Full text: Hessenland (8.1894)

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Gesungen ward's in alter Zeit vom Krieger auf der 
fernen Wacht, 
Vom Förster, der am Frühlingstag durchstreift des Waldes 
grüne Pracht. 
Im Felde sang's die Schnitterin und träumt von Lieb' 
und Glück und singt, 
Daß es wie Lerchenjubelton zum Försterhnus am Wald 
saum klingt. 
Der Schiffer sang es, der bei Nacht am Steuerruder 
einsam stand, 
Der Jäger sang's, der Wanderbursch, der leichten Herzens 
zog durch's Land. 
Mit diesem Liede sang in Schlaf manch Mütterlein ihr 
trautes Kind, 
Zu jeder Zeit erklang sein Ton, bei Morgenroth und 
Abendwind. 
Wie Meeresschaum, den zu uns trägt die Welle aus der 
Ferne weit, 
Wie Glockentou, der zu uns schallt vom Kirchlein in der 
Einsamkeit, 
So kommt das alte Lied zu uns aus alter längst ver- 
gang'ner Zeit 
Und lacht mit uns und klagt mit uns in Seligkeit und 
Herzeleid. 
Ein altes Lied, ein altes Lied klopft an Dein Herz mit 
leisem Klang, 
Die Worte rauh und doch so traut und voller Tiefe und 
Gesang. 
Das alte Lied, es rührt Dein Herz und füllt Dein Aug' 
mit Thränen an 
Und lindert sanft der Seele Schmerz, mehr als Dein 
Mund es sagen kann. 
Mögen also — das wünschen wir — die 
hessischen Sänger sich als Hüter dieses kostbaren 
Schatzes, der uns im Volkslied bescheert ist, mehr 
und mehr sühlen, mögen sie das ihnen anvertrailte 
Gut so verwalten, daß es ihnen selbst zur Freude, 
dem hessischen und deutschen Volke aber zürn Segen 
gereiche. 
Ueber das Volkslied „Der Kurfürst von Kesten ist ein 
kreuzbraver Mann". 
Von Johann Lewalter. 
^)l)wlleicht ist es den Lesern des „Hessenlandes" 
er willkommen, etwas Näheres über das alte 
T hessische Soldatenlied „Der Kursürst von 
Hessen ist ein kreuzbraver Mann" zu erfahren. 
Dieses in Wort und Weise gleich schöne und 
ergötzliche Lied ist ein Bruchstück des von Franz 
Ludwig Mittler (siehe „Hessenland", 1891, 
S. 219) aufgeschriebenen und in dessen vorzüg 
licher Sammlung deutscher Volkslieder (1855, 
2. Ausgabe 1865) unter Nr. 1455 ohne Weise 
abgedruckten Liedes „Schwerer Abschied", welches, 
wie wir sehen werden, sich in ganz ähnlicher 
Gestalt bis auf den heutigen Tag erhalten hat. 
Die Mittler'sche Aufzeichnung, welche mit der 
von Ditfurth'schen Niederschrift (von Dit- 
furth: Fränkische Volkslieder, 1855, II, Nr. 246 
„Der Rekrut") große Aehnlichkeit hat, lautet 
folgendermaßen: 
Ist denn die Falschheit 
So groß in der Welt, 
Daß alle jungen Burschen 
Müssen ziehen in das Feld ? 
Der Hauptmann stand draußen, 
Schaute seine Leute an: 
Seid lustig, seid fröhlich, 
Es kommt keiner davon. 
Der Vater, die Mutter 
Die weinten so sehr. 
Drum wird mir das Marschieren 
Und der Abschied so schwer. 
Der Bruder, die Schwester 
Und die ganze Freundschaft, 
Und sie haben mich, und sie haben mich 
Um mein Schätzchen gebracht. 
Der Kurfürst von Hessen 
Der hat es gesagt, 
Daß alle jungen Burschen 
Müssen werden Soldat. 
Die armen, die kleinen 
Die nimmt man heraus. 
Und die reichen und die seinen 
Die schickt man wieder nach Haus. 
Von diesem Liede wurden wohl häufig die drei 
letzten Strophen mit der Anfangsstrophe „Der 
Kurfürst von Hessen ist ein kreuzbraver Mann 
u. s. w." gesungen, wenigstens sangen mir im 
Jahre 1889 alte hessische Soldaten das Lied in 
dieser ihnen geläufigen, folglich in den fünfziger 
Jahren auch gebräuchlichen Fassung vor, welche 
ich dann in Wort und Weise in die Sammlung 
deutscher Volkslieder aus Niederhessen (1890, 
I. Heft, S. 43) als Anmerkung zu Nr. 20, wie 
folgt, aufnahm:
        

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