Volltext: Hessenland (8.1894)

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Wenn die Sonne sinkt. 
Novellette von E. Mentzel. 
(Fortsetzung.) 
§ ie Generalin und Konstanze blickten unwillkür 
lich der lichten Erscheinung nach, bis sie hinter 
~ einer Biegung der Landstraße verschwunden 
war. Dann sagte die alte Dame: „Bei dem Anblick 
dieses holden, liebreizenden Wesens muß ich aller 
dings zugeben, daß die frische, unentweihte Jugend 
das Schönste im Leben ist." 
„Nicht wahr?" gab Konstanze ernst zurück. 
„Die Kleine ist aber auch ein entzückendes 
Geschöpf! Seit sie mit ihren Eltern droben in 
der neuen Villa wohnt, habe ich schon manchen 
Gang gemacht, um sie zu sehen." 
„Obwohl ich keine Malerin bin, that ich schon 
mehrmals dasselbe", gestand die Generalm. „Und 
doch kann ich das junge Mädchen nicht ohne 
Wemuth betrachten?" 
„Aber weshalb denn, Excellenz? Sie sieht 
doch wie das verkörperte Glück aus und hat als 
einzige Tochter sehr reicher Eltern gewiß alle 
Ursache, mit ihrem Loos zufrieden zu sein." 
„Freilich", gab die Angeredete zu. „Da 
Fräulein Lilli heimlich verlobt und jedenfalls 
eben im Begriff ist, den schon gestern erwarteten 
Bräutigam abzuholen, lassen sich noch mehr 
Gründe anführen, um sie glücklich zu nennen. 
Allein sie erinnert mich in ihrem Aeußeren und 
iu ihrem ganzen Wesen zu sehr an eine tief 
unglückliche Frau. Diese lernte ich auch kennen, 
als sie ein noch ebenso strahlendes und heiteres 
Geschöpf war." 
„Ah so, dann begreife ich Ihre Wehmuth!" 
versetzte die Künstlerin verständnißvoll. „Lassen 
Sie uns hoffen, Excellenz, daß Fräulein Lilli 
glücklicher bleibt wie jene arme Frau." 
„Das gebe Gott! Lieber würde ich einen 
frühen Tod wünschen als ein solches Loos!" 
„Excellenz, darf ich fragen, was dies für ein 
Loos war?" versetzte Konstanze theilnehmend. 
„Warum nicht! Was ich weiß, ist in meiner 
Vaterstadt ja doch ein öffentliches Geheimniß. 
Die Frau, von der ich rede, war die Gattin 
eines berühmten Mannes. Bitter und schmerzlich 
hat sie an sich erfahren müssen, daß Geistes 
größen in ihren Werken oft ganz andere Seiten 
offenbaren als in ihrem Leben. Die Aermste 
entstammte einer sehr angesehenen Familie. Sie 
verliebte sich blutjung in ihren Mann und 
heirathete ihn gegen den Willen der Eltern und 
Geschwister. Das Glück blieb nicht lange unge 
trübt. Nachdem drei Kinder geboren waren, die 
im Verlauf einiger Jahre wieder kurz hinter 
einander starben, beging der geistvolle Herr einen 
schnöden Vertrauensbruch nach dem anderen an 
seiner Frau. Bald hatte er ein Verhältniß mit 
einer Ballettänzerin, bald mit einem Dienstmädchen, 
bald mit einer ganz verrufenen Person. Alle diese 
schmutzigen Beziehungen ertrug die arme, mittler 
weile schwer leidende Frau mit einer wahren 
Himmelsgeduld. Als er sich jedoch vor etwas 
mehr als zwei Jahren in eine berühmte Schau 
spielerin, Sängerin oder sonstige Dame von der 
Kunst, deren Namen man nicht kennt, so leiden 
schaftlich verliebte, daß er sogar den Entschluß 
faßte, sich von seinem todtkranken Weibe zu 
trennen, da hatte Gott mehr Erbarmen und 
erlöste die arme Frau. Sie starb glücklicherweise, 
che der berühmte Mann den ersten Schritt zur 
Auflösung der Ehe gethan hatte." 
Die röthlichen Strahlen der Sonne, deren 
feurige Scheibe eben hinter dem Höheuzuge in 
der Ferne versank, gossen ein blendendes Licht 
über den hochgelegenen Garten und die ganze 
Gegend. Es lag deshalb nichts Auffallendes 
darin, als die Künstlerin ihre Augen mit der 
Hand bedeckte und während der Erzählung der 
alten Dame ihren Stuhl etwas weiter fort aus 
dem grellen Schein in den Schatten eines Baumes 
schob! Die Generalin schien denn auch diese 
Schutzmaßregel ganz begreiflich zu finden. Sie 
schob die Bank ebenfalls etwas mehr zur Seite 
und bemerkte deshalb nicht, daß Konstanzens 
Gestalt in innerem Sturme bebte, daß ihre 
schlanken Finger heftig zitterten. 
Eine Weile verging, ehe eine Erwiderung über 
ihre Lippen kam. Mehrmals wollte sie sprechen, 
allein ihr Herz schlug noch überlaut, und sie 
war noch nicht Meisterin ihrer Stimme. Endlich 
nahm sie alle Kraft zusammen und fragte iu 
einem Tone, der fast hart klang, doch von heim 
licher Spannung erfüllt war: „Hat denn der 
berühmte Mann inzwischen seine Geliebte ge- 
heirathet, Excellenz?" 
„Nein", gab die Angeredete harmlos zurück. 
„Seit dem Abschluß des Trauerjahres hat man 
schon vergeblich auf die Anzeige der Verlobung 
gewartet. Verschiedene Leute glauben deshalb, 
die Geschichte sei nur ein schlau erfundenes 
Märchen gewesen."
        

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