Full text: Hessenland (8.1894)

wurde ein hessischer Gefreiter in ein Schloß 
gelegt, das den Hessen bei deren siegreichem Vor 
dringen im Rücken lag. Am anderen Tage wurde 
das hessische Korps von den Franzosen wieder 
zurückgedrängt, sodaß dasselbe wohl einer: Tage- 
marsch hinter das nur mit sieben Mann besetzte 
Schloß marschirte, ohne daß der Gefreite mit 
seinen sechs Mann in der großen durch das Zurück 
weichen entstandenen Verwirrung abgelöst wurde. 
Und er verharrte ans seinem Posten, trotzdem daß 
er bei dem unaufhaltsamen Vordringen einsah, 
daß sein Widerstand vergeblich sein würde. Ein 
gedenk seiner Verpflichtung als Schloßkommandant 
wollte er sich so lange und so gut, als in den 
Grenzen der Möglichkeit lag, mtf seinem Posten 
halten. Und in diesem seinem Bewußtsein treuer 
Pflichterfüllung und getreu seinem geleisteten 
Fahneneide traf er rasch seine Maßregeln. Er 
stellte seine sechs Mann auf die Mauern und 
Wälle, wo sie der Feind sehen mußte, und befahl 
ihnen auf diesem Posten zu verharren, aber nicht 
zu schießen, während er selbst auch einen Posten 
übernahm. Als der heranrückende Feind die 
Wachen aus Wall und Mauer erblickte, sonnte er 
nur annehmen, daß der Platz besetzt sei und ließ 
deshalb ein Beobachtungskorps zurück. Die Be 
lagerung der Eingeschlossenen dauerte aber zum 
Glück nicht lange, weil die Franzosen bereits am 
folgenden Tag wieder zurückgeworfen wurden. 
Nun konnte der Gefreite das seiner Obhut an 
vertraute Schloß der zur Ablösung beorderten 
Abtheilung unversehrt überliefern. Nach Rückkehr 
aus dem flandrischen Krieg wurde der tapfere 
Gefreite dem Landgrafen vorgestellt. Dieser lobte 
ihn wegen seilles Verhaltens nnb sagte, er wolle 
ihn zum Offizier ernennen. Unser Gefreite erklärte 
aber, er könne diese Beförderung nicht gut an 
nehmen, da er nicht genug gelernt habe, um sich 
mit den Herren Offizieren gehörig benehmen zu 
können; er sei zu Hause seinem Geschäft nach 
Besellbillder und habe auch eine Frau und fünf 
Kinder. Der Landgraf stand hierauf von seinem 
Vorhaben ab und bedachte den Gefreiten mit einem 
ansehnlichen Geldgeschenk. S. 
Aus Hermath und Fremde. 
Am 20. August, als am Geburtstage des 
Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. von 
H essen, war — wie alljährlich — dessen Grab 
stätte aus dem alten Friedhofe überaus reich mit 
Blumen geschmückt. Prachtvolle Kränze mit roth- 
weißen Schleifen hatten außer den Angehörigen 
der fürstlich Hanauischen Familie niederlegen 
lassen: die Frau- Prinzessin Moritz von Sachsen- 
Altenburg, der Herzog von Sachsen-Meiningen, 
der Landgraf Alexis von Hessen-Philippsthal, der 
Fürst zu Jsenburg-Büdingen-Wächtersbach, sowie 
die Gräfin Lndovika von Schaumburg. Ebenso 
waren zahlreiche Kränze von Mitgliedern des alt 
hessischen Adels sowie ans der Bürgerschaft nieder 
gelegt worden. 
Die 60. Jahresversammlung desBereins 
für hessische Geschichte und Landeskunde 
in Hanau wurde am 28. August Abends durch 
einen vom dortigen Geschichtsverein, der gleichzeitig 
sein fünfzigjähriges Bestehen feierte, in den Sälen 
der Zentralhalle veranstalteten Festkommers 
eingeleitet. Dem verdienten Vorsitzenden des 
Hanauer Vereins, Herrn Dr. Suchier, wurde bei 
dieser Gelegenheit seine vom Gesammtvorstand 
beschlossene Ernennung zum Ehrenmitglied durch 
den Vorsitzenden desselben, Herrn Bibliothekar 
Dr. Brunner, verkündet. — Am 29. Vormittags 
fand die Hauptversammlung in dem Saale 
des Stadtschlosses statt. Auf die warme Be 
grüßung von Seiten des Oberbürgermeisters der 
Stadt Hanau, Herrn Dr. Gcbeschus, erwiderte 
der Vorsitzende, Herr Bibliothekar Dr. Brunner, 
dankend. Alsdann erstattete der Schriftführer, Herr 
Dr. Scherer, den Jahresbericht, der ein anschauliches 
Bild reger und vielseitiger Vcreinsthätigkeit bot. 
Der Kassierer, Herr Professor Lenz, konnte über 
einen günstigen Stand der Kasse berichten. Durch 
Akklamation wurden hierauf die Mitglieder des 
Kasseler Hauptansschusses, die zugleich den Kasseler 
Vorstand bilden, nämlich die Herren Bibliothekar 
Dr. Brunner, (Vorsitzender), Landesrath Dr. Knorz 
(stellvertretender Vorsitzender), Dr. Scherer (Schrift 
führer), Professor Lenz (Kassierer), Major a. D. 
v o n L ö w e n st e i n (Bibliothekar) und Dr. B ö h l a u 
(Konservator), wiedergewählt. Als Ort der nächsten 
Jahresversammlung wurde Ziegen Hain bestimmt. 
Mit Rücksicht aus die Kürze der Zeit war im 
Einverständnisse mit dem Referenten der Vortrag 
über Moscherosch (Pros. Dr. Wackermann) von der 
Tagesordnung abgesetzt worden, und es erhielt 
Herr Landgerichtsrath Dr. Brandt das Wort zu 
seinem Vortrage über die Landgräfin Amelia 
Elisabeth von Hessen. In überaus licht 
voller und fesselnder Darstellung und anmnthender 
Vortragsweise entrollte der Vortragende ein 
ausführliches Bild des Lebens dieser edlen 
Fürstin. Reicher Beifall lohnte den Redner. 
Nach Schluß der Hauptversammlung fand musi 
kalischer Frühschoppen im Stadtpark statt, hiernach 
wurden unter kundiger Führung die Sehenswürdig 
keiten Hanaus besichtigt, und Nachmittags vereinigte 
ein Festmahl die Festbesucher wieder im großen
	        

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