Full text: Hessenland (8.1894)

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Modern. 
Novellette von H. Keller-Jordan. 
Sie saßen beim Frühstück. 
Die Morgensonne schien durch die bunten 
Erkersenster und huschte in rothen Strahlen über 
die Gegenstände des Zimmers. Zuweilen, je 
nachdem sich der Kopf der jungen Frau drehte, 
färbte ein röthlicher Schimmer auch ihr blondes 
Haar, flog über ihr hübsches Gesicht und verlor 
sich auf denl grauen Morgenkleide. 
„Tausche den Platz mit mir, Georg!" sagte 
sie zu ihrem im Schatten sitzenden Manne, „die 
Sonne genirt mich. — Hörst Du nicht, Georg?" 
„Ich sehe nicht ein, warum ich den Platz mit 
Dir tauschen soll," sagte er in seiner phlegmatischen 
Morgenbehäbigkeit, „es gefällt mir hier sehr gut; 
zudem wird Dein graues Kleid, das gar nicht 
zu Dir paßt, durch die Sonne erwärmt und 
belebt. Laß mir die Wohlthat dieses Anblickes." 
„Wie Du gleichgiltig für große Ideen bist," 
entgegnete sie, den Stuhl ihres Töchterchens in 
die Sonne schiebend und selbst neben ihrem 
Manne im Schatten Platz nehmend, „Du weißt 
doch, warum ich mich jetzt so einfach kleide." 
„So farblos", verbesserte er. 
„Nun ja, farblos. Aber ich meine doch, in 
dem Bewußtsein, daß Deine Frau etwas leistet 
— etwas für das große Ganze, lieber Mann, 
verstehst Du, — könntest Du solche Lappalien 
ignoriren." 
„Ja freilich, das könnte ich, wenn" und 
er fing an, — es war Sonntag —, einen Papiros 
zu wickeln, ohne den Satz zu vollenden. 
„Nun, wenn? Was soll das wenn?" 
„Wenn ich von dieser Leistung für das Große 
und Ganze überzeugt wäre —, aber das bin ich 
noch lange nicht, Kind." 
„Das bist Du nicht?" 
„Nein, das bin ich nicht, ebenso wenig wie 
von der Nothwendigkeit des grauen Kleides." 
„Die Kleidung ist doch wohl Nebensache; die 
Hauptsache bleibt die Entwickelung der Indivi 
dualität . . . ." 
„Ah so, freilich, das wußte ich nicht. Willst 
Du mir das einmal näher erklären, Josepha?" 
Die junge Frau sah etwas ungläubig in das 
Gesicht ihres Gatten, aber da er ganz ernst blieb 
und sie den sarkastischen Zug um den Mund, — 
vor dem sie sich etwas fürchtete —, nicht fand, 
sagte sie beherzt: 
„Wir leben jetzt in einer ganz andern Zeit 
als früher, lieber Georg, die Modernen, zu denen 
ich mich, wie Du weißt, mit Stolz zähle, wollen 
vornehmlich der Eigenart des Einzelnen gerecht 
werden und sprechen dem Ich eine ganz andere 
Berechtigung zu, als das früher der Fall war." 
„Ja freilich — freilich —, man richtet sich nach 
den inneren psychologischen Vorgängen, einerlei, 
was dabei in unserer Umgebung zu Grunde 
geht; man muß sogar Mann und Kinder verlassen, 
wenn die innere Stimme es verlangt und die 
Individualität durch dieselben geschädigt würde." 
Josepha blickte abermals ihren Mann an —, 
er war ganz ernst. 
„Nun ja, das hat auch eine gewisse Berechtigung," 
sagte sie dann etwas ernüchtert, „aber im Ganzen 
kommt das doch selten vor." 
„Du meinst, es gehöre schon eine ganz besonders 
starke Eigenart dazu?" fragte er, diesmal nicht 
ohne den ironischen Zug, der aber seiner Frau 
entging. 
„Ich habe mich mit dieser Frage noch wenig 
beschäftigt, lieber Georg, aber ich kann mir doch 
denken — —, Du lieber Gott, wir leben eben 
in einer ganz anderen Zeit —, und die Frau 
verlangt die gleichen Rechte." 
„Gewiß, deshalb bist Du auch in den Grauen 
Verein getreten, wo man für diese Fragen Zeit 
und Geld einsetzt." 
„Aber hast Du mit Fräulein Kunze nicht 
selbst diesen Nothschrei der Frauen besprochen 
und Dich hoch für ihr Wirken interessirt? Und 
nun ich mich ihrem Streben angeschlossen habe, 
sogar mit der Feder, die Dir bei Fräulein Kunze 
so imponirte —, nun wunderst Du Dich." 
„Nein, ich wundere mich nicht, Kind, ich 
meine nur, was für die Eine paßt, ist nicht für 
Alle. Fräulein Kunze hat einen ausnahmsweise 
scharfen Verstand, seltenes Wissen — —" 
„Und Du meinst, das habe ich nicht", unter 
brach Josepha gereizt ihren Mann. 
„Aber, Kind, Du bist jung, bist hübsch, bist 
verheirathet, ich würde Dich doch nie im Leben 
mit Fräulein Kunze vergleichen. Fräulein Kunze 
hat sich, aus frühem Denken und mancher Ent 
täuschung heraus, einen Wirkungskreis geschaffen; 
sie nützt ebenso ihrem Geschlechte, das ist fraglos, 
wie Unberufene ihm schaden. Wir leben gewiß 
in einer Zeit, in welcher sich die Existenzfrage 
der Frau in beit Vordergrund drängen muß, 
aber es läßt sich nichts überstürzen, liebes Kind, 
und vor allen Dingen hat diese Frage gar keine 
Gemeinschaft mit der sogenannten modernen 
Richtung in der Litteratur."
        

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