Full text: Hessenland (8.1894)

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breiten Stein, dessen unterer Theil in Form eines 
Nadelöhrs ausgehöhlt ist. Kolbe giebt in seinen 
„Hessischen Volkssitten" nachstehende Erklärung 
für die Entstehung des Steines. Bei unseren 
heidnischen Vorfahren war die Eiche dem Donar, 
als Heilgott, geweiht. Jeden Eichbaum dachte man 
als Sitz dieser Gottheit. Die von der Natur 
ausgehöhlten Eichen wurden als Heilstätten für 
Kranke, insbesondere sür Bruchleidende, betrachtet. 
Man nannte solche hohlen Eichen, deren es damals 
nicht wenige gab, „Nadelöhr". Das Heilverfahren 
wär sehr einfach und bestand darin, daß der Kranke 
sich vor Sonnenaufgang stillschweigend an Ort 
und Stelle begab lind „unbeschrieen", d. h. ohne 
daß Jemand ihn anredete, dreimal durch das Nadel 
öhr kroch. Von diesem Durchkriechen der Höhlung, 
als denl Ausdruck der Unterwerfung unter die 
Allmacht der Gottheit, erhoffte man die Wieder- 
genesung des erkrankten Leibes. — Noch jetzt trifft 
man hie und da Waldorte an, die beit Namen 
„Nadelöhr" führen ltnb dadurch andeuten, daß 
dort solch heilkräftige Eichbäume gestanden haben 
müssen, so z. B. bei Speckswinkel und Mengsberg 
in Oberhessen. Auch im Süllingswald, an der 
Straße von Friedewald nach Hönebach, stand ein 
weit und breit berühmter Baum, welcher das 
Nadelöhr hieß und zu solchem Heilgebrauch diente. 
Bis weit in das christliche Zeitalter hinein ragte 
diese Ruine ans heidnischer Zeit, bis der Baum 
endlich vor Alter verfiel. An der Stelle, wo er 
gestanden, ließ Landgraf Moritz einen Gedenkstein 
in Form eines Nadelöhres errichten, das jedoch 
nur zu Volksbelustigungen diente, und Viele, die 
im Laufe der Jahre des Weges kamen, sind wohl 
durch die Oeffnung gekrochen, ohne zu wissen, welche 
Bedeutung dieser Handlung früher beigelegt wurde. 
Beim Abbruch des Inneren des jetzigen könig 
lichen Hoftheaters zu Kassel haben sich 
hinter der Holzbekleidung an einer Wand des ersten 
Ranges vier Theaterzettel aus den Jahren 
1814, 1815, 1816 und 1832 durch die daselbst be 
schäftigten Handwerker vorgefunden, welche sür 
unsere hessische Geschichte von historischem Werth 
sind und der hiesigen Landesbibliothek überwiesen 
wurden. Dieselbe hat, dem „C. T." zufolge, die 
Dokumente dankbar entgegengenommen, umsomehr, 
als diese in der bestehenden Sammlung seither 
nicht vorhanden waren. Einer der Zettel enthielt 
die Ankündigung der denkwürdigen ersten Auf 
führung von Beethovens „Fidelio" als Festvor 
stellung zur Geburtstagsfeier des Kurfürsten 
Wilhelm I. am 6. Juni 1816. Der Entdecker 
dieser interessanten Dokumente wurde von Seiten 
des Vorstandes der Landesbibliothek mit einem 
Dankschreiben beehrt. 
Aus Ooimath und Fremde. 
In Hersfeld findet am 1., 2. u. 3. Juli 
- also ziemlich gleichzeitig mit dem Sängerfest — 
die 4. Wanderversammlung des Ver 
bandes hessischer Bienenzüchtervereine 
statt. Mit ihr ist eine Fachausstellung von lebenden 
Bienenvölkern, Honig, Wachs, bienenwirthschaftlichen 
Gerüchen und Lehrmitteln, sowie eine Verloosung 
(3000 Loose a 50 Pf., 338 Gewinne) verbunden. 
Die besten Leistungen der Aussteller werden mit 
Diplomen und Geldpreisen prämiirt. Versamm- 
lungs- und Ausstellungslokal ist die Restauration 
Bolender. 
Gemäldeausstellung in Marburg. Der 
rastlosen und aufopfernden Thätigkeit des Herrn 
Oskar Ehrhardt ist es gelungen, eine statt 
liche Anzahl von Gemälden (wohl an 200) zu 
vereinigen und so den Bewohnern Marburgs 
zum ersten Male die Freude einer eigenen 
Kunstausstellung zu bereiten. Es ist bei der 
Zusammenstellung der Bilder mit ebenso viel Ge 
schick als Umsicht verfahren worden, so daß die 
kleine Sammlung von jedem Gebiet der Malerei 
und aus den verschiedensten Zeiten Proben giebt 
nnb so dem sinnigen Beschauer nicht nur Ab 
wechslung sondern auch eine belehrende Uebersicht 
gewährt. 
Von Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Rem- 
brandt, van Dyk, Giulio Romano, Tischbein, 
Gabriel Max herab zieht sich der Kreis bis zu 
Theodor Mattheit neuestem Genrebild. Historie, 
Porträt, Genre, Landschaft, Thierstück, Architektur 
sind vertreten und neben der alten, gediegenen 
Kunstrichtung die modernste. Es ist nicht meine 
Ausgabe, hier die Gesammtausstellung kritisch zn 
würdigen, doch der zahlreichen dem Hessenlanu 
entstammenden Aussteller will ich mit einiged 
Worten gedenken. 
Wir finden da Theodor Matthei, Johannes 
Kleinschmidt, L. Katzenstein, v. Volk mann, 
K l i n g e l h ö s e r, Z i m m e r m a n n, V a n tz e r, 
Ubbelohde, Schürmann, Bauer, Dauber, 
Clans, Jenich in reicher Abwechslung und in 
meist trefflichen Werken vertreten, so daß wir aus 
unsere heimische Künstlerschaft mit freudigem Be 
hagen blicken dürfen. Nächst Klingelhöfer selber 
ist auch seine Schule, durch vortreffliche Arbeiten, 
zum Theil Kopieen älterer Meisterwerke, der Damen: 
Fräulein Pfeffer, Fräulein Eichler, Fräulein 
Krug, Fräulein Poppel bäum stattlich re-
        

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