Volltext: Hessenland (8.1894)

Verlust lieber Angehöriger, um dahingeschwundenes 
Glück kehrt in immer neuen Varianten wieder: 
„Ein Traum! Ein trauter Traum, 
Den ich einst träumte — 
Ein echter Liebestraum! 
Von großem, großem Glück 
Ich damals träumte — 
Von unbegrenzten: Glück! 
Es war ein traulicher Traum, 
Den ich da träumte — 
Es war mein einziger Traum!" 
Ein offenes Auge hat die Verfasserin für die 
sie umgebende Welt, für die kleinen Freuden und 
Leiden des täglichen Lebens. Es ist also Selbst- 
empfuudenes. Selbsterlebtes, was sie bietet, und das 
unterscheidet sie zu ihrem Vortheil von Manchem, 
der mit Belesenheit und formaler Gewandtheit 
ausgerüstet uns als poetisches Erzeugniß bietet, 
was doch schließlich sozusagen das Exsudat all- 
gemeiner Bildung ist. Andererseits muß die Autorin 
zweierlei beachten: einmal, daß nicht alles persön 
lich Erlebte künstlerisch gestaltungswerth ist, dann, 
daß erst die Form es ist, welche das Kunstwerk 
ausmacht, und daß wir eine poetische Kunstsprache 
besitzen, die — ohne die Individualität des Einzelnen 
zu beschränken — ihre festen Kriterien hat. Hier 
auf muß die Verfasserin ihren Blick lenken, um 
fernerhin Erfreuliches zu schaffen. 
Wickers Henner am Scheidewege. Eine 
Erzählung aus dem Marburger Bürgerleben 
von Elise Mentzel. Marburg. Druck und 
Verlag von Oskar Ehrhardt, Universitäts 
buchhandlung. 1894. 
Die Verfasserin schildert in der vorliegenden 
Erzählung in recht wirksamer Weise den Konflikt, 
den die künstlerische Begabung zweier Glieder einer 
wackern Bürgerfamilie in ihnen selbst und zwischen 
ihnen und ihren Angehörigen hervorruft. Mit 
Behagen bewegen wir uns in diesem Kreise, wo 
Ehrbarkeit und althergebrachte Sitte das Leben 
beherrschen, und nehmen gern all' die kleinen 
Schwächen und Menschlichkeiten einer früheren, 
leider nun wohl für immer vergangenen Zeit mit 
in den Kauf. Diesen wohlhäbigen Bürgern und 
ihren gewichtigen Gattinnen steht die Marburger 
Mundart, deren sie sich bedienen, sehr wohl an. 
Solange die Verfasserin uns von diesen Bürger 
häusern und ihren Insassen, ihrer Freud' und ihrem 
Leid berichtet, ist sie offenbar in ihrem Element 
und weiß den Leser zu fesseln, sobald sie uns aber 
in die große Welt führt, betritt sie ein fremdes 
Gebiet, und ihre Erzählung wird ein Roman von 
derselben Leere itnb Oberflächlichkeit, wie wir sie 
in jedem Tageblatt mit Schaudern sehen, aber 
nicht lesen, und dazu ist das Talent der Ver 
fasserin zu schade. Wir würden ihr rathen das 
Mundartliche und schlicht Bürgerliche zu pflegen. 
Von ihrer Begabung für die Behandlung dieser 
Gebiete giebt ihr Buch erfreuliche Proben. 
I. W. 
Briefkasten. 
Alle Sendungen für die Redaktion sind zu richten 
an die Bnchdruckerei von Friedr. Scheel, Kassel, 
Schloßplatz 4. 
.1. 8., Frankfurt a. M. „Marburger Erinnerungen IV" 
erhalten. Besten Dank. 
L. M., Eschwege. Ihren Einsendungen sehen wir ent 
gegen. Gruß. 
C. N., Kassel. Es ist uns nichts zugegangen. Wir 
werden aber versuchen, es ausfindig zu machen. 
Frau K.-J., München. Zu rechter Zeit gekommen, mit 
Freuden acceptirt und sofort verwandt. 
L. B., Frankfurt a. M. Das Eingesandte war sehr- 
erwünscht. Weiteres stets willkommen. 
Anzeige. 
Herzliche Bitte an unsere Leser! 
Das furchtbare Grubenunglück von Karwin 
hat Hunderten von braven, pflichttreuen Bergleuten und 
Vielen, die todesmuthig zur Rettung derselben schritten, 
das Leben gekostet und die Hinterbliebenen in tiefstes 
Elend versetzt. Die Zahl der Letzteren ist so beträchtlich, 
daß trotz großartiger Unterstützung von Seiten der Re 
gierung und des Besitzers der betreffenden Kohlenwerke 
eine nur annähernd ausreichende Versorgung der ihrer 
Ernährer beraubten Wittwen und Waisen ausgeschlossen 
ist. Sollen diese Armen auf die Dauer vor bitterer Noth 
und Sorge bewahrt werden , so muß die Mildthätigkeit 
der Mitmenschen werkthätig eingreifen. 
Wir richten deshalb an unsere verehrten Leser und 
Leserinnen die dringende Bitte, ein Scherflein beitragen 
zu wollen, die Noth zu lindern und die Thränen zu 
trocknen, und ersuchen, Geldspenden, seien sie auch noch so 
gering, einzusenden an die 
Redaktion des Universum in Dresden, 
Johann-Georgen-Allee 13, 
oder an die Vertreter unseres Verlages 
Kerren Spieltagen & Schnrich in Wien, 
I., Kumpfgasse 7. 
Die gesammelten Gelder werden von uns an das Hilfs- 
komitä abgeliefert und soll an dieser Stelle über jeden 
einzelnen Betrag Quittung erfolgen. 
Für die hoffentlich recht reichlich fließenden Spenden 
gestatten wir uns schon im voraus im Namen der Hinter 
bliebenen herzlich zu danken. 
Redaktion und Uerlag des Universum, 
Dresden und Wien. 
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. D. Saul in Stuttgart. Druck und Verlag von Friedr. Scheel 
in Kassel.
        

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