Full text: Hessenland (8.1894)

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Worms von Landgraf Philipp durch den 
Kasimirianischen Erbvertrag — Vermittelung des 
Markgrafen Kasimir von Brandenburg-Baireuth — 
eingeleitet worden. Gleich bei seiner ersten Erb 
huldigung in Schmalkalden (1567) hatte Landgraf 
Wilhelm mit den beiden letzten Grafen Georg 
Ernst und Poppo XII. von Henneberg eine 
Zusammenkunft, erneuerte den alten Burgfrieden 
der gemeinsamen Schlösser Schmalkalden, Scharfen 
berg und Barchfeld und trat im Jahre 1575 gegen 
Entrichtung von 12 000 Reichsthalern in die völlige 
Gemeinschaft der ganzen Herrschaft. Von dem Abte 
Michael von Hersfeld wurde ihm die Anwart 
schaft auf die Belehnung mit den Hersfeldischen 
Lehnstücken der Klöster Herrn- und Frauenbreitungen 
mit Einwilligung des Kaisers ertheilt. Durch 
den Abt Ludwig ließ er sich dieselben 1571 er 
neuern und verglich sich mit dein Kurfürsten von 
Sachsen, der gegen die Belehnung war, durch den 
Vertrag zu Salzungen (1583) auf gütlichem 
Wege in Folge eines Tauschvertrages dahin, daß 
Sachsen das Vorwerk und Burglehn von Frauen- 
breitungen, Hessen-Kassel Burg und Vogtei von 
Herrenbreitungeil erhielt. Nach dem Tode des 
Grasen Georg Ernst (1583) fiel die gailze 
Herrschaft Schmalkalden nebst Herrenbreitnngen 
und einem Viertheil von den Centen Benshansen 
lind Barchfeld an Hessen-Kassel. In einem 
weiterem Vertrage zu Salzungen (1584) kam 
man überein, daß die Lehnsherrlichkeit üher die 
Rittergüter Viernau und Todenwart gemeinschaftlich 
blieb; Hessen behielt die Vikarien Benshansen 
und Viernau und die Patrvnatrechte zu Barchfeld 
und Steinbach-Hallenberg, verzichtete dagegen ans 
die ihm zustehende Patronate zu Suhln, Schwarza 
und Christus und übernahm die Verpflichtung, 
zu dein Henneberg -Schleusing'schen Matrikular- 
anschlage einen Mann zu Pferde lind drei zu 
Fuß zil stellen oder 24 Gulden für jeden Römer 
monat zu zahlen. Demzufolge erhielt Hessen- 
Kassel (1590) Sitz und Stimme im fränkischen 
Kreise. 
Im Jahre 1583 fand ein Vertrag zu Merlau mit 
dem Kurfürsten von Mainz Wolfgang von Dalberg 
statt, in welchem derselbe gegen baare Erhöhung 
des alten Pfandschillings um 40 000 Gulden zu 
Gunsten der Landgrafen und deren männlichen 
Nachkommen auf die Aemter Rosenthal, Batten 
berg, Kellerberg, Melnau, halb Wetter in Ober 
hessen und Hofgeismar an der Diemel und die 
Dörfer Seifferterode und Willingshausen im 
Amte Treysa verzichtete und dem Landgraf 
Wilhelm das Lösungsrecht des Mainzischen Antheils 
an Schloß und Gericht Jesberg übertrug. Die 
Uebergabe des Mainzischen Antheils fand an den 
hessischen Hauptmann der Festung und Grafschaft 
Ziegenhain Eitel von Berlepsch statt. 
Das von Landgraf Philipp dem Großmüthigen 
als Erbmannslehn (1554) verliehene Schloß und 
Gericht Ludwigstein brachte Wilhelm (1567) nach dem 
Tode Christoph Hülsing's gegen Entschädigung 
der Wittwe und Kinder desselben wieder an sich. 
Der inneren Regierung seines Landes widmete 
Landgraf Wilhelm die größte Sorgfalt. 
An der Spitze der Landesverwaltung stand die 
fürstliche Kanzlei, der Geheime Rath. Diese war 
besetzt mit dem Statthalter, dem Nächsten nach 
dem Landgrafen, dem Kanzler, Haupt der Justiz, 
dessen Stellvertreter der Vizekanzler war, adligen 
lind bürgerlichen Rechtsgelehrten, vier Sekretären 
(Land-, Kammer-, Gerichts-, Kanzleisekretär), dem 
Botenmeister (Aufseher der Posten). In außer 
ordentlichen Versammlungen waren außer dem 
Hofmarschall etliche Hof- und Landräthe und die 
zu Räthen ernannten Landvögte und Amtmänner 
zusammen mit etlichen Schreibern und Dienern, 
im Ganzen etiva 80 Personen. Unter der fürst 
lichen Kanzlei standen die Landvögte, deren es 
in Hessen - Kassel drei gab, einer an der 
Werra, zwei an der Diemel, sodann die Amt 
männer in den einzelnen Aemtern und der Droste 
in der Herrschaft Plcsse. Diese handhabten die 
ganze fürstliche Gerechtsame, verwalteten die 
Kammergüter, Renten u. s. w. und standen der 
Polizei und der Justiz vor. 
Der Neutkammer sowie der Kanzlei waren die 
Rentmeister untergeordnet. Diese Rentkammer 
verwaltete die fürstlichen Einkünfte, es ging von 
ihr die jährliche Landrechnung aus. Die Beamten 
in der Rentkammer waren der Kammermeister 
(Finanzminister), der Kammerrath, Kammer- 
schreiber, der eine. besondere Rechnung zu legen 
hatte, der Pfennigmeister, der Gegenschreiber, 
Buchhalter, Registrator, zwei Schreiber und zehn 
Kammerjungen. 
Von ständigen Kriegsbeamten waren vor 
handen der Hauptmann der Leibtrabanten, der 
! der Einspännigen des Hofes, der Oberst zu 
Kassel, der Zeugmeister lind der Befehlshaber der 
! Festung Ziegenhain. Zum Schutze des Landes 
dienten außer den beiden Festungen Kassel und 
! Ziegenhain die durch Mauern befestigten und 
zum größten Theil eigenes Geschütz besitzenden 
Städte, deren Bürger den erforderlichen Kriegs 
dienst leisteten. Wenn es nöthig war, wurden 
die Bürger durch die Bauern der umliegenden 
Aemter unterstützt. 
Was die Gesetzgebung anlangt, so ergänzte 
Landgraf Wilhelm ». a. die von den vier 
Brüdern erlassene Kirchenordnung durch Ein-
	        

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