Full text: Hessenland (8.1894)

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Ton zusammen oder raubte ihr eine blitzartig 
durch sie hinznckende Ahnung für einige Augen 
blicke die Selbstbeherrschung? — Dann unter 
hielt sie sich wieder unbefangen mit der alten 
Dame, die sich erst entfernte, als der mit der 
Post vorüberfahrende Bote der Künstlerin einen 
Brief in den Garten reichte. Zweifellos mußte 
dieselbe ans daS Schreiben gewartet haben; denn 
man merkte es an ihrer Unruhe, wie sie auf den 
Inhalt gespannt war! Hatte die Adresse nicht 
die Schriftzüge einer Frauenhand getragen, die 
Generalin würde überzeugt gewesen sein, daß hier 
die Liebe mit im Spiel sei. 
„Bleiben Sie nicht zu lange draußen, liebes 
Fräulein!" rief dje alte Dame Konstanzen noch 
zu, als sie sich schon ein paar Schritte entfernt 
hatte. „Wir haben Ende August, da wird es 
schon empfindlich kühl, wenn die Sonne gesunken ist." 
Die Künstlerin nickte' und schauerte in sich 
zusammen. „Ja, es wird kühl, wenn die Sonne 
sinkt," sprach sie leise vor sich hin und trat, den 
Brief in der Hand, in eine Laube, die auf einer 
Erhöhung über der Landstraße lag und von 
dichten Buchenwänden umschlossen war. 
Eine Viertelstunde mochte verstrichen sein. 
Ueber dem Goldglanz im Westen flatterten 
schleierhafte Gebilde; durch die Bäume rauschte 
der Abendhauch. Es wurde stille in der Natur, 
seit die Sonnenscheibe in einem blaßblauen Meere 
hinter der fernen Höhenkette versunken war. 
Auch in Konstanze wurde es allmülig ruhiger. 
Sie faltete den Brief zusammen, den ihr die 
Vertraute ihres Verhältnisses zuschickte, und ver 
gegenwärtigte sich nvch einmal das letzte Zusammen 
sein mit dem angebeteten Manne. Damals, 
als sie von seiner Liebe das Opfer verlangte, 
daß er sie während des Trauerjahres nicht sehen 
und erst nach Ablauf desselben an die Ver 
öffentlichung ihres Verhältnisses denken solle, 
damals war zuerst die Ahnung jenes Wandels 
in ihr aufgeblitzt, den sein letztes Werk ihr an 
gekündigt, sein Brief soeben zur Gewißheit gemacht 
hatte. Eigentlich hätte sie vor einem Jahre von 
seinem leidenschaftlichen Unmuth beglückt sein 
müssen. Dennoch war trotz aller Liebe zu ihm 
doch ein leises Grauen durch sie hingeflogen, 
als er mit einem wichtigen Abschnitt seines 
Lebens so ruhig abschließen und der Entschlafenen 
nicht das kleinste Opfer bringen wollte. Wie 
sie hierüber dachte, hatte sie ihm keineswegs 
verschwiegen. Doch mit derselben überzeugenden 
Beschönigungskunst, mit der er die Wandlung im 
Gemüthe seines Romanhelden und sein eigenes 
unmännliches Verhalten als die nothwendige 
Folge einer inneren Entwickelungsphase darzu 
stellen verstand, hatte er sich auch selbst zu ver 
theidigen gewußt. Und Konstanze war der Gewalt 
seiner Worte, dem Zauber seines Wesens alsbald 
erlegen. Schließlich fand sie es trotz heimlichen 
Bangens begreiflich, daß er sich durch seine un 
befriedigte Ehe heftig nach einem ächten Herzens 
bunde sehnte und der Frau nicht lange nach 
trauern wollte, die ihn nie verstanden und ihm 
das Leben zur Qual gemacht hatte. Doch, — 
Konstanze wußte es jetzt —, ihr guter Genius 
hatte über ihr gewacht, als sie dennoch auf ihrem 
Verlangen bestand intb den Platz der Verstorbenen 
durchaus nicht allzuschnell einnehmen wollte. 
Dunkle Gluth schoß in das Antlitz der Künst 
lerin, indeß sich ihre schönen Züge in dem 
Ausdruck grollender Bitterkeit verhärteten. Mit 
einer Lüge fing er einst ihr Herz, durch eine 
Lüge hatte er sich wieder von ihr frei gemacht! 
Die arme Frau, die er verleumdete, um sein 
Ziel zu erreichen, war gerächt. Was sie still 
ertragen mußte, legte jetzt das Schicksal als 
Sühne auch der gefürchteten Nebenbuhlerin auf. 
Dentt, wenn Konstanze ihn auch verachtete und 
sich glücklich pries, daß es anders gekommen war, 
wie sie gehofft, so vermochte sie doch ein Gefühl 
nicht aus ihrem Herzen zu reißen, das unter 
schweren Kümpfen darin so tiefe Wurzel ge 
schlagen hatte. Konstanze haßte Derwall und 
liebte ihn dennoch mehr als zuvor. Sie schämte 
sich dieser Empfindung und konnte sie doch 
nicht unterdrücken. Obwohl sic voll Reue an 
die Qualen des armen, verkannten Weibes 
dachte, flüchtete sie sich trotzdem in bodenlosem 
Weh iit die Zeit, da ihr sein Herz wirklich ganz 
zu gehören schien. Belügen konnte sie sich nicht, 
selbst in dieser schweren Stunde mußte sie sich 
ehrlich eingestehen, wie sehr sic ihn geliebt hatte, 
wie heiß sie ihn nvch liebte. Diese Enttäuschung 
hatte eine Kluft in ihr Inneres gerissen, die 
jenen Umwälzungen vulkanischer Erdstöße in der 
Natur glich, deren Gewalt eine ganze Gegend 
im Nu verändert, ohne deshalb ihrem Boden 
einen anderen Gehalt zu geben. — Wie im 
Garten und in den Gefilden ringsuiu war es 
auch Abend für Konstanze geworden. Was nach 
dem Tode der geliebten Eltern ihr das Leben 
wieder werth machen uub verschönen sollte, war 
plötzlich versunken wie dort das scheidende Licht 
hinter dem Gebirge. Aber Niemand sollte erfahren, 
was sie bei diesem Erlebniß empfand, am wenigsten 
er, der sie nie ganz gekannt, der überhaupt von der 
Tiefe und Kraft einer großen Leidenschaft keine 
Ahnung hatte. Nur vor etwas bangte ihr noch, 
vor einer dunklen Gewißheit, die auch jetzt wieder
	        

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