Full text: Hessenland (8.1894)

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mit, daß er, so leid es ihm auch thue, gezwungen 
sei, ihn sofort zu verhaften und stehenden Fußes 
in seine Heimath zu schaffen. Während er dieses 
sprach, sah er immer wieder nach dem Fenster 
hin. Raspe hatte bem Amtmann vorhin beim 
Zechgelage eine wahre Räubergeschichte aufgetischt, 
warum er in dieser ziemlich fragwürdigen, zweifel 
haften Tracht hier im Harz erschienen und auf 
welche Weise er gerade nach Wernigerode gelangt 
sei; jetzt aber, da er selbst den Steckbrief in Händen 
hielt, den ihm Jener, statt jeder Erläuterung, 
schweigend dargereicht, war er gezwungen, dem 
Freund den wahren Sachverhalt einzugestehe». 
Flehentlich bat er um Hilfe, um Nachsicht, um 
Schutz! 
Der Amtmann wandte sich der Thüre zu. 
Sein Mitleid, bemerkte er, könne er ihm, deni 
Unglücklichen, nicht versagen, aber er müsse seiner 
Pflicht gemäß handeln, wenn er sich nicht selbst 
der schwersten Verantwortung aussetzen wolle. 
Wiederum sah er bedeutungsvoll nach dem ge 
öffneten Fenster hin; dann entfernte er sich, indem 
er halblaut die Worte hinwarf, er müsse sogleich 
die nöthigen Veranstaltungen zur Gefangennahme 
treffeil. 
Das Zimmer, in dem man sich befand, lag zu 
ebener Erde. Im Garten >oar Niemand zugegen. 
Raspe, der den Wink des schonenden Freundes 
verstand, sprang hinaus, kletterte über die Mauer 
und entkam. 
Aber eines Tages hatte der Arm der strafenden 
Gerechtigkeit ihn gefaßt! Er befand sich vor 
dem peinlichen Gericht zu Kassel, er mußte seine 
Schandthaten eingestehen —, er mnßte eingestehen, 
daß er ein ungetreuer Knecht gewesen, daß er 
seinen Herrn und Gebieter betrogen und bestohlen, 
daß er — daß er — 
Stöhnend wachte Raspe auf, — er hatte ja 
nur geträumt —, in London! Statt nach Italien 
zu wanderil, war es ihm gelungen, sich in Eng 
land in Sicherheit zu bringen. 
Raspe lachte sich iil's Fäustchen, und der 
Landgraf hatte das Nachsehen. 
Aber es lag keiir Segen auf Raspe's fernerem 
Leben; sein Glück hatte er sich verscherzt. Viel 
fach literarisch thätig, durchirrte er, unstüt und 
flüchtig, die vereinigten Königreiche, und starb, 
schwer gebeugt, zu Mucroß in Irland im 
Jahre 1794. 
Marburger Erinnerungen 
IV. 
„Morr der Instanz entbunden" 
von I. Schwank. 
„Nescio quidmeditans nugarumet totusin illis“ 
wandelte ich an einem Sonntag-Abend im Jahre 
1842 in Marburg den Weg nach unserer Kneipe im 
Lederer'schen Garten, als ich vor dem Barfüßer-Thor 
bemerkte, wie eine große Anzahl stark „angeheiterter" 
junger Burschen, sogenannter Knoten, den mit 
mir befreundeten Studiosus Ernst Dronke um 
zingelt hatte und ihn hin und her stieß, weil er 
sich angeblich gegen ein Mädchen ans ihrer Be 
gleitung, einen sogenannten Besen, ungeziemend 
und frech benommen habe. Seine Korpsbrüder 
und Begleiter hatten nicht vermocht, ihn aus den 
Händen der Ueberwältiger zu befreien, und so 
rief er mich denn bei meinem Anblick laut um 
Hilfe. Mit Anwendung all' meiner Kräfte bahnte 
ich mir eine Gasse durch die Menschen, welche die 
sich Streitenden dicht umstanden und befreite mit 
vieler Mühe und Zurückdrängen der Angreifer 
den arg mißhandelten Dronke. Aber nun kehrte 
sich der Hansen der jungen Kerls gegen mich, 
deren ich mich durch Faustschlüge und Stöße 
entwehrte. Einer unter ihnen aber, Namens B., 
hatte mich rücklings an meinen langen Haaren 
gefaßt und ließ mich nicht los, so daß mir nichts 
übrig blieb, um mich zu befreien, als mein Messer, 
das noch jetzt in meinem Besitz ist. zur Hand zu 
nehmen und damit, ohne es zu öffnen, dein B. 
einen so wuchtigen Schlag auf seinen Schädel zu 
versetzen, daß er, stark blutend, zu Boden sank. — 
Die dadurch entstandene Verwirrung benutzend, 
entfernte ich mich rasch und begab mich nach dem 
Lederer'schen Garten zu meinen um einen Tisch 
beim Bier sitzenden Korpsbrüdern. 
Nachdem ich mir auch einen Schoppen gegönnt, 
erzählte ich diesen das soeben Vorgefallene, welches 
nun Stoff zu lebhafter Unterhaltung darbot. In 
dieser Unterhaltung waren wir noch begriffen, als 
die in den Garten führende Thüre aufging und 
der uns wohlbekannte Universitätspedell Röse ein 
trat, mit einer seiner Würde bewußten Haltung 
auf mich zukam und feierlich verkündete: „Herr 
Schwank ! Im Namen des Prorektors soll ich 
Ihnen verkünden, daß sie Stadtarrest haben." 
„Gut, Herr Röse", „Wollen sie einen Schoppen
	        

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