Full text: Hessenland (8.1894)

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Es sind bereit nicht weniger als 70 gerettet, 
zweifellos aber weit mehr gefunden und noch 
viel mehr nicht gefunden worden. Die vor 
handenen sind theils in der unmittelbaren Um 
gebung des dem Ufer nächstgelegenen Pfeilers, 
theils neben den übrigen Metall- und Thonfunden 
am alten Ufer entlang ausgebaggert worden. 
Die Provenienz ist nicht nur bei den sofort bei 
der Arbeit abgelieferten, sondern auch bei den 
nachträglich von den Arbeitern angekauften Exem 
plaren gesichert und durch Vernehmung der Letzteren 
auch im Einzelnen festgestellt. Mehr als die 
Versicherungen der Finder fällt aber auch hier 
die fast einzig dastehende Art der Erhaltung in's 
Gewicht. Die Münzen sind bis auf sechs Groß 
bronzen sämmtlich Mittelbrvnzen gleicher Währung. 
Was die Legirung betrifft, so sind ziemlich gleich 
zahlreich die gold- und die kupferfarbigen Exem 
plare vertreten, beide ohne jeden Ansatz von 
Patina und offenbar in dem Zustande erhalten, 
wie sie einst in's Wasser gekommen sind. Daß 
auch bei den durch die Arbeiter nachträglich ab 
gelieferten Exemplaren alle Reinigungsversuche 
als unnöthig unterlassen sind, zeigen besonders 
einige der goldfarbigen Münzen, bei welchen auch 
die feinsten Details der Prägung an Haupt- 
und Barthaar sowie an den Attributen der 
shnibolischen Figuren deutlich erkennbar sind. 
Die Münzen stellen eine, abgesehen von den 
Gegenkaisern des Jahres 69/70, ununterbrochene 
Serie aller Kaiser von Claudius bis Antoninus 
Pius und seiner Gemahlin Faustina I. dar, ge 
hören also der Zeit von 41 161 n. Chr. an. 
Sie vertheilen sich ans die Kaiser dieser Periode 
in folgender Weise: 
Name Regierungszeit Zahl Aus jedes 
n. Chr. 
Regierungs' 
jähr 
1. Claudius. . . 
41— 54 
1 
Vl3 
2. Nero . . . . 
54- 68 
1 
1 Z, , 
¡14 
3. Vespasianus . . 
69- 79) 
7 
IL 
4. Titus . . . . 
79- 81/ 
/2 
5. Domitianus . . 
81— 96 
15 
1 
6. Nerva. ... 
96— 98 
7 
3-/2 
7. Traianus. . . 
98—117 
18 
1 
8. Hadrianus . . 
117—138 
12 
*h 
9. Antoninus Pius) 
10. Faustina maior/ 
138—16l| 
CO rH 
<‘/5 
11. Unkenntliches Fragment 
1 
Die vorstehende Tabelle zeigt, daß die relative 
Zahl der Münzen, — und sie allein ist maß 
gebend —, von Claudius und Nero bis Nerva 
konstant wächst, uni dann wieder ebenso konstant 
abzunehmen. Es wäre nun aber ein freilich oft 
gemachter Trugschluß, wollten wir annehmen, die 
meisten der Münzen seien unter Nerva in das 
Flußbett gekommen. Es ist schon bemerkt, daß 
die Münzen sämmtlich einer gleichen Währungs 
periode angehören, in welcher zu Traiau's und 
Hadrian's Zeit zweifellos die unter der Regierung 
ihrer Vorgänger geprägten Bronze- und Silber 
münzen noch ebensowohl im Gebrauch waren wie 
im Jahre 1870 die Thaler und Gulden Friedrich 
Wilhelm's III. und Maximilian Joseph's. Es ist 
sogar aus allgemein historischen Gründen mit 
Bestimmtheit anzunehmen, daß unsere Münzen 
sämmtlich erst seit Hadrian's Zeit in's Wasser 
gekommen sind, und dafür bietet die durch die 
vortreffliche Erhaltung der Münzen ermöglichte 
Vergleichung ihrer Abnutzung vor der Zeit des 
Verlustes einen neuen Beweis. Die Exemplare 
Traian's nämlich zeigen zum größten Theil, 
diejenigen aus Hadrian's und Antoninus' Zeit 
sämmtlich ein außerordentlich frisches Aussehen; 
dagegen verrathen Nerva's und Domitian's 
Münzen, wenn es auch im Ganzen hübsche Exem 
plare sind, doch mehr oder weniger deutliche 
Spuren länger dauernder Zirkulation, während 
diejenigen von Titus und Vespasianus so ab 
gegriffen sind, daß einzelne von ihnen bei voll 
kommen geschwundener Legende wegen der Aehn- 
lichkeit der Köpfe nicht mit Sicherheit dem Vater 
oder dem Sohne zugewiesen werden können. Die 
beiden vereinzelten Exemplare von Claudius und 
Nero bleiben eben wegen ihrer Vereinzelung besser 
unberücksichtigt. So spricht die Beschaffenheit der 
Fundstücke entschieden dafür, daß sämmtliche 
Münzen in der Zeit von Traianus bis Antoninus 
Pius im Strome versunken sind. Dem entspricht 
aber vollkommen die Beschaffenheit der übrigen 
Fundstücke, welche, wie besonders die Militär- 
ziegel und gestempelten Sigillatascherben, mit 
Bestimmtheit auf die Zeit der Existenz des Grenz 
walles in seiner vollendetsten und jüngsten Gestalt 
hinweisen. Insbesondere setzt der Stempel der 
Coli. IV Vindelicorum die Existenz der Grvß- 
krotzenbnrger Ziegeleien voraus, und auch die 
Ziegel der 22. Legion von Nied sind nicht vor 
dem Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. ge 
brannt worden. 
Auffallend ist nur das Abbrechen der Münz- 
serie in Antoninus' Zeit. Man könnte daraus 
schließen, daß die Brücke nicht bis zum Ende der 
römischen Herrschaft im Maingebiete um die 
Mitte des dritten Jahrhunderts bestanden habe. 
Doch wäre ein solcher Schluß immerhin gewagt, 
da die Erscheinung auch andere Gründe haben 
könnte. 
Was nun den Charakter der Niederlassung 
betrifft, auf deren Existenz an Stelle der heutigen
        

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