Full text: Hessenland (8.1894)

170 
den Mvst holte; was mehr also, daß die 
schmächtigen Lieutenants verblüfft zu dem Goliath 
emporschallten, dessen feistes Gesicht zwar gut 
müthig lächelte, dessen trotziger Blick ihnen aber 
auch deutlich zuzurufen schien: Wartet nur, 
Jungens! ich komme Euch. — 
„Erlauben die Herren Kameraden," fuhr er 
gemessen zu sprechen fort, nachdem die gegenseitige 
Vorstellung vorüber war, „das; ich mich als ein 
Pflänzlein jenes Landes bekenne, von dem Sie 
vorhin ein nicht gerade schmeichelhaftes Bild 
entwarfen, imb daß ich mich als solches ver 
pflichtet fühle, dieses Bild zu berichtigen. Sicherlich 
glauben die Herren llicht, daß ein Geivüchs, wie 
es sich Ihnen ad oculos in meiner Person vor 
stellt, in einem Lande gedeiht, das, wie das von 
Ihnen geschilderte, der Ausbund eines Hunger 
landes ist, oder halten die Herren in der That 
diese Schenkel" — er schlug mit der Rechten auf 
die derben — „für das Ergebniß verdauter 
Schlehen und Grundbirn? Ja, schauen Sie mich 
nur an, solche Pflänzlein, sage ich Ihnen, laufen 
zu Dutzenden im Lande herum. Wo aber die 
satt werden, brauchen auch Sie nicht zu fürchten, 
hungern zu müssen. Groß sind die Schüsseln 
zwar hinter den rothweißen Pfählen, aber es 
findet sich auch mehr darin als getrocknete Heidel- 
beerschnitzeln und Heckenschlehen; und sind unsere 
Krüge groß, so entsprechen sie doch nur unseren 
Durst, und unsere wackeren Brauer sorgen dafür, 
daß wir nicht an letzterem zu Grunde gehen. 
Apropos, beliebt es den Herren Kameraden, so 
überzeugen Sie sich von dem Gesagten in meinem 
Hause zu Wommen; ich lade Sie hiermit ein 
zu Grundbirn, Braten und einem Krüglein 
Hessisches. Bringen die Herren nur einen 
tüchtigen bayerischen Appetit und bayerischen 
Durst mit, wir werden es schon damit auf 
nehmen. Prosit, Kameraden!" — 
Das war eines Hessen würdig gesagt und 
gehandelt. — 
Ob es indeß zu einem Besuch gekommen ist, 
davon verlautet nichts; wenn es aber der Fall, 
so wird der brave Herr hessisches Licht nicht 
unter bcu Scheffel gestellt haben. — 
Eine wahre Wilddiebgeschrchte. 
Mitgetheilt vom königlichen Rentmeister Rechnungsrath Otto in Kassel. 
'Min Anschluß an den Inhalt des „Was sich 
ein Forsthof erzählt" in den Nru. 21 
N und 22 des „Hessenlandes" von 1890, wozu 
Schreiber dieses das Material geliefert hat, und 
in welchen des wildreichen Welleröder Forstreviers 
aus der Dienstzeit des Revierförsters Th om as Ott o 
gedacht ist, dürfte es vielleicht nicht ohne Inter 
esse für Jagdleute und Forstsreunde sein, folgende 
wahre Geschichte, welche ich aus eigener Wissen 
schaft mittheile, zu erfahren. 
Wie bereits in den oben bezeichneten beiden 
Rummern des „Hessenkandes" gesagt, war zu 
meines Vaters Dienstzeit das Forstrevier Wellc- 
rode an Hochwild n. s. w. ein sehr reiches, darunter 
namentlich starke Edelhirsche, sogar bis zu 
Achtzehn-Endern, sowie Sauen und sonstiger für 
das edle Waidwerk erwünschter Jagdbeute. Es 
konnte -daher wohl nicht befremden, daß in dem 
damals dichten, mit starken Buchen und Eichen 
bewachsenen Wald, namentlich in den Fvrstorten 
„Stellberg", „Schorn", „Lenziges Keller", des 
Nachts von den zunächst gelegenen Ortschaften 
Wilddiebe mit bestem Erfolg ihr Wesen trieben. 
Hierüber beklagte sich mein Vater oft, wenn, 
wie es nicht selten geschah, aus Kassel im 
Welleröder Forsthaus sich Jagdfreunde einfanden, 
um dem edlen Waidwerk obzuliegen, und Herr 
Forstmeister Friedrich von Schwertzell sagte 
einmal bei seinem Abschiednehmen zur Rückkehr 
nach Kassel mit einem Händedruck zu meinem 
Vater: „Herr Revierförster, ich komme recht 
bald wieder, und alsdann gehen wir beide des. 
Nachts in den Wald wegen Ihrer Klage über 
die Wilddiebe." 
Eines schönen Tags — nicht lange nachher — 
hat sich denn Herr von Schwertzell in Wellerode 
eingefunden und erklärt meinem Vater, mit ihm 
die nächste Nacht in den Wald gehen zu wollen. 
Man macht Abends vorher nach Tisch ein Karten- 
spielchen, und vor dem Schlafengehen wird die 
Frau Revierförster ernstlich darauf aufmerksam 
gemacht, daß der Herr Forstmeister und mein 
Vater gegen 12 Uhr geweckt sein, den Kaffee 
trinken und alsdann zusammen in den Wald 
gehen wollen. 
Diese Anordnung wird selbstverständlich streng 
befolgt, die Herren gehen bis an die Wald 
distritte „Schorn" und „Stellberg", und hier
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.