Full text: Hessenland (8.1894)

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opferten, während die Herrn Verehrer sich ver 
geblich nach einer solchen Gunst sehnten." 
In Konstanzens Wangen, die heute blässer 
waren als sonst, schoß dunkles Roth. „Aber ich 
bitte Sie, Excellenz, der Vortheil ist ja ganz 
auf meiner Seite!" sagte sie mit anmuthiger 
Bescheidenheit, derweil die Generalin staunend 
die eben entworfene Skizze betrachtete. 
„Wundervoll! — Poetisch aufgefaßt und 
natürlich wiedergegeben!" rief diese jetzt, derartig 
von der Zeichnung gefesselt, daß sie gar nicht 
daran dachte, Konstanzens höfliche Bemerkung 
zurückzuweisen. „Wie Sie den duftigen Zauber 
zu bannen wissen, der gegen Abend über eine 
solche Landschaft gebreitet ist! Wie fein und 
doch wie sicher die Luftlinien gezogen sind! Aus 
dieser Skizze werden Sie sicher ein ebenso schönes 
Bild schaffen, wie es jene italienische Landschaft 
war, die auf der letzten Münchener Ausstellung 
so großes Aufsehen erregte!" 
„O, wenn ich Muße habe, hoffe ich bald etwas 
Besseres zu leisten als jenes Bild, dem man 
wirklich zu viel Ehre erwies." 
„Nun, darüber wollen wir nicht streiten, liebes 
Fräulein! Aber bleiben Sie nur bei Ihrem 
Vorsätze! Wer sich nicht genug thut, ist auf 
dem besten Wege, Großes zu erreichen. An 
Muße wird es Ihnen hoffentlich nicht fehlen." 
„Wer weiß, Excellenz?" gab Konstanze ernst 
zurück und bedeckte einen Augenblick ihr feines 
Gesicht mit der Rechten. 
„Was geht nur in Ihnen vor, mein liebes 
Fräulein?" fragte die Generalin betroffen. „Seit 
etwa einer Woche sind Sie nicht mehr die Alte, 
verloren Sie alle Heiterkeit und lassen sich von 
elegischen Stimmungen beherrschen! Sie haben 
vielleicht selbst keine Ahnung davon, welche Ver 
änderung mit Ihnen vorgegangen ist." 
„Allerdings nicht, Excellenz", versetzte Konstanze 
verwirrt und wich den forschenden Blicken der 
alten Dame aus. 
„Dann ist es ja vielleicht gut, wenn ich Sie 
darauf aufmerksam mache. Ein heiteres Wesen 
steht Ihnen so schön, daß man es nur ungern 
an Ihnen vermißt. Ach, und Sie haben doch 
alle Ursache, froh und glücklich zu sein! Sie 
leben in gesicherten Verhältnissen, sind eine ge 
achtete Künstlerin —, ein gefeiertes junges 
Mädchen! —" 
„Excellenz wissen doch, daß ich im Frühjahr 
dreißig werde", schaltete Konstanze anmuthig 
lächelnd ein. 
„Was will das heißen?" fuhr die Generalin 
lebhaft fort. „Eine Dame von dreißig Jahren 
und von Ihrer Bedeutung besitzt ganz andere 
Vorzüge als ein junges unentwickeltes Wesen." 
Gerne hätte die wohlmeinende Frau noch hinzu 
gefügt, daß es ja in ihrer Macht stünde, das 
ältere Mädchen baldigst in eine junge Frau 
umzuwandeln. Allein sie hielt es für taktlos, 
nochmals für Baron Firnstetten ein gutes Wort 
einzulegen, weil die Künstlerin sich in diesem 
Fall das letzte Mal vollständig unzugänglich zeigte. 
Konstanze unterdrückte einen Seufzer, der ihrem 
gepreßten Herzen entfliehen wollte, und sagte 
heiter: „Excellenz mögen — ganz abgesehen von 
mir — gewiß Recht haben. Jedoch meiner Ansicht 
nach giebt es nun einmal nichts Schöneres als 
die frische, unentweihte Jugend, die nicht lange 
nach Vorzügen gefragt und um ihrer selbst 
willen geliebt wird." 
Kaum hatte Konstanze diese Aeußerung gethan, 
da kam ein junges Mädchen in lichter Kleidung 
eilig die Landstraße herab. Ein runder Sommer 
hut mit einem Feldblumenkranz bedeckte ein wenig 
das reizende madonnenhafte Antlitz, in dessen 
Zügen der Ausdruck glückseliger Erwartung lag. 
So sehr war das junge Mädchen in sich ver 
sunken, daß es die beiden Damen im Garten gar 
nicht bemerkte und fröhlich vor sich hinlachte, als 
es mit heimlicher Wonne an die Freuden der 
nächsten Stunden dachte. «Fortsetzung folgt.! 
Todtsgruß. 
Es überkommt im gold'nen Juli oft 
Ein Herbstgefühl den Menschen, seine Seele, 
Weiß, daß der glühend heiße Sonnenstrahl 
Den Kuß der Reife auf die Frucht gedrückt, 
Und bald ist eines Jahres That geschehn. 
Nur eine Ahnung ist's von dem Vergehn, 
Ein schauernd Zittern auf des Herzens Grund, 
Ein Händefalten und ein Niederschauen, 
Als ob Dein Fuß bewußtlos, ungefähr 
Getreten hätt' aus ein verrastes Grab. 
Es ist ein Lauschen auf den Schritt der Zeit, 
Der unser Ohr mit eh'rnem Schalle mahnt. 
M. Leröerl.
        

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