Full text: Hessenland (8.1894)

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geführt zu werden. Die, welcher Reuber zugetheilt 
wurde, 300 Mann stark, sollte nach Virginie» 
marschieren; ebenso 300 Engländer. Am 4. Ok 
tober langten sie in Baltimore an. Hier 
erwarteten sie dieselben Insulten wie in Phila 
delphia, sodaß der sie begleitende Kapitän ge 
nöthigt war, seine Mannschaft laden zu lassen, 
um die ihm anvertrauten Gefangenen zu schützen. 
Obgleich sie schon im Rathhaus einquartiert 
waren, so führte sie der Kapitän doch der Sicher 
heit halber noch Abends hinaus in einen Wald, 
wo sie die Nacht über kampirten. Was zum 
Bivouak nöthig war, wurde ihnen hinausgebracht. 
Am 6. Oktober passirten sie die blauen Berge 
und langten an der Grenze von Birginien an. 
Hier ereignete sich nun etwas, was ein 
glänzendes Licht auf die Disziplin der hessischen 
Kriegsgefangenen wirft. Das Kommando, welches 
die Gefangenen bis dahin begleitet hatte, hatte 
nur Ordre bis zur virginischen Grenze. Das 
Kommando, das sie hier in Empfang nehmen 
sollte, war noch nicht zur Stelle. Die Pennsilvanier 
schossen ihre Büchsen und Gewehre ab, kehrten 
um und ließen den alten Kapitän mit 600 Kriegs 
gefangenen allein. Dieser ritt nun voraus 
nach der drei Tagemärsche entfernten Stadt 
Winchester, um die ausgebliebene Bedeckung zu 
holen und forderte die Gefangenen aus, ihm 
nachzufolgen. Wenn sie es thäten, so sollten sie 
dafür belohnt werden. Was geschah nun? Die 
Engländer desertirten zum größten Theil, wurden 
aber unterwegs von den Einwohnern des Landes 
wieder aufgefangen, die Hessen aber setzten ihren 
Marsch unter der Führung ihrer Unteroffiziere 
ruhig fort und langten vollzählig am 8. Oktober 
in Winchester an. Hier wurden die Hessen 
bei den Bürgern einquartiert, die Engländer aber 
kamen in ein Gefängniß, wo sie streng bewacht 
wurden. Auch hier arbeiteten viele hessische 
Soldaten ben Sommer über bei den Farmern. 
Mancher verheirathete sich und blieb nach Be 
endigung des Kriegs dort. Reuber weilte hier 
bis zum 28. August 1778, wo die Gefangenen 
zum Zweck der Auswechselung Ordre zum Rück 
marsch bekanieu. Sie legten den Marsch auf 
demselben Wege zurück, den sie gekommen waren, 
und langten am 30. Oktober in Elisabeth- 
towu an, wo sie ausgewechselt wurden. Am 
4. November wurden sie neu montirt und armirt, 
und Reuber wurde dem Bataillon wieder zu 
getheilt, das nach dem Tod des tapfern Rall 
den Namen Trümbachisches Grenadierbataillon 
erhielt. 
Die reorganisirten Hessen waren zur Ver 
wendung auf einem anderen Theil des Kriegs 
schauplatzes bestimmt. Am 16. November wurde 
dje erste Division nach Georgien eingeschifft. Die 
Fahrt war nicht so glücklich als die Fahrt von 
Deutschland nach Amerika. Heftige Stürme 
ließen die Soldaten alle Schrecken des Meeres 
durchmachen. Die Flotte wurde bis auf die 
Höhe von Finisterre verschlagen. Am 13. Dezember 
entging das Schiff der Gefahr eines Tornado, 
indem der Kapitän noch zur rechten Zeit ein 
spitzes Eisen in das Hauptsegel warf, wodurch 
dasselbe vom Wind ergriffen und in tausend 
Fetzen zerrissen, das Schiff aber gerettet wurde. 
Endlich am 22. Dezember, nachdem die englische 
Flotte Charlestown unter französischer Flagge 
passirt hatte, langte die Expedition vor Savannah 
an. Im Hafen lag eine französische und eine 
spanische Fregatte sowie ein amerikanisches 
Kanonenboot (Galeere). Der französische Kapitän 
steckte sein Schiff in Brand und ging davon, 
das spanische Schiff wurde genommen, das 
amerikanische Kanonenboot zog sich in den Fluß 
zurück, wohin ihm die englischen Kriegsschiffe 
wegen ihres Tiefgangs nicht folgen konnten. 
Am 27. wurden die Truppen gelandet und 
nahmen Savannah ohne großen Widerstand ein. 
Tags darauf wurde das Kanonenboot von einem 
mit einem Sechsunddreißigpsünder armirten Boote 
aus, welches mit vieler Mühe über Land traus- 
portirt worden war, angegriffen und genommen. 
Das Regiment Wissenbach nebst den Rall'schen 
Grenadieren blieben als Garnison in Savannah, 
die Engländer aber marschirten landeinwärts und 
besetzten Ebenezer. Im Frühjahr mußten die 
Hessen die Engländer dort ablösen, bis die Nach 
richt kam, daß General Clinton von Norden 
käme, um Charlestown zu belagern. General 
Brown, der Kommandeur in Savannah, beschloß 
daher, einen Vorstoß nach Charlestown zu machen, 
um die Stadt zu gleicher Zeit von Süden an 
zugreifen. Der Marsch führte auf unwegsamen 
Pfaden durch unbekanntes Land. Ein großer 
Fluß (der Name ist nicht genannt), den die aus 
200 Wilden bestehende Avantgarde durchschwamm, 
um die Amerikaner vom jenseitigen Ufer zu ver 
treiben, mußte durchwatet werden, die Patron 
taschen Ulis dem Kopf. Damit Niemand vom 
Strome hinweggerissen würde, bildete die englische 
Kavallerie eine Linie durch den Fluß. Kaum 
am Ufer angekommen, überfiel die schon ganz 
Durchnäßten ein furchtbares Gewitter. Der 
Sturm stürzte die von den Amerikanern halb 
durchgesägten Bäume um, und diese machten im 
Sturz ein Getöse wie der stärkste Kanonendonner. 
Den ganzen nächsten Tag hatte man damit 
zu thun, die dadurch entstandenen Verhaue weg-
	        

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