Full text: Hessenland (8.1894)

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Dienstwohnung des Strommeisters die Menge 
und besonders die Beschaffenheit der Fnndstttcke 
hinweist, so sprechen die Militärziegel dafür, daß 
wir eine Militärstation zum Schutze der doch 
wohl in erster Linie militärischen Zwecken dienenden 
Brücke anzunehmen haben. Dieselbe deckte zu- 
gleich den Uebergang der rechtsmainischen Ufer 
straße über den dem heutigen Mainkanal ent 
sprechenden Kinzigarm, mag derselbe nun in 
einer Jochbrücke oder in einer Furt bestanden 
haben. Daß die Insassen der Station sich mit 
dem iu und neben den Grenzkastellen üblichen 
bescheidenen Komfort eingerichtet hatten, wird 
durch die zahlreichen Reste von Gebrauchsgegen- 
ständen, besonders Küchengerätheil, sowie durch 
die Dachziegel bewiesen. Auf Große und Form 
der Anlage gestatten eben diese Reste keinen 
Schluß. 
Zu unterscheiden von der Hinterlassenschaft der 
Station ist diejenige der Brücke. Dazu gehören, 
abgesehen von - den konstruktiven Theilen, wie 
Pfähle mit Eisenschuhen, Schwellen und Zapfen re., 
besonders die meisten Beile und Münzen. Es 
drängt sich die Frage ans, wie es zu erklären 
ist, daß auf einem Hemm Raume am Ende der 
Brücke so zahlreiche Münzen aus verhältnißmäßig 
kurzer Zeit im Strombette versuilken sind. Die 
oben beschriebene Art der Abnutzung gerade der 
neben den Pfeilerresten ausgebaggerten Exemplare 
könnte zu betn Schlüsse veranlassen, daß sie zu 
einer Kasse gehörten, die in Antvninus' Zeit 
hier auf irgend eine Weise in's Wasser kam. 
Aber der Umstand, daß die Münzen, wenn auch 
auf beschränktem Raume, so doch an verschiedenen 
Stellen neben dem Pfeiler und an dem alten 
Ilser zerstreut ausgebaggert wurden, legt die 
Vermuthung nahe, daß wir es hier mit einem 
dem Quellenkultus analogen Gebrauche zu thun 
haben, nach dem beim Uebergang über den Strom 
dem Flußgotte ein Münzopser dargebracht wurde. 
Man braucht nicht an Xerxes' Trankopfer für 
den Meergott beim Uebergang über die Hellespont- 
brücke, ebensowenig an den Obolus, der von den 
Schatten dem Charon für die Ucberfahrt über den 
Fluß der Unterwelt entrichtet wurde, zu denken, 
um einen solchen Brauch wahrscheinlich zu finden, 
zumal wenn es sich um militärische Expeditionen 
an der Reichsgrenze oder Handelsreisen über 
dieselbe hinaus handelte, bei welchen, sei es beim 
Auszug oder bei der Rückkehr, die Ueberschreitung 
des Stromes einen besonders merkbaren Moment 
bildete. 
Mag sich dies nun verhalten wie es will, unter 
allen Umständen ist der Hanauer Münzfund einer 
der interessantesten, die in den letzten Jahren 
auf dem ehemals römischen Gebiete unseres Vater 
landes gemacht worden sind. Durch den, wenn 
auch indirekten, Nachweis einer römischen Nieder 
lassung auf dem Boden der Stadt Hanau selbst 
aber eröffnet sich dem Hanauer Bezirksverein 
gerade in diesen Tagen, in welchen er auf eine 
halbhundertjührige Thätigkeit, die in der zweiten 
Hälfte dieser Zeit mit dein größten Erfolge der 
Erforschung der römischen Vorgeschichte unseres 
Heimathlandes gewidmet war, zurückblicken darf, 
eine hoffnungsvolle Aussicht, diese Forschungen, 
die sich seither mehr an der Peripherie des Stadt 
gebiets und jenseits derselben bewegten, durch 
Ausdehnung ans das erstere zu einem alle seitherigen 
Erwartungen übertreffenden Abschluß zu bringen. 
Anhaltspunkte für die Richtung und die Ziele 
dieser Nachforschungen, welche ehedem so gut wie 
ganz fehlten, sind nun in genügender Weise ge 
geben. Es ist bereits an anderer Stelle darauf 
hingewiesen worden, daß die früher als grundlos 
betrachtete Ueberlieferung, daß an der Stelle des 
alten Grasenschlosses, also des ältesten Theils der 
Altstadt Hanau, ein römisches Kastell gestanden 
habe, wenn auch in anderer Form, eine gewisse 
Bedeutung erhält, seitdem es durch Auffindung 
der römischen Brücke wahrscheinlich geworden ist, 
daß die vom Rückinger Kastell nach Südwesten 
führende Straße das Stadtgebiet von Hanau 
geradlinig durchzog. Dann würde auch die 
Existenz der im Jahre 1880 neben der Junghenn'- 
schen Militäreffektenfabrik gefundenen römischen 
Wasserleitung und ihre Richtung auf das Alt 
städter Schloß*) erklärlicher sein, als es bei 
dem seitherigen Stande der Forschung der 
Fall war. Voraussetzung wäre, daß die jetzige 
krumme Kinzig damals gar nicht oder nur als 
Nebenarm bestand. Das ist aber auch aus 
anderen Gründen wahrscheinlich. Gegenüber 
unserer römischen Brückenstation, auf der anderen 
Seite des Mainkanals, beginnt das Kinzdorfer 
Feld, auf welchem das bereits vor der Gründung 
Hanaus bestehende Kinzdorf lag, dessen Kirche 
und Friedhof noch in historischer Zeit von den 
Bewohnern Althanaus mit benutzt wurden. Es 
ist durch die aufblühende Stadt absorbirt worden, 
die sich erst in neuerer Zeit wieder bis in sein 
Gebiet erweitert hat. Dabei ist in der Nähe 
der Akademie ein prähistorisches Grab gefunden 
worden**), welches beweist, daß das Kinzdorfer 
*) Vergl. Mittheilungen des Hanauer Bezirksvereins, 
1880, Nr. 6, S. 198 ff. 
**) „Bei der Anlage eines Kanals aus der Bebraer 
Bahnhofsstraße nach dem Stadtgraben". Bergl. Suchier 
in den Mittheilungen des Hanauer Bezirksvereins, 1880, 
Nr. 6, S. 214.
        

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