Full text: Hessenland (8.1894)

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Gesinnung, die mit der Stellung eines Staats 
dieners unvereinbar sei, zu machen. Und Heise 
kam auch in der That nicht in den Staatsdienst. 
Der geist- und kenntnißreiche, mit einer außer 
gewöhnlichen Rednergabe versehene junge Mann 
betheiligte sich im Jahre 1848 als exzentrischer 
rother Demokrat an der Bewegung, gab mit 
Gottlieb Kellner die allgemein gefürchtete „Hornisse" 
hcralis, machte sich in vielen darin von ihm 
verfaßten Aufsätzen verschiedener Vergehen schuldig, 
wurde 1850/51 vom Kriegsgericht steckbrieflich 
verfolgt, entkam nach England und starb dort 
in Liverpool als Kaufmann am 26. Januar 
1860 —. 
Ernst Dronke aber, von zierlicher Gestalt und 
fast mädchenhafter Gesichtsbildung, die „Idee" 
genannt, der im Jahre 1849 als geborener 
Koblenzer noch im preußischen Militärverhältniß 
stand, wurde wegen nicht erfüllter Militärpflicht 
und Betheiligung an den 48er Ereignissen verhaftet 
und sollte auf die Festung Ehrenbreitstein gebracht 
werden, weshalb er unter militärischer Begleitung 
auf einem Dampfer eines Tages rheinabwärts 
fuhr. Er gelangte jedoch nicht an den Ort seiner 
Bestimmung. Denn in der Nähe einer großen 
Rhein-Insel, welche mir der Kapitän des Dampfers, 
auf welchem ich 1863 nach Caub fuhr, zeigte, 
sprang Dronke über Bord des Dampfers, der ihn 
nach Koblenz bringen sollte, ohne daß cs seine 
Begleitung verhindern konnte, schwamm an die 
Insel, wurde von einem ans deren jenseitigen Ufer- 
angelegten Nachen aufgenommen und an das rechte 
Rheinufer gefahren. Von dort entkam er in einer 
ihn erwartenden Chaise der ihm drohenden Unter 
suchung und Strafe. Er begab sich nach England, 
wo er sich ein neues Heim gründete. Nachdem 
er vor strafrechtlicher Verfolgung sicher war, be 
suchte er sein Vaterland wieder. Und so traf ich 
ihn 1882 in Frankfurt wieder. Er war der 
Sohn des Fuldacr Gymnasial-Direktors Dronke, 
studirte in Bonn und Marburg, war in Bonn 
bei der Palatin, in Marburg bei der Gnestphalia 
aktiv, bei letzterer auch im Sommer 1842 erster 
Chargirter. Er war ein liebenswürdiger, leb 
hafter, mit viel Verstand begabter Mensch, leichten 
Sinnes und voll heiterer Lebenslust; ein echter 
Sohn des sonnigen Rheins, von dem ich noch 
manchen lustigen Studentenstreich erzählen könnte, 
wäre er zur Veröffentlichung geeignet. Er starb 
im November 1891 in England. 
Modern. 
Novellette von H. Keller-Jordan. 
(Schluß.) 
t 
Professor Georg Döhler lag neben der Veranda 
in einem Schaukelstuhle und las; es war ein 
) neues wissenschaftliches Werk, in dem er 
blätterte, aber seine Gedanken konnten sich heute 
nicht recht konzentriren. — Er hatte Fräulein 
Kunze kommen und gehen hören und erwartete 
seit beinahe einer Stunde seine Frau. Es war ihm 
nicht ganz wohl seit dem Gespräche am Morgen. 
„Georg!" 
Gottlob, da war sie. 
„Georg!" 
„Nun? Ei ei, sieh da in dem Cröme-Kleid, 
wie Dil hübsch bist, mein Kind." 
„Georg, was hältst Dil von Hauptmann's 
,Einsame Menschen'?" 
„Ich? Was ich davon halte? Es ist ein 
unfertiges, unerquickliches Stück für die Bühne, aber 
ein psychologisches Meisterwerk —, alich dramatisch 
wirksam." 
„Aber konntest Du es begreifen, warum der 
Held seine kleine Frau nicht mochte? Doch wohl, 
weil sie zu unbedeutend war und die Andere ihm 
geistig ebenbürtiger. Warum er sich nicht scheiden 
ließ und diese heirathete? Er brauchte sich dann 
doch nicht umzubringen." 
„Hast Du — hast Du — in diesem Sinne 
Deine Besprechung geschrieben, Jvsepha?" 
Sic nickte verlegen und setzte sich wie zerschmettert 
ans den nächsten Stuhl. 
„Aber Kind," sagte Georg, sich erhebend, „dann 
hast Du ja das psychologische Problein und den 
einsamen, innerlich todteinsamen Menschen gar 
nicht begriffen. — — Du bist freilich so jung, 
gut und harmlos, ich konnte mir das gleich denken. 
Wie solltest Dll es wissen, daß es solche über 
fein organisirte, beinahe pathologisch belastete 
Naturen giebt, die das Leben verwunden muß, 
wie es sie berührt? Unser armer Held, glaube 
es mir, Josepha, wäre ebenso einsam geblieben, 
wenn die Andere seine Frau geworden wäre. Es 
ist das verzweifelte Suchen nach Verständniß —, 
der Dichter war sich dessen vollkommen bewußt." 
„Ich kann nicht recht begreifen, was Du meinst, 
dann wäre ja die Handlung überhaupt überflüssig?"
        

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