Full text: Hessenland (8.1894)

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„So — und Fräulein Kunze, gerade Fräulein 
Kunze, welche die Besprechungen für die Modernen 
schreibt?" 
„Schreibt sie mit Geist und eingehendem Ver 
ständniß, aber in durchaus selbständiger Auf 
fassung — und muß sich außerdem mit diesen 
Arbeiten ihren Lebensunterhalt verdienen." 
„Und Frau von Geyser, Frau Landrath Koppen, 
mit denen man nicht mehr zusammen kommen 
konnte, ohne zum Verein für moderne Bestrebungen 
zu zählen —, Du wirst ihnen doch den Geist 
nicht absprechen können, Georg?" 
„Nein, Geist nicht, aber Verstand und Vernunft." 
„Aber, Mann, ich bitte mir das aus, sie sind 
meine Freundinnen und Gesinnungsgenossinnen." 
„Freilich, freilich, sie thronen sogar im Vor 
stande dreier Vereine —, wenn ich nicht irre auch 
in dem zur Gründung eines Müdchengymnasiums, 
— wenn das nicht modern ist! Nur manchmal 
stelle ich mir die schüchterne Frage, ob sie nicht 
doch besser thäten, diese Zeit ihrem Hause und 
ihrer Familie zu widmen. Der arme Geyser 
sitzt jeden Nachmittag im Cafe Prinz-Regent und 
langweilt sich zu Tode. Er sagte mir neulich 
selbst, daß die schöne Zeit der Nachmittagsspazier 
gänge, die er mit seiner Frau unternommen 
habe, längst vorüber sei —, ja daß sie sogar auf 
die gewohnte Sommerfrische verzichte, weil er ihr 
das Geld für den Verein geben müsse." 
„Ja, wir haben uns Alle gleichsam dazu ver 
pflichtet", warf Josepha etwas verblüfft ein. 
„Statt dessen", fuhr Georg fort, „wird der 
arme Mann dick, trinkt aus Verzweiflung mehr 
Bier, als er sollte, und was die weiteren Folgen 
sein werden, wird sich zeigen." 
„Bier hätte er doch getrunken, Georg, daran 
ist die Frau nicht schuld, und Frau von Geyser 
ist viel zu bedeutend, als daß ihr ein einfacher 
Haushalt genügen könnte." 
„So —, ich wußte nicht, daß ein Haushalt, 
die Fürsorge für Mann und Kinder und der 
Geist, der dem Ganzen das Gepräge giebt, so 
ganz einfache, untergeordnete Dinge seien." 
„Die moderne Frau will dem Manne gleich 
stehn, sie will für das Große und Ganze wirken, 
Georg," warf Josepha gereizt ein, „ihr genügt 
es nicht mehr, — —" 
„Nein, ihr genügt es nicht mehr, für das 
Große und Ganze im Kleinen zu wirken, Du 
hast Recht," unterbrach sie ihr Mann, „da würde 
sie zu wenig genannt, und der wirkliche Segen, 
den sie stiftete, wäre nicht so eklatant. Sie muß 
malen, schreiben, Vereinen angehören, — ohne 
genügendes Urtheil zu den Modernen zählen —, 
kurze Haare, graue Kleider tragen . . 
„Ziehst Du vielleicht gefallsüchtige Frauen vor, 
die sich putzen, alle Gesellschaften besuchen, Cour 
macher haben und den Mann betrügen?" 
„Das ist eine Kategorie von Frauen, Kind, 
die nicht nennenswerth ist; wir sprachen von 
solchen die ein höheres Streben haben." 
„Demnach giebst Du doch zu, daß wir in 
unserem Vereine das hohe Bestreben haben, dem 
Großen und Ganzen zu dienen?" 
„Ja, das gebe ich zu —, nur bin ich mir noch 
nicht ganz klar (und hier lächelte er wieder etwas 
überlegen), ob diese Wege die rechten sind. Die 
verheirathete Frau, die ihre Fähigkeiten und 
Talente im Hause verwerthet, hat einen ver 
edelnden Einfluß auf den Mann und die heran 
wachsenden Kinder, dieser Einfluß auf das 
Große und Ganze ist nicht zu unterschätzen. 
Denke einmal recht gründlich darüber nach, 
Josepha. Im klebrigen", fügte er hinzu, „thue 
Jeder was ihm das Rechte dünkt; ich werde 
nichts dagegen haben, wenn Du Dich in Grau 
kleidest, damit zehn Jahre älter machst, Deine 
Sommererholung — und die der Kinder — zum 
Vortheil des Vereines daran giebst. Ich bin 
für gegenseitige Freiheit, wie Du weißt." 
„Willst Du schon gehn?" fragte er dann nach 
einer Weile, als sich seine Frau erhob. 
„Ja, ich muß mich ankleiden, Fräulein Kunze 
kommt um zehn Uhr. Sie hat mir doch, wie 
Du weißt, die Kritik über Hauptmann's ,Einsame 
Menschen' überlassen und wird mir wohl heute 
den Korrekturbogen bringen." 
Georg lächelte und nickte. 
„Warum lachst Du?" 
„Habe ich gelacht?" 
„Geh', Du bist garstig, Georg, Du verbitterst 
mir meine ganze Freude. Du glaubst wohl, ich 
könnte das nicht?" 
„Ich glaube gar nichts, Josepha; wenn Du 
das Problem richtig erfaßt hast, warum solltest 
Du es nicht können?" 
„Eine so simpele Besprechung ist doch keine 
Kunst", spöttelte sie, und sie lächelte noch über 
den Einwand ihres Mannes, als sie hinüber in 
ihr Ankleidezimmer kam. 
Erst als sie vor den Spiegel trat, verschwand 
das Lächeln. 
Wahrhaftig, Georg hatte Recht, das Grau 
stand ihr nicht, es machte sie alt. Aber freilich, 
zu jung durfte man im Verein nicht aussehen, 
die Arbeit war doch eine ernste. 
Sie trat an ihren Kleiderschrank und griff 
nach dem dunkeln, grauen Wollenkleide, das sie 
sich auf Anrathen der älteren Damen, — sie 
trugen alle grau —, hatte anfertigen lassen. Es
        

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