Full text: Hessenland (8.1894)

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©öfter tu Hanau geführten Untersuchungsakten 
gegen Lieutenant v. B. mir zum Gutachten und 
Berichtsentwurf in Bezug auf das eingereichte 
Begnadigungsgesuch zutheilte. Aber weder das 
Garnisons-Gericht noch das Generalauditorat 
fanden Anhaltspunkte, aus welche gestützt sie den 
Berurtheilten der landesherrlichen Gnade empsehlen 
zu können glaubten. Ihm wurde auch keine 
Begnadigung zu Theil, und so starb er denn, 
nachdem er den größten Theil der ihm zuerkannten 
Strafe auf der Bergveste Spangenberg verbüßt 
hatte, an einer langwierigen Krankheit in der 
Heilanstalt zu Bettenhausen bei Kassel. F. Weis 
aber hatte es für gut befunden, den Staatsdienst 
auszugeben und nach Nordamerika auszuwandern. 
Als Beispiel für das oft gerühmte gute Ge 
dächtniß des Kurfürsten Friedrich Wilhelm mag 
beiläufig erwähnt werden, daß derselbe bei Gelegen 
heit des Vortrags des Kriegsministers wegen 
meiner Anstellung im Staatsdienst diesen fragte, 
ob ich derselbe sei, der, — zwölf Jahre waren 
seitdem verflossen —, mit Lieutenant v. B. in 
Fulda das Rencontre gehabt habe. 
Und was wurde aus ihm, der die Veranlassung 
des Vorfalls und meiner zweimaligen Verwundung 
war, aus N. Weß? Aus dem hochaufgeschossenen 
Penal ward ein stattlicher Priester, später Kaplan 
an der Dompfarrei in Fulda und beliebter 
Kanzelredner, dessen Predigten vorzugsweise von 
deit Frauen sehr eifrig besucht wurden. Dieser Um 
stand veranlaßte den Medizinalrath Dr. Schwartz, 
den Verfasser der „Buchenblätter", zu den damals 
oft wiederholten Worten: „Weswegen geht Ihr 
Frauen so oft und gern in die Predigten im 
Tom? Weß wegen!" 
Allzufrüh entriß der Tod den trefflichen Mann 
seinem Wirkungskreise. Schon Anfang der 
Sechziger segnete er das Zeitliche. Mein Wieder 
sehen mit ihm war aber ein ebenso ungewöhnliches 
als für mich schmerzliches. Als ich nämlich bei 
meiner Anwesenheit in Fulda im Jahre 1882 
einen Spaziergang machte, führte mich der Weg 
bei dem vorstädtischen Todtenhof, dessen Eingangs 
thor offen stand, vorüber. Dort fand ieh beim 
Eintritt den alten Todtengräber mit Herrichtung 
einer Grabstätte beschäftigt und zu diesem Zweck 
ein altes Grab, in welches vor zwanzig Jahren 
eine Leiche beerdigt worden war, auswerfend. 
Schädel und Knochen waren bereits an die 
Oberfläche gelangt und lagen auf der heraus- 
geschaufelten Erde. Ich fragte den Todtengräber, 
ob er mir iticht die Stelle auf dem Friedhof 
angeben könne, an welcher die letzte Ruhestätte 
des Domkaplans Weß sich befände. Da zeigte 
der alte Mann auf die aus der Tiefe soeben 
herausgeworfenen Knochen und den daneben 
liegenden Schädel und sagte in trockenem Tone: 
„Do eße!" (Da ist er!) Die zwanzig Jahre 
alten Grabstätten müßten ausgeworfen, um beim 
Mangel an Raum zu weiterett Bestattttngen 
benutzt zu werden. 
Wehmüthig warf ich den Ueberresten des so 
früh verschiedenen Freundes einen letzten Blick 
zu und entfernte mich gepreßten Herzens vom 
Orte der Ruhe und des Friedens mit der Bitte: 
„Das ewige Licht erleuchte ihn!" 
Frankfurt a. M. 
I. S. 
Von Wilhelm Ben necke. 
1. 
Sprach die Mutter einst ztt ihrem Kind, 
Das um Mitternacht noch emsig spinnt: 
„Sag', Mariechen, von den Burschen allen 
Welcher hat am besten Dir gefallen?" 
Sprach Mariechen: „Vott dett Burschen allen 
Haben drei am besten mir gefallen: 
Konrad Jäger, dessen Horn erschallt 
Gar so lustig durch den grünen Wald; 
Heinrich Gärtner, dessen Blumenpracht 
Mir so wonnig in die Augen lacht; 
Doch mein Herz am allerschönsten fitidet 
Armen Hans, der Weidenkörbe bindet." 
Traurig sah die Mutter vor sich nieder, 
Seufzend hob deut Mädchen sich das Mieder. 
Maifest war. Die Geigen klangen, 
Burschen ihre Mädchen schwangen 
Und ihr Tollen und ihr Rasen 
Aergert Muhmen rings und Basen, 
Denn sie halten solch' Gebahren 
Würdig nur für Teufelsschaaren. 
Und Mariechen mit dem Gärtner tanzte, 
Der ihr Maien früh vor's Fenster pflanzte.
        

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