Full text: Hessenland (8.1894)

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„Diese pathologischen Erscheinungen, die sich 
mit Ibsen ans unseren Bühnen eingebürgert 
haben, sind, leider, Produkte unserer Zeit, Kind, 
aber ob es gerathen ist, sie der Masse zugänglich 
zu machen, davon bin ich wenigstens noch lange 
nicht überzeugt." 
„Ich komme immer noch nicht darüber hinweg," 
sagte Josepha mit niedergeschlagenen Augen, „das; 
ich überhaupt den Muth haben konnte, mich zn 
den Frauen zählen zu wollen, die etwas leisten." 
„Zu denen darfst Du Dich mit vollkommenem 
Rechte zählen, Josepha." 
Sie sah ihren Mann groß und ungläubig an. 
„Das ist nicht Dein Ernst, Georg?" 
„Mein vollkommener. Die Frau leistet am 
meisten in ihrem Berufe als Frau und Mutter. 
Die Frau, der dieser Beruf nicht vergönnt wurde, 
die hat Recht, zu helfen und zu heilen an den 
Schäden der Menschheit." 
„Aber Fräulein Kunze —, cs wäre doch schade, 
wenn sie geheirathet hätte? . . ." 
„Fräulein Kunze ist ein Talent, Kind, und 
zwar ein bedeutendes; Talente gehen immer ihre 
eigenen Wege." 
„Ich will nie mehr schreiben, Georg, nie mehr." 
Georg legte den Arm um ihren Leib, schob die 
Hand unter ihr Kinn und sah lange in ihr 
Gesicht. 
„Wir machen Alle zu oft den gleichen Fehler," 
sagte er zärtlich, „wir überschätzen oder unter 
schätzen unser einseitiges Können. Ich habe Dich 
auch nicht genug gewürdigt und vermöchte doch 
mit allem Wissen nicht zu sein, was Du bist. 
Verzeihe mir und laß uns Geduld mit einander 
haben." 
„Georg, Du bist gut, ich danke Dir. Ich dachte, 
Du würdest mich verspotten, und ich warf daher 
das Manuskript, das mir Fräulein Kunze als 
unbrauchbar zurückgab, gleich in's Feuer." 
Georg hatte sich wieder in den Schaukelstnhl 
niedergelassen, stülpte das Gesicht in die Hand 
und sagte nichts. 
„An was denkst Du, Georg?" fragte seine Frau 
sanft, die Hand ans seine Schulter neigend. 
„An Deinen Verein." 
„An meinen Verein?" 
„Nun ja, ich hätte Dich sogcrn mit mir nach 
Florenz genommen." 
„Gehst Du nach Florenz?" 
„Ich habe dort auf der Bibliothek zu arbeiten 
und dachte mir schon, einen Monat vor den Ferien 
Urlaub zu nehmen. Es wäre schön, wenn Du 
auch bei mir wärest." 
„Ja, sehr schön." 
„Und nun muß ich doch allein reisen." 
Josepha seufzte. 
„Aber koinm' zu Tisch, ich denke, es wird servirt 
sein", sagte der Professor, die Thürklinke in der Hand. 
„Georg!" 
„Nun?" 
„Ich meine, ich sollte Dich doch nach Florenz 
begleiten." 
„Aber der Verein?" 
„Der Verein —, ja freilich —, ich könnte ja 
vielleicht meine Stelle im Vorstande an Fräulein 
von Barthels abtreten, sie sprach neulich davon, 
daß sie sich so gerne nützlich machen möchte." 
„Aber würdest Dll diese Thätigkeit nicht zu 
sehr entbehren? Das Große und Ganze " 
„Ich glaube, Georg, Du hast mir eine gute 
Lehre geben wollen, — und ich — ich habe Dich 
verstanden." 
„Ich habe eben eine kluge Frau." 
„Die besonders herrliche Kritiken schreibt —", 
spöttelte sie. 
„Aber um so besser auf die Ideen ihres Mannes 
einzugehen versteht. Auch mir hast Dn eine gute 
Lehre gegeben, Josepha, ich danke Dir! Also 
abgemacht, wir reisen nach Italien!" 
„Ja, abgemacht." 
„Und ohne die grauen Kleider!" 
„Ja, ohne die grauen Kleider." 
Und er reichte ihr seinen Arm und führte sie 
zu Tisch. 
Neue Aikbksljkdkp 
von A. Trabert. 
V. 
Lievesscepter. 
Wenn Narren schelten mein graues Haar, 
Dann träumt mir immer, — und Träume sind 
wahr! —: 
Ich ward erst gestern geboren 
Als König im Reiche der Thoren. 
Als gestern mein Lieb mich an's Herz gedrückt, 
Da hab' ich das Licht der Welt erblickt; 
So ward' ich auch ohne Soldaten 
Ein Herrscher, von Gottes Gnaden. 
Und wißt Ihr, was seit dieser Frist 
Der Scepter meiner Liebsten ist? 
Klippklapp! Da seht — der kleine 
Pantoffel, wie schmückt er die Feine!
        

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