Full text: Hessenland (8.1894)

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und führte ihn am Arm nach Haus. An der 
Gartenthüre, die aus dem Wahler'schen Garten 
in die Florengasse führt, trat in dieselbe mit uns 
zu gleicher Zeit der bei N. Wähler wohnende 
Sekondlieutenant v. B . . . k und wurde von 
Weß, offenbar ohne alle Absicht, am Arm gestreift. 
Lieutenant von B. aber wandte sich, ohne Rücksicht 
auf den Zustand des Weß zu nehmen, nach uns 
und versetzte dem wankenden Weß eine so derbe 
Ohrfeige, daß dieser zu Boden fiel. Auf meine 
Aeußerung, wie er, v. B., meinen Bekannten so 
behandeln könne, dessen Zustand doch jede ab 
sichtliche Berührung ausschließe, zog der als' 
leidenschaftlicher Mensch bekannte Offizier, ohne 
ein Wort zu sprechen, seinen Degen und schlug 
mich auf das linke Ohr, das stark blutete und 
dessen Narbe ich noch trage. Darüber auf's 
Aeußerste erregt, ergriff ich einen dicht neben mir 
am Weg liegenden Holzstuhl, an welchem das 
Sitzbrett fehlte, und schlug auf den sich eilig 
nach seiner Wohnung entfernenden v. B. mit 
den beiden Stuhlbeinen ein, wobei ich ihn wieder 
holt auf seine Schultern traf, während ich seine 
im Umdrehen und Weitergehen nach mir geführten 
Hiebe mit der Querleiste des Stuhles abwehrte, 
wodurch tiefe Einschnitte in der Leiste zurück 
blieben, hielt ihm auch, auf ihn eindringend, 
seinen Degen fest, um ihn wehrlos zu machen. 
Dies gelang mir jedoch nicht, indem v. B. mir 
den Degen durch die Hand zog und mir so eine 
zweite Wunde beibrachte. In diesem Augenblick eilten 
aus dem Wahler'schen Wirthszimmer, von wo aus 
sie den Vorgang, den meine Bekannten iin Garten 
zimmer gar nicht bemerkt hatten, wahrnahmen, einige 
Fuldaer Bürger: Weinwirth Binder, Hofschmied 
Auth, Lackierer Leinweber, Bäckermeister Arnold, 
auf uns zu, entrissen dem v. B. den Degen und 
wurden von weiteren Thätlichkeiten gegen ihn 
nur durch das Zwischentreten des Wirths Wähler, 
welcher dem v. B. den Degen wieder einhändigte, 
abgehalten, sodaß dieser unbehelligt seine Wohnung 
erreichen konnte, ich aber von weiteren Miß 
handlungen befreit wurde, sonst hätte ich wahr 
scheinlich das Schicksal des im Sommer 1845 
durch denselben Offizier erstochenen Referendars 
Heinrich Mehler getheilt. 
Am darauffolgenden Tag reiste ich mit meinem 
Freund Gegenbaur nach Marburg, um als 
Studenten uns dort immatrikuliren zu lassen. 
Kaum angekommen, erhielt ich ein Schreiben 
meines Vaters, worin er mir mittheilte, daß die 
Gendarmerie bei ihm gewesen sei, um mich zu 
sprechen und von ihm das Nähere über die Vor 
fälle mit v. B. zu erkunden. Dieser konnte aber 
keine Auskunft geben, da ich selbst ihm den 
Vorfall verschwiegen und die Entstehung der 
Wunden auf andere Ursachen zurückgeführt 
hatte. Als ich nun in Marburg bei Professor 
v. Vangerow in Gemeinschaft niit meinem Corps- 
bruder Karl Braun-Wiesbaden mein erstes 
juristisches Kolleg belegte, bemerkte jener auf 
meinem Ohr das Pflaster und sagte deshalb in 
scherzendem Ton zu mir: Nun, Herr S., Sie 
werden doch wohl nicht schon vor deni Beginn 
der Vorlesungen ein Duell gehabt haben? 
Im Uebrigen hatte es bei diesen Verwundungen 
„lediglich sein Bewenden", und die ganze An 
gelegenheit geriet!) in Vergessenheit. 
Erst zehn Jahre nach Heinrich Mehler's 
gewaltsamem Tod, im Jahre 1855, trat mir die 
Begegnung mit v. B. in Fulda wieder recht 
lebhaft vor Augen. 
Auf dem Felsenkeller zum Bachrain befand sich 
im Sommer 1845 Lieutenant v. B. in Gesellschaft 
mit Rechtspraktikant F. Weis. Auch Referendar 
Heinrich Mehler war in anderer Gesellschaft dort 
anwesend. Weis, welcher dem Mehler nicht wohl 
wollte, spiegelte nun dem Lieutenant v. B. vor, 
Mehler habe sich über ihn, v. B., lustig gemacht. 
Darauf rief v. B. den Mehler aus dem Zimmer, 
machte ihm über sein Benehmen gegen ihn Vor 
halt, und als Mehler's Entgegnung dem v. B. 
nicht genügend erschien, zog dieser seinen Degen 
und stach den Mehler so tief in den Unterleib, 
daß dieser zusammenbrach und ganz kurz darauf 
im Gastzimmer des Bachrains starb. Am andern 
Morgen begab sich der Regimentsadjutant, 
Premierlieutenant Schindler, in v. B.'s Wohnung, 
um ihn in Arrest auf die Hauptwache in Fulda 
abzuführen. Er traf den v. B. im tiefsten Schlaf 
im Bett liegend und mußte ihn erst wecken, ehe 
er ihn abführte. 
v. B. benahm sich sowohl bei seiner Verhaftung 
als auch als Arrestant auf der Hauptwache in 
äußerst ungebührlicher Weise. Er wurde später 
durch ein aus dem Offizierkorps des dritten 
Infanterieregiments in Hanau, weil dem zweiten 
Infanterieregiment, bei welchem v. B. diente, die 
Aburtheilung vom Generalauditorat entzogen 
worden war, gebildetes Kriegsgericht zu zwanzig 
Jahren Festungshaft wegen Todtschlags ver 
urteilt und hatte die Hälfte der ihm zuerkannten 
Strafe verbüßt, als er sich wegen Erlaß der 
zweiten Hälfte im Gnadenwege mit einem Gesuch 
an den Kurfürsten wendete. Das an das 
Generalauditorat zum Bericht abgegebene Gesuch 
gelangte nun an das Garnisonsgericht in Hanau, 
dessen Gerichtskommandirender, Generalmajor 
von Starck, die vom Garnisons-Auditeur Victor 
in Fulda und später vom Garnisons-Auditeur
        

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