Full text: Hessenland (8.1894)

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befriedigenden Ende nahe, als Lessing plötzlich die 
Unterhandlungen abbrach. Er hatte sich als 
Dramaturg und künstlerischen Beirath für das 
neugegründete Nationaltheater in Hamburg am 
werben lassen; dort hatte man ihm tausend Thaler 
Gehalt zugesichert. Ja, wenn Lessing als Professor 
in Kassel wäre angestellt worden, was würden 
die guten Kasselaner noch heute von dem be 
rühmten Manne zu erzählen wissen! „Behüt' 
Dich Gott, es hat nicht sotten sein!" 
Aber cs hatte sein sollen, das; der Rath 
Rudolph Erich Raspe zu Hannover, ein be 
deutender Mineralog, damals neunundzwanzig 
Jahre alt, galanter Ritter, Weltmann, munter 
und unterhaltend, Besitzer eines reizenden Weib 
chens, verschuldet bis über die Ohren, in des 
Landgrafen Dienste trat. Die feurigen Augen 
der neu aufgetauchten Schönheit hatten am Hofe 
zu Kassel gar bald Unheil genug angerichtet. 
Kein hessisches Kavaliersherz, das nicht für die 
hannoversche jugendliche Rüthin glühte! Aber ihr 
Herz blieb bei all' diesem Liebeswerben hart, 
härter »och als das härteste Mineral, das der 
Herr Gemahl in seiner Privat-Steinsammlung 
aufbewahrte. 
Hm —! Auf gewöhnlichem Wege war der 
Tugend der reizenden Frau nicht beizukommen —, 
das war klar! Einer der eifrigsten Kavaliere 
wusste dem Landgrafen daher den Glauben bei 
zubringen, daß das Antiquitäten- nnb Münz- 
kabinet doch nur sehr mangelhaft ausgestattet 
sei, und das; es wohl geboten scheine, die vielen 
Lücken zu ergänzen; das große Kunstverständniß 
Raspe's könne hier die ausgezeichnetsten Dienste 
leisten. Freilich, eine Reise des geschmackvollen 
Mannes nach Italien, dein klassischen Land der 
antiken Kunst, sei dazu Vonnöthen. Dies Alles 
leuchtete dem Landgrafen sehr wohl ein, und auch 
Raspe war bereit, die „beschwerliche" Fahrt an 
zutreten. Er erhielt die entsprechenden schrift 
lichen Vollmachten des Landgrafen und einen 
schweren Beutel goldgelber Münzen, die das er 
habene Abbild des Landesherr» trugen. Der 
liebesdurstige Kavalier, Erfinder und Veranstalter 
der Raspe'scheu Kunst- und Vergnügungsreise, 
schwelgte in den schönsten Hoffnungen; er sah 
sich im Geist bereits am Ziele seiner kühnsten, 
ausschweifendsten Wünsche. — 
Raspe hatte ja längst die geheimen Absichten 
seines „Gönners" errathen; aber er machte gute 
Miene zum Spiel. In aller Stille, ohne jemandem 
etwas davon zu sagen, verließ er heimlich Kassel 
und traf verabredetermaßen in einem der nächsten 
Dörfer mit seiner Gattin zusammen, von wo 
aus Beide mit Eilpost nach Berlin reisten. 
Dort sollte die junge Frau während Raspe's 
Abwesenheit bei einer verwandten Familie ver 
bleiben —, bis er aus Italien zurückgekehrt sei; 
dann nämlich werde er die landgräslichen Auf 
träge erledigt und seine Schulden getilgt haben. 
Von Berlin aus wandte sich der Rath zunächst 
nach Weimar. Dort verkehrte er vornehmlich 
mit dem bei Hofe sehr beliebten Schauspieler und 
Schauspieldichter Johann Christian Brandes. Er 
versuchte den Herzog, der Kenner war, durch Ver 
mittelung Brandes' einige der Doubletten, die er 
von Kassel mitgenommen, zuin Kauf anzubieten. 
Ehe das Geschäft jedoch zu Stande kam, traf 
ein Steckbrief hinter Raspe in Weimar ein, in 
dein dieser des Diebstahls bezichtigt wurde und 
die Kasseler Behörde um Festnehmung des Ver 
brechers ersuchte. 
In Kassel war man durch die geheime, schleunige 
Abreise des Ehepaars stutzig geworden. Die 
Feinde und Gläubiger traten jetzt öffentlich mit 
Beschuldigungen und Anklagen hervor, die wider 
wärtigsten Gerüchte tauchten ans. Bei einer 
sofort vorgenommenen Untersuchung der Bestände 
des Kuustkabinets stellte sich heraus, daß eine 
große Anzahl der werthvollsten Gegenstände fehlte, 
und Niemand zweifelte daran, das; dieselben durch 
Raspe bei Seite geschafft worden seien. 
Spornstreichs hatte Raspe Weimar wieder 
verlassen; er hatte fich nur so viel Zeit genommen, 
neue Garderobe anzuschaffen, um sich wenigstens 
in etwas ein anderes Aeußere zu geben. Er 
flüchtete ans Nebenwegen in den Harz. In Wer 
nigerode machte er Halt. Der dortige Gerichts- 
amtmann war sein Studiengenosse; diesen suchte 
er auf. Der Amtmann war sehr erfreut, den 
alten Kameraden wiederzusehen, und dies Wieder 
sehen mußte gefeiert werden! Der Wein schmeckte 
ausgezeichnet, und man erging sich frohgemuth in 
den Erinnerungen einer glücklichen Vergangenheit. 
Ein Diener trat ein und überbrachte einen Packen 
soeben angekommener Briefe, Zeitungen re. Der 
Amtmann griff rasch darnach —, er las und las —, 
plötzlich hielt er inne —, er schien betroffen —, 
seine Stirn legte sich in Falten —. 
Raspe, der dem Mienenspiel des Gestrengen 
aufmerksam gefolgt war, erschrak. Regte sich das 
böse Gewissen in ihm? Hatte der Amtmann 
vielleicht auch soeben von dem Steckbrief ver 
nommen ? 
Eine drückende Pause entstand. Der Amtmann 
ging in großen Schritten einige Male durch das 
geräumige Zimmer, dann öffnete er das Fenster, 
als ob er frische Luft schöpfen wolle, und sah sich 
eine Weile rings im Garten lim. Darauf stellte 
er sich vor den Gastfreund und theilte diesem
        

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