Volltext: Hessenland (8.1894)

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Terrain bis zur Höhe des Wasserspiegels auf 
gefüllt war, und zwar, wie einzelne Fundstücke 
verriethen, zu der Zeit, als der Mainkanal mit 
Benutzung eines alten Kinzigarmes zu einem 
Winterhafen ausgebaut wurde. Es scheint, daß 
bei den diesmaligen Arbeiten der größte Theil 
des damals aufgefüllten Ufers wieder abgetragen 
und unter demselben sowohl das alte Mainbett 
als das des ehemaligen Kinzigarmes erreicht und 
zum Theil durchbaggert wurde. Daß die dabei 
gemachten Beobachtungen in wissenschaftlich brauch 
barer Weise festgelegt wurden, ist in erster Linie 
dem königlichen Strommeister Herrn Blumentritt 
zu verdanken, der sich auch bei den früheren 
Untersuchungen an derselben Stelle das größte 
Verdienst erworben hatte. Neben ihm hat sich 
auch der Schriftführer des Hanauer Bezirks 
vereins, Dr. H. Eisenach, auf's Eifrigste und 
Erfolgreichste besonders um die Sicherung der in 
mehr als einer Hinsicht hochinteressanten Fundstücke 
bemüht, welche jetzt durch Verfügung der könig 
lichen Behörden dem Museum des genannten 
Vereins einverleibt sind und bei dem bevor 
stehenden Jubiläum Mitgliedern und Gästen als 
erste Dokumente der römischen Vorgeschichte des 
Bodens von Hanau vorgelegt werden sollen. 
Die Abtragung des eigentlichen Mainufers 
führte zunächst zur Auffindung von zwei neuen 
Pfeilern der Brücke, wodurch die früher gemachten 
Beobachtungen bezüglich der Richtung und Kon 
struktion der letzteren bestätigt und ergänzt 
wurden. Eine auf Kosten des Hanauer Bezirks 
vereins vorgenommene Durchbaggerung des Fluß 
bettes ließ mit noch größerer Deutlichkeit als 
früher die Größe und Form der die Pfeiler 
tragenden Pfahlreste imb die Uebereinstimmung 
der Anlagen mit der römischen Rheinbrücke bei 
Mainz erkennen. Weit wichtiger sind die Einzel- 
funde, insofern sie zum ersten Male, und zwar 
mit einer jeden Zweifel ausschließenden Sicherheit, 
die Existenz einer römischen Niederlassung auf 
dem Boden der jetzigen Stadt Hanau erkennen 
lassen und zugleich wichtige Anhaltspunkte für 
die Bestimmung der Chronologie und des 
Charakters dieser Niederlassung bieten. 
Die Gegenstände, soweit sie zweifellos römischen 
Ursprungs sind, fanden sich theils in den Resten 
der genannten beiden Pfeiler, bezw. in deren 
unmittelbarer Umgebung, theils zwischen dem 
nördlicher gelegenen derselben, der wahrscheinlich 
als Landpfeiler diente, und dem rechten Ufer des 
heutigen Mainkanals, unter dem jetzt abgetragenen 
Ufer, welches Strom und Kanal trennte, überall 
in der oberen Kies- und Schlammschicht der 
ehemaligen Flußbettsohle, vor. Die Vertheilung 
der verschiedenen Gegenstände auf die genannte 
Fundstätte läßt mit Sicherheit erkennen, daß sie 
theils beim Ball der Pfeiler und während der 
Benutzung der Brücke von dieser herab in das 
Flußbett gefallen itnb von einer Kieslage bedeckt 
worden, zum großen Theil aber vom llfer ails iu's 
Wasser gekommen sind. Der letztere Umstand 
aber, in Verbindung mit der Beschaffenheit der 
Objekte, gestattet die sichere Vermuthung, daß 
unmittelbar über der Fundstätte, auf der Land 
spitze zwischen dem alten Kinzig- und dem 
Mainbette, eine röinische Niederlassung lag, die 
zum nördlichen Ende der Brücke und der zu ihr 
führenden Straße in ebenso enger Beziehung 
stand wie zum südlichen die auf der Steinheimer 
Mainspitze im Jahre 1875 von: Hanauer 
Bezirksverein aufgedeckte Anlage, welche gegen- 
würtig durch die Reichs-Limes-Kommission einer 
neuen Untersuchung unterzogen wird. 
Während aber dort ausgedehnte Fundamente 
die Lage, Größe und Beschaffenheit der Anlage 
errathen lassen, ist man auf der Hanauer Seite 
ausschließlich auf die zu Tage geförderten Fund- 
stücke angewiesen, wenn man sich eine Vorstellung 
von der Bedeutung des Platzes machen will. 
Dieselben sind aber, wie schon das folgende sum 
marische Verzeichniß erkennen läßt, nach mehr 
als einer Richtung hin von großein Interesse. 
Es wurden gefunden: 
I. Gegenstände von Thon, und zwar: 
1) zahlreiche Sigillatagefäße (Näpfe, Tassen, 
Schalen, Reibschalcn), sämmtlich mehr 
oder weniger fragmentarisch, davon zwölf 
mit Töpferstempeln, eines mit einer 
Töpfermarke. Die Stempel sind bis auf 
einen auch anderwärts im römischen Grenz- 
laude gefunden worden. Ebenso stimmt 
ein auf einem Sigillataboden eingeritztes 
Zeichen (Graffit) zu den Gepflogenheiten 
der Grenzbesatzungstruppen. Ein Amphora 
henkel zeigt, wie gewöhnlich, die abgekürzten 
drei Namen eines römischen Bürgers 
(Q. I. A.) als Marke des Fabrikanten. 
2) Zahlreiche Dachziegelstücke, von welchen 
eines den Stempel der vierten Kohorte 
der Vindelikcr, vier verschiedene Stempel 
der 22. Legion, sämmtlich nur theilweise 
erhalten, zeigen. Eine Vergleichung mit 
den in den Ziegeleien von Großkrotzenburg 
und Nied gefundenen Typen ergiebt, daß 
der Kohortenstempel von dem ersteren, 
die Legionsstempel von dem letzteren 
Fabrikationsorte stammen.
        

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