Full text: Hessenland (8.1894)

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auf die große Straße und bei Tagesanbruch auf 
die Höhe von Krasnoi, konnte aber erst Abends 
gegen 7 Uhr durch den vor dieser Stadt liegenden 
Einschnitt hindurchkommen, in Krasnoi selbst 
kam er erst Abends 9 Uhr an. General Allix 
erstattete über das Ereigniß, noch zwei Kanonen 
zu besitzen, sofort Meldung an beu zu Krasnoi 
anwesenden Kaiser und befahl, daß der Kom 
mandeur, Oberst von Pfuhl, und sämmtliche 
Offiziere sich an Briede's Geschütze anzuschließen 
hätten, wodurch Briede, besonders auch durch die 
Thätigkeit des Premierlieutenants Schmidlin 
von der Handwerker-Kompagnie, eine lebhafte 
Unterstützung erhielt. Am 17. kam man nach Ljadu, 
am 20. wurde bei Orscha der Dnieper über 
schritten^ Zwei Stunden, bevor man den letzt 
genannten Ort erreichte, kam auch für Briede die 
Zeit, „wo ich", wie er selbst erzählt, „die letzten 
westfälischen Geschütze stehen lassen sollte; alle 
Versuche, dieselben den glatten, steilen Berg vor 
Orscha hinaufzubringen, gelangen nicht, wonach 
mir Allix durch ein Zeichen mit der Hand das 
Unvermeidliche andeutete. — Beinahe möchte ich 
glauben, daß, wären ipir bei Krasnoi die 
Munitionswagen nicht genommen und hätte ich 
solche nach meinem Dafürhalten stehen lassen 
können, wodurch ich die besten Pferde zur Mit- 
bespannnng der Geschütze zu verwenden gehabt 
hätte, ich diese gleich meinen Wagen bis zur 
Beresina gebracht haben würde." 
Am 22. kam die einstmalige große Armee 
nach Bvbr, es waren aber nur noch 8000 Mann 
Garde unter dem Gewehr, aus den Westfalen 
war ein Bataillon zu etwa 300 Mann unter 
dem Befehl des Majors Rauschenblatt ge 
bildet worden. Sv kam man an die Beresina 
bei Studianka, welche am 27., 28. und 29. No 
vember überschritten wurde; Briede überschritt 
sie am 28. Nachmittags, halb bewußtlos vor 
Krankheit, auf einem großen Pferde, das alles 
ihm im Weg Stehende niedertrat. Am 29. bei 
Tagesanbruch brannte die Brücke ab. Nun 
wurde aus dem Bataillon Westfalen eine Kom 
pagnie unter dem Befehl des Kapitäns von 
Altenbockum gebildet. Von der Beresina 
bis nach Wilna brauchten die Flüchtlinge eine 
Zeit von vierzehn Tagen. Auf dem Weg dahin 
verließ Napoleon am 5. Dezember das Heer 
und übergab dem König von Neapel den Ober 
befehl. Während dieser vierzehn Tage erduldete 
man die größte Kälte, welche am 7. und 8. 
Dezember — 26 bis — 27 0 R. betrug. In Wilna 
stieß das nachgesandte 4. Linien-Jnfanterie-Regiment 
zu den Trümmern der westfälischen Truppen, 
um bald derselben Auflösung wie diese zu ver 
fallen. Briede kam am 9. Dezember Nachts zu 
Wilna an, am 10. griffen die Russen die Stadt 
an und nahmen dort 30000 Mann gefangen. 
Am 12. kam „die große Armee" nach Kownv, 
am 13. überschritt sie den Niemen. Von hier 
aus führten zwei Wege westlich, rechts nach 
Tilsit, links nach Gumbinnen; Briede schloß sich 
dem Zug über Gumbinnen an, inarschirte über 
Elbing, Marienwerder und Marienburg und kam 
am 4. Januar 1813 zu Thorn an. Von dort 
ging der Marsch am 8. nach Posen und von da 
weiter nach Kassel. Der Rest des 4. Regiments, 
einige noch gesunde Offiziere und Soldaten, sowie 
1500 Mann unter Oberst von Groeben 
bildeten vier Bataillone und marschirten unter 
General von F ü l l g r a f f nach Küstrin. 
Briede's Gesundheit hatte furchtbar gelitten, ein 
schweres Nervenfieber warf ihn auf das Kranken 
lager, und sein Magen hat sich von den russischen 
Hungerleiden nie wieder erholt. 
Sein Verhalten im russischen Feldzug ver 
schaffte ihm aber, nachdem er bereits im März 1813 
nach Sachsen ausgerückt war, am 1. April 1813 
durch einstimmige Wahl des Offizierkorps seines 
Regiments den Orden der westfälischen Krone 
und gleichzeitig die Ernennung zum Kapitän. 
Auch wurde ihm sein heißer Wunsch, endlich von 
den Kanonen zur eigentlichen Infanterie zu ge 
langen, wenn auch nur nach sehr heftigem 
Widerstreben von Allix, erfüllt. Es wurde ihm 
sogar die Auszeichnung zu Theil, daß ihm, dein 
noch nicht einundzwanzigjährigen Jüngling, eine 
Elitekompagnie, die Voltigeur-Kompagnie des ersten 
Bataillons seines Regiments, übertragen wurde. 
An deren Spitze machte er den Feldzug in 
Sachsen mit, gehörte Anfangs zur Garnison von 
Torgau und später zu der Besatzung von Dresden 
unter Gouvion St. Chr, ohne jedoch dabei 
Gelegenheit zu irgend welcher Auszeichnung zu 
finden. Seine Kompagnie bestand atu 10. Sep 
tember aus 2 Offizieren, 14 Unteroffizieren, 
2 Hornisten und 97 Voltigeurs, zusammen 
113 Mann. 
Als dann Dresden am 15. November über 
geben war, kehrte Briede nach Hessen zurück, ein 
befreundeter Offizier, ein geborener Preuße, be 
mühte sich, ihn für den preußischen Dienst zu 
gewinnen, und hatte ihm durch seinen Vater, 
einen General, bereits die Aussicht ans eine 
Kapitünsstelle verschafft. Briede wollte aber 
lieber in Hessen dienen. Als aber Kurfürst 
W i l h e l m I. ihn nur als Lieutenant anstellen 
wollte, benutzte er die preußischen Aussichten, 
uni sich als Kapitän in königlich preußischen 
Diensten zn melden. Das war dem Kurfürsten
	        

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