Full text: Hessenland (8.1894)

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Heer von 12000 Mann wohlgeschulter und 
disziplinirter Knechte zu Roß und Fuß schlag 
fertig gemacht und war nicht im Entferntesten 
gewillt, klein beizugeben. 
Bereits waren die Stände des oberrheinischen 
Reichskreises zur Aufstellung eines Kreisheeres 
zu Schutz und Trutz von ihm beschickt worden. 
Auch den Statthalter der Geueralstanten der 
Niederlande, Moritz voll Oranien, hatte er ge 
beten, das der Union versprochene Hilfsheer zu 
senden, wahrend er offen mit dem Unionsgeneral, 
welchem die Aufgabe gestellt war, den Rhein und 
die Pfalz zu schützen, in Verbindung trat. 
Leider fand Moritz bei seinen Landständen 
nicht die gewünschte Unterstützung, im Gegentheil, 
er machte die Erfahrung, daß hinter seinem 
Rücken konspirirt wurde (neuzeitlich: „getodten- 
gräbert"), was sein zeitgemäßes Vorgehen leider 
allzusehr lähmte. 
Trotz alledem drang er auf energische Kriegs 
führung, hatte doch der Kaiser kein Recht, und 
war es doch gegen die Wahlkapitulation, fremd 
ländischen Kriegsvölkern die Pforten des Reiches 
zu öffnen, und trat doch Spinola immer ent 
schiedener mit dem Vorgeben auf, daß er iin 
Namen des Kaisers handle, während kaiserlicher- 
seits dem auch nicht im Geringsten widersprochen 
wurde. Ja, der Landgraf ging so weit, die Auf 
stellung eines weiteren Unionsheeres auf dem 
rechten Rheinufer zu fordern und erbot sich, mit 
seinen eigenen Völkern den wichtigen Paß, die 
schutzverwandte Stadt Limburg, zu besetzen. 
Den Landesvertheidigungsplan hatte Moritz 
zur Begutachtung dem bundesverwandten Könige 
von England und dem Statthalter der General 
staaten der Niederlande, Moritz von Oranien, 
vorgelegt. Der letztere, der einzige zeitgenössische 
Feldherr, der im Stande war, Spinola die 
Spitze zu bieten, fand diesen Plan nicht nur gut, 
sondern er versprach auch zur Ausführung des 
selben ein Hilfsheer zu stellen. Leider wurde er 
durch ein spanisches Beobachtungskorps im Schach 
gehalten und kam dadurch außer Lage, ausgiebige, 
kräftige Hilfe leisten zu können, und als trotz 
alledem dennoch endlich ein Hilfskorps abging, 
hatte der Univnsgeneral leider schon seine feste, 
günstige Stellung bei Oppenheim gegen Spinola 
geräumt, wodurch die Verbindung mit dem Kriegs 
volke des Landgrafen unterbrochen wurde. Diese 
Verbindung wieder herzustellen, sandte Moritz 
von Oranien seinen Bruder, den Prinzen Heinrich 
Friedrich von Oranien, mit einigen Fähnlein 
Holländern und mit Hilfstruppen, welche der 
König von England gesandt hatte. 
Prinz Heinrich kam; aber die ihm gestellte 
Aufgabe zu lösen, gelang ihm wegen der lauen 
Maßnahmen des Unionsgenerals nicht. Hierüber 
unmuthig, hauptsächlich aber eingeschüchtert durch 
Nachstellungen von Seiten fanatischer Spanier, 
trat er plötzlich den Rückzug an und zwar in 
einer solchen Eilfertigkeit, daß derselbe einer Flucht 
eher als einem geordneten Rückzug ähnlich war. 
Bei seiner Annäherung hatte der Landgraf 
Moritz eine Abgesandtschaft zum Zwecke der Ver 
ständigung an ihn abgeschickt. Obwohl diese 
Abgesandtschaft sich sehr beeilte, traf sie ihn 
dennoch schon auf dem Rückzüge, so daß sie sich 
genöthigt sah, noch rascher hinter ihm her zu 
reisen. Endlich holte sie ihn in Heppenheiin ein, 
hatte jedoch noch das Vergnügen, ihm bis Worms, 
ohne vorgelassen zu werden, nachfolgen zu müssen. 
Diese Eilfertigkeit war der Abgesandtschaft ganz 
und gar unverständlich und ließ den Verdacht auf 
kommen, der Prinz beabsichtige nur, ihr aus 
zuweichen, sie wurde aber auch gleichzeitig die 
Ursache, daß bei ihr zum ersten Male die Redens 
art auftauchte: „Er geht durch wie die 
Holländer!", welche Redensart bald eine 
stehende in Hessen und über die Grenze Hessens 
hinaus gebräuchlich wurde, so daß sie noch heute 
Gemeingut des deutschen Volkes ist. 
Erwähnt sei zum Schlüsse noch, daß der Feld 
zug gegen Spinola, den Landgraf Moritz scherz 
weise „den Traubenkrieg" nannte, und betreffs 
dessen er an seinen Kriegsrath im Feldlager zu 
Worms schrieb: „Euch schmecken die Wormsganer 
Trauben so gut, daß Ihr darüber die spanischen 
Pommeranzen vergeht", bald darauf mit der 
Auflösung der Union endete. Mit der Flucht 
des Böhmenkönigs Friedrich von Prag und der 
Auflösung der Union aber spielten nur die An 
fänge der dreißigjährigen Kriegswirreil aus, und 
noch achtundzwanzig Jahre schwang die Kriegs 
furie ihre Geißel über den deutschen Ländern, 
nicht in letzter Linie über unserem engern Vater 
lande Hessen. 
Doch obgleich hier ganze Geschlechter von ihr 
dahingerafft, ganze blühende Ortschaften weggefegt 
wurden, die Worte: „Er geht durch wie ein 
Holländer!" haben Alles überdauert, als 
wollten sie noch heute Zeugniß davon ablegen, wie 
unseren Vorfahren nichts auf der Welt verächtlicher 
war, als im Felde dem Gegner die Hinterfront 
zeigen.
        

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