Full text: Hessenland (8.1894)

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für dm härtesten Dienst dankbar sein. Lebe wohl 
und werde glücklich? — 
Als sich die beiden Menschen einige Jahre 
später zufällig wiedersahen und beim gegenseitigen 
Erblicken weder Bitterkeit noch Haß in sich auf 
steigen fühlten, auch ihr Herz nicht mehr in 
heftigerem Schlage laut pochte, da wußten sie, 
daß auch sie zu den Personen zählten, die warmes 
geistiges Verständniß in einen verhängnißvollen 
Irrthum gelockt, doch ein muthiges Bekenntniß 
zu rechter Zeit vor einer großen Gefahr und 
endlosen Qualen behütet hatte." — — — 
Noch einmal las die junge Dame die beiden 
letzten Seiten des soeben erschienenen Romans 
„Ein Wahn" von dem berühmten Schriftsteller 
Ernst Derwall. Dann jedoch warf sie den Band 
fast unwillig auf den Gartentisch und sah in 
die weite schöne Landschaft hinaus. Die Sonne 
stand noch am Himmel, aber der feuchte Abend 
dunst schwebte bereits über den Wiesen und hing 
an die Weiden neben dem Bache zarte, schimmernde 
Schleier. Bon einem warmen West bewegt, 
nickten die Blumen, schwankten die Wipfel der 
alten Eichen, deren dunkle Schatten sich am 
Waldesrande scharf von dem hellbeleuchteten 
Grün der Wiesen und dem Feuerglanz der röth- 
lichen Sonnenstrahlen abhoben. Aus der Ferne, 
wo ein Höhenzug sich wie eine grüne Wand 
erhob, glänzten die Dächer und Fenster eines 
Dörfleins herüber, während die vielfach ge 
wundene Schlange eines kleinen Flusses hell 
glitzernde Lichter auf die ersten zarten Schleier 
der Dämmerung warf. 
Eine Weile sah Konstanze Berlett noch ernst 
und gedankenvoll in die wunderbar beleuchtete 
Ferne, dann nahm sie das auf dem Tische 
liegende Skizzenbuch wieder zur Hand und begann 
zu zeichnen. Hatte ihr Künstlerauge noch einen 
Eindruck aufgesaugt, einen Gegenstand ersaßt, 
den sie festhalten wollte, oder war es ihre Absicht, 
die marternden Gedanken und qualvollen Fragen 
durch Arbeit zu verscheuchen? Ihre sonst sichere 
Hand zitterte. In nervöser Hast fuhr der Stift 
über das Papier, blickte sie bald in die Land 
schaft hinaus, bald auf den Roman, dessen 
goldner Titel in der Abendsonne erglänzte. Der 
nicht sehr starke Band mußte ihren Frieden ver 
scheucht haben und die Ursache ihrer ungewöhn 
lichen Erregung sein. Mit einem raschen Stoß, 
als wolle sie unsichtbare Geister von sich zurück 
weisen, schob sie ihn jetzt vom Tische und achtete 
nicht darauf, daß er, anstatt auf die Bank ihr 
gegenüber, in's Gras fiel. Konstanze athmete 
tief und schüttelte mehrmals den Kopf, daun 
jedoch flog ein Lächeln über ihre verdüsterten 
Züge und klärte sie auf. Augenscheinlich war 
ein Gedanke in ihr aufgeblitzt, der den Sturm 
in ihrer Seele beschwor und alsbald wieder 
ihrein edlen Antlitz den Ausdruck inneren Friedens 
zurückgab. Ruhiger zeichnete sie weiter, zauberte sie 
mit genialen Strichen einen Theil der Landschaft 
auf das Papier, deren Schönheiten in der eigen 
thümlichen Beleuchtung doppelt scharf hervortraten. 
Jetzt kam eine ältere Dame aus einer im 
Schweizerstile erbauten Billa. Diese lag an der 
aufsteigenden Landstraße und beherbergte eine 
Anzahl Sommerfrischler in ihren Räumen. Erst 
seit einigen Jahren war die gute Luft des 
hessischen Dorfes durch die Empfehlung eines 
bekannten Arztes berühmt geworden. Bald darauf 
wurden auf der sogenannten Höhe ein Paar- 
Villen erbaut, die zwar eine einfache Einrichtung 
hatten, jedoch immerhin den modernen Be 
dürfnissen mehr genügen konnten als die dumpfen 
Stuben der Bauernhäuser im Thäte. Es hielten 
sich in der guten Jahreszeit meist solche Leute 
in dem Dörslein auf, die wirklich der Erholung 
bedürftig waren und das Leben in frischer Berg 
luft und schöner Natur allen anderen Genüssen 
vorzogen. Abgeschieden von der Welt lag der 
Ort freilich nicht. Der Schienenstrang einer- 
bedeutenden Eisenbahn zog sich durch seine Ge 
markung; auch eine Haltestelle für die Bummel 
züge war seit einem Jahre am Eingang in das 
Dorf errichtet worden. Dieser Fortschritt störte 
aber die idyllische Ruhe auf der Höhe keineswegs, 
er gab vielmehr dem ländlichen Aufenthalte 
noch einen höheren Grad von Beruhigung. War 
man doch jetzt wenigstens im Stande, die nächste 
Station der Schnellzüge leichter zu erreichen. 
„Guten Abend, mein liebes Fräulein", sagte 
die alte Dame freundlich. Sic war inzwischen 
näher gekommen und hatte der Künstlerin aus 
der Ferne so lange zugesehen, bis diese den 
Stift bei Seite legte. 
Konstanze erhob sich und dankte. Dann 
wollte sie ihr Skizzenbuch zuklappen, aber die 
Hausgenossin legte die Hand auf ihre Schulter 
und fragte: „Darf ich nicht einmal sehen, was 
Sie gezeichnet haben?" 
„O gewiß!" gab Konstanze ohne Ziererei 
zurück. „Aber wollen Excellenz nicht erst Platz 
nehmen?" 
„Wenn ich nicht störe, gerne. Sie wissen, 
mein Fräulein, ich liebe nicht nur Ihre schönen 
Bilder und Zeichnungen, ich finde auch großen 
Genuß au Ihrer Unterhaltung. Und es ist sehr- 
gütig von Ihnen, daß Sie einer alten Frau, 
wie ich bin, schon so manche kostbare Stunde
        

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