, sie soll 
mir helfen, sie wirb mir helfen!" — 
8 folgt.) 
Unb bem kargen Geber wünschest tausenbfachen 
Gottessegen, 
Ob im kurzeit Kinberröckchen unb mit nackten 
kleinen Füßen 
Blutenb gehst auf harten Steinen, um mit 
Veilchen uns zu grüßeit, 
Ob Du bumpf, verweinten Auges starrst burch's 
Fettster Deiner Hütte, — 
Ach, kein Stücklein Brvb im Kasten, keine Decke 
auf ber Schütte! —, 
Ob verschämt unb in Ergebung Du Dich plagst 
bie langen Nächte, 
Träumenb von bem Tag ber Sonne, ber auch 
Dir Erlösung brachte. 
Ob im Schooß ber Riesenstäbte, hungernb, mübe 
unb verloren, 
Du in kalten Winternächten seufzest: „Wär' ich 
nie geboren!" —, 
Ob Du im Maschinensaale, halberstickt vom 
heißen Staube, 
Ferne hörst ber Büche Rieseln, ferne siehst bes 
Walbes Laube, 
Ob im Massengrab bes Friebhofs eine Nummer 
nur bett Tobten 
Seiner blassen Waise anzeigt, weil zu theuer 
Grunb unb Boben, 
Ober ob ein Kreuz am Wege sagt: Hier ist er 
hingesunken,
        

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