Full text: Hessenland (8.1894)

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Mer senge ins?) 
<Schwälmer M u n d a r t.) 
Im Kerchdorir^) seng Glocke, 
Die Küre 3 ) so schieb) 
Meng Müje well locke 
Mich scho i dr Frieh. 
Scho her°) ich seng Loche. — 
Bos soll 6 ) ich do mache? 
Dvtt enge dr Stohre ^) 
Flißt drührig ö driew. 
Kin Rehleng kann röre, 
Bies stet 3 ) em die Liew. — 
„Schie Mäje, bos menste 'ch, 
Bos lachst du vffs Scheuste?" 
„Es laire die Glocke, 
Du sichst wnll ee Braut? 
Dos Deng höt in Hocke", 
So neckt es mich läut. 
„Ö du wüll in Braijam?" — 
■ Do stich ich scho beijem? 3 ) 
Kurl Muhn. 
') Wir finden uns, ') Kirchthurm, s ) läuten. 4 ) schön, 
5 ) höre, 6 ) soll, ’) dort unten das Wasser, s ) kein Röhr 
ling (= Frosch) kann rathen, wie es steht, 9 ) weinest Du, 
I0 ) „—Du suchst wohl eine Braut? Das Ding hat einen 
Haken", so neckt es niich laut. „Und Du wohl einen 
Bräutigam?" — Da stehe ich schon bei ihm. 
Aus alter und neuer Zelt. 
Der Landgraf und fein Hofbäcker. 
Die fürstlichen Hofhaltungen waren in früheren 
Zeiten höchst einfach imb glichen mehr den häus 
lichen Einrichtungen begüterter Grundbesiher der 
Jetztzeit. So war es an dem Hofe des Land 
grafen Wilhelm des Weisen Sitte, daß das 
Getreide von den herrschaftlichen Fruchtböden ent 
nommen wurde und in die Mühle wanderte, von 
wo es dann als Mehl in den Speicher des Hofs 
getaugte und der Hofbücker es erhielt, um daraus 
Jahr aus, Jahr ein das Brot für die Hofhaltung zu 
backen. Da ist es beim vorgekommen, daß der 
Landgraf einstmals zur Zeit tiefer Abenddämme 
rung einen Gang durch die Schloßräume machte 
und auch an dem Mehlspeicher vorbeikam, worin 
er einen Menschen gewahrte, der sich abmühte, 
einen großen gefüllten Sack aufzuhocken. Als dieser 
den Landgrafen, den er in der Dämmerung für 
einen gewöhnlichen Hofbediensteten hielt, sah, ging 
er ihn an, ihm bei seinem Vorhaben behülslich zu 
sein, was Jener denn auch bereitwilligst that. 
Ter Landgraf aber, der seinen Hofbäcker erkannt 
hatte, fragte: „Was hast Du denn eigentlich in 
dem Sacke, guter Freund?" 
„Kleien. — Da es mir an Futter für meine 
Schweine fehlt, habe ich gedacht, der Landgraf 
hat deren übergenug, und es wird ihm auf ein 
Sücklein mehr oder weniger nicht allkommen." 
„Warum llimmst Du aber da nicht gleich einen 
Sack Mehl? Mehl futtert doch ilngleich besser, 
als die leichte Kleie!" 
„Das wäre nicht recht! Weißt Du, man nulß 
die Herren genießen, aber auch bei Brote lassen!" 
Mit den letzten Worten keuchte der Bäcker davoll. 
Am andern Morgen ließ der Landgraf beu 
Bäcker vor sich kommen uub sagte zu ihm: 
„Hättest Du mir gestern Abend Mehl statt der 
Kleie genommen, ließ ich Dich heute hängen; so aber 
sollen Dir künftig die Kleien für Deine Schweine um 
sonst gegeben werden!" Und dabei blieb es. f 
„Falsch wie Galgenholz" nennt das 
Bolk einen falschen Menschen. Vielleicht ist 
manchem Leser dieser Blätter nicht bekannt, welchen 
Ursprung diese Redensart hat. 
Johann Graf von Nassau, genannt der Hau- 
bener, hatte 1416 den Landvogt des Landgrafen 
Ludwig des Friedsamen, einen Herrn von Riedesel, 
im Frieden überfallen und als Gefangenen weg 
geführt. Der Landgraf übernahm, entrüstet über 
diesen Vorfall, einen Einfall in das Land Nassau, 
um seinen getreuen Diener zu befreien, schlug beu 
Grafen von Nassau in einem Gefecht bei Herborn 
und ließ das erbeutete Panier des Besiegten zu 
Marburg in der Kirche der heiligen Elisabeth 
aufhängen. Die Anzahl der Gefangenen war so 
groß, daß die Verließe von Marburg, Biedenkopf, 
Blankenstein und Königsberg sie kaum zu fassen 
venmochten. Unter diesen befand sich and) ein 
Mann Namens Fritz G a l g e n h o l z, welcher 
dem Grafen Johann Kundschafterdienste geleistet 
hatte und diesen Verrath jetzt mit seinem Leben 
büßen mußte. Die Untreue dieses Landesverräthers 
war aber in Hessen damals etwas so Unerhörtes und 
erregte ein solches Aufsehen, daß sie alsbald zu einer 
Redensart wurde, die nock) heute im Volksmund 
lebendig ist und sprichwörtlick) wurde. S. 
Nur ein B e s e nb i n d e r. Als im Jahre 
1793 Landgraf Wilhelm IX. 8000 Hessen unter 
dem Kommando der Generallieutenants von Wurmb 
und von Buttlar, denen später, im Oktober des 
selben Jahres, noch weitere 4000 Mann unter 
dem Kommando des Generalmajors, späteren Ge 
nerallieutenants von Hanstein folgten, nack) 
Flandern schickte, damit sie mit den Euglündern 
und Holländern gegen die Franzosen kämpften,
	        

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