Volltext: Hessenland (8.1894)

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trinkeil, Herr Rose?" — „Ich danke, meine Herrn. 
Guten Abend." — „Gute Nacht, Herr Rose, an 
genehme Ruh!" Und nun wurde ich verschiedene 
Mal durch deu Universitätssyndikus K. unter 
Vorsitz des Prorektors einem peinlichen Verhör 
unterworfen und mir meine Missethat eindringlich 
vorgehalten. Ich stellte aber alle Schuld an B.'s 
Verwundung in Abrede, obwohl mir das Ver 
gebliche meines Verhaltens bei ben direkt gegen 
mich aussagendell und mich als Missethäter be 
zeichnenden vielen Zeugen vorgehalten wurde. 
Diese würden mir ihre Aussagen schon iu's Gesicht 
sagen, lind dadurch würde ich zu spät erkennen, 
wie ich durch mein Jnabredestellen meine Sache 
nur verschlechtere, nnb eine härtere Strafe erhalten. 
Aber was geschah bei der Konfrontation, die tu 
einem besonders angesetzten Ternlin vorgegangen 
war? Sämmtliche Zeugen, auch der mit ver 
bundenem Kopf erschieneiw Verletzte, erklärten, 
nachdem sic mich von alleil Seiten betrachtet 
hatten: das sei der Student nicht, welcher den 
B. vor dem Barfüßer-Thor an jenem Sonntag 
Abend verwundet habe. Besonders die mit er 
schienenen weiblichen Zeugen und damaligen 
Begleiterinnen der Angreifer zeigten sich sehr 
entschieden bei ihren Aussagen. 
Mit kaum zu unterdrückendem Lächeln nahm 
der Prorektor, mit offenbarem Erstaunen und 
Mißfallen der Syndikus diese Erklärungen eiltgcgeu. 
Nach einigen Tagcil wurde mir das Urtheil ver 
kündet : „Wegen des Verbrechens der Körper 
verletzung von der Instanz entbunden!" 
Diesen Erfolg hatte ich den Bemühungen und 
Ueberredllugen meiner Freunde nnb Landsleute 
(ben Studiosen Karl Merz [vulgo BoromaeusP 
Philipp Schultheis [vulgo Laster, der damals 
bekannteste Student auf den deutschen Universitäten^ 
und Joseph von Boxberger [vulgo Papchenj) zil 
verdanken. Hatten doch diese alle Mittel und Wege 
benutzt, um die (nicht beeidigten) Zeugen und den 
Verletzten zu bestimmen, bei der Gegenüberstellung 
lliit mir zu erklären: sie kennten mich nicht und 
könnten mich als Urheber der Verletzung des B. 
nicht erkennen. Freilich war diesen ihre Aussage 
wesentlich dadurch erleichtert, daß ich bei der 
Gegenüberstellung mit geschorenem Haar, abrasirtem 
Bart und ohne Brille erschienen war. An B. 
zahlte ich ein ansehnliches Schmerzensgeld und die 
Kurtosten, den Zeugeil durch meine Freunde an- 
gemesseue Versäumniß- Gebühren, wie es allen 
versprochen war. B. bedankte sich anch noch 
persönlich bei mir auf meinem Zimmer für die 
Zahlung. Am andern Tag bemerkte ich aber, 
daß mir von den an der Wand ausgehängten 
Pfeifen der Kopf mit dem von Blumenstein'schen 
Familienwappen, auf welchem auf der Rückseite 
die Worte: „A. von Blumenstein sm. I. Schwank 
z. fr. Er. Marburg 1841" standen, fehlte. — 
Diese Wahrnehmung theilte ich dem Polizei 
wachtmeister Schmidt, dem sogenannten Eisenschmidt, 
mit und brachte das Verschwinden des Pfeisenkopfs 
mit B.'s Anwesenheit in Verbindung. Der Wacht 
meister Schmidt entdeckte denn auch meinen 
Pfeifeukvpf in B.'s Besitz, als dieser bei Bäcker 
Runkel am Markt mit seineil Kumpaneil — 
einer sogenannten „Verbindung" — beim Bier 
saß und aus einer Pfeife rauchte, an der mein 
Pfeifenkopf steckte. Seine Behauptung, der Kopf 
gehöre ihm, nützte ihm nichts und hinderte dessen 
Wegnahine durch deu Wachtmeister nicht, denn 
ailf der Rückseite war zwar der Nanle „von 
Blumenstein" weggekratzt, aber die Worte „seinem 
Schwank" waren noch deutlich zu lesen. Der 
Pfeifenkopf wurde mir wieder zugestellt, und damit 
war die Sache erledigt. Er befindet sich aber 
jetzt sammt meinen 48 anderen Pfeifen im Besitz 
der Hasso-Nassovia auf deren Kneipe in Marburg. 
B. wollte sich durch Wegnahme des Wappenkopfs 
vielleicht wegen seiner Verletzung entschädigen, 
sonnte übrigens froh sein, daß ich ihn nicht zur 
förmlichen Anzeige brachte. 
Die vorerwähnte Sentenz „von der Instanz ent= 
bunden wegen des Verbrechens der Körperverletzung" 
wurde in meinAbgangszeugniß eingetragen und wäre 
mir bei meinem späteren Fortkommen beinahe ver- 
hüngnißvoll geworden. Denn als ich nach abgeleg- 
tein Staatsexamen, das ich mit dem Kandidaten 
Heinrich Heise zusammen bestanden hatte, mit 
diesem beim Staatsrath Bickell, dem Vorstand des 
Justizministeriums, zum Eintritt in den Staats 
dienst meldete, erwiderte mir dieser ziemlich ernst, 
die Zulassung könne wohl nicht so ohne Weiteres 
gewährt werden, sei ich doch wegen eines Ver 
brechens in Untersuchung gewesen. Erst nachdem 
ich dem Staatsrath den wirklichen Sachverhalt 
auseinandergesetzt und Kandidat Heise dies als 
wahr bezeugt hatte, wurde Herr Bickell beruhigt 
und sagte, offenbar befriedigt, dann stände meiner 
Zulassung nichts im Weg; hätte ich doch als 
Student keinerlei Strafen erlitten und liege auch 
sonst nichts Nachtheiliges gegen mich vor. Zu 
Kandidat Heise sagte aber der Staatsrath, bei ihm 
lügen die Verhältnisse anders als bei mir: denn 
ihm könne er die Zulassung nicht ertheilen. — 
Heise hatte nämlich in seiner Rede am Grabe 
des Professor Endemann gesagt: „Endemann 
werde im Andenken der Nachwelt fortleben, und 
dieses sei ja die einzige und wahre Unsterblichkeit." 
Dies griff der Staatsrath auf, um dem H. Heise 
die vorstehende Eröffnung wegen seiner ungläubigen
        

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