Full text: Hessenland (8.1894)

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dem Einmarsch der Bundesexekutionstruppen in 
das Hessische mit bewaffneter Hand begegnete; 
wie in Folge dessen die Preußen die durch das 
Hessische (bei Hersseld) führende Etappenstraße, 
welche die getrennten preußischen Gebietstheile 
verband, besetzten und von da mit einem Armee 
korps einen Vorstoß nach Fulda machten; wie 
in dessen Nähe, bei dem Dorfe Bronzell, dieses 
Armeekorps in Fühlung mit den vorrückenden 
Oesterreichern kam und die „große Völker 
schlacht von Bronzell" geschlagen wurde, 
die den Oesterreichern etliche verwundete Jäger, 
den Preußen aber den berüchtigten „Schimmel 
von Bronzell" kostete und die zu der schließ- 
lichen Verständigung führte, wonach die Preußen 
sich zurückzogen, die Exekutionstruppen dagegen 
unbehindert ihre Sendung vollzogen. — 
Am Vortage des Einmarsches der Bayern, — 
es war ein allgemeiner Ruhetag —, ging es 
äußerst lebendig an der Table d’hote in dem 
Gasthofe zum Rautenkranz in Eisenach, die 
ausschließlich von jüngeren bayerischen Offizieren 
und Aerzten besetzt war, her. Noch zeugten die 
Ueberreste der Knödelgerichte, daß von dem Gast 
hofbesitzer der volksthümlichen Geschmacksrichtung 
seiner Gäste Rechnung getragen war, was diese 
wohl in die gute Laune versetzt haben mochte, in 
der sie sich befanden, und in der sie die schaum 
bedeckten Krüglein mit dem dunkelen Münchener 
fleißig kreisen ließen. So wurde die Stinimung 
eine immer heiterere und machte sich in launigen 
Einfällen und Gesprächen Luft. Was lag da 
näher, als daß der am nächsten Morgen statt 
findende Einmarsch in „das Land hinter 
den roth weißen Pfählen", sowie das Volk, 
das darin hauste, Gegenstand lauter Erörterung 
war. Die Herrchen packten ihr ganzes geo 
graphisches Wissen aus, und hätte man ihren 
Schilderungen Glauben schenken dürfen, so War 
den jungen Helden ein zweites Sibirien mit 
einer Bevölkerung in Sicht, die arm wie die 
Kirchenmäuse und roh und ungehobelt wie 
Koffern und Hottentotten war. Die bekannten 
Schauerverse über Land und Leute, die man wohl 
dem „tippelnden" Bruder Straubinger auf der 
Landstraße nachsieht, mußten herhalten, obwohl 
sie sich aus dem Munde der jungen Herrchen 
wunderlich genug anhörten. 
Vor Allen war es ein junger Chevauxlegers- 
lieutenant, der sich darin besonders hervorthat, 
und, indem er, selbstgefällig das kleine Bärtchen 
auf der Oberlippe zwirbelnd, in dein bekannten 
Kravattentone näselte: „Eh bien, Leberknödel 
famos! Pyramidal geschmeckt! Kann's halt 
aushalten morgen. Wer weiß, wie's kommt; 
denn 
Im Lande zu Hessen, 
Haben's große Schüsseln und wenig zu essen." 
„Besser wenig wie gar nichts, wenn das 
Wenige nur gut und von Geschmack ist", ent- 
gegnete dem Sprecher der neben ihm sitzende Arzt. 
„Pah, wenig? So gut wie nichts, Kamerad! 
Riesig armes Land! Kannibalisch vom Herrgott 
vernachlässigt! Wann bei uns der Bauer das 
Korn schneidet, schnitzeln sie da drüben Heidel 
beeren zum Wintervorrath, und 
Wann Schlehen und Grundbirn nicht gerathen, 
Haben's in Hessen nichts zu sieden und braten." 
Ein beifälliges Bravo und Gelächter der ganzen 
Tafelrunde lohnte dem Sprecher, der seinerseits, 
nun einmal in diesem Fahrwasser, das Krüglein 
erhob: 
„Prosit, Kameraden! Es geht doch halt nichts 
über bayerischen Durst und bayerischen Schluck! 
Lasset uns trinken, so lange wir haben. Morgen 
geht es in das Land, wo — der natürliche Essig 
wächst und man ihn als Wein aus großen 
Krügen schlürft. Puh, 
Große Krüge, saurer Wein; 
Wer möchte gern in Hessen sein? 
Eh bien, Kameraden! Spület das Graulen 
hinunter! Es lebe das Münchener!" 
„Es lebe das Münchener!" echote die Tafel 
runde. 
Noch war das Ausstößen der geleerten Krüge 
und das Klappern der zuschlagenden Zinndeckel 
nicht verhallt, da erhob sich lang und langsam 
hinter der Wollgardine in der Fensternische, wo 
er bislang unbeachtet verweilt hatte, ein Mann 
von übergewöhnlicher Größe von dem Stuhle, 
eine stattliche, riesige Gestalt — jeder Zoll ein Mann, 
— gegen welchen sich die jungen Lieutenantchen 
ausnahmen wie die Bleisoldaten einer Nürnberger 
Spielschachtel, griff das Bierglas vom Fenster 
simse auf und trat festen Schrittes und in stolzer 
Haltung zu der Tafelrunde heran, sich als der 
Rittergutsbesitzer von Kutzleben aus Wommen 
vorstellend. 
Die Nennung des Namens wird allein schon 
genügen, allen denen, die beit Mann von An 
gesicht zu Angesicht gekannt haben, eine Gestalt 
vor die Augen zurückzurufen, die das bekannte 
Gardemaß bei Weitem überschritt und von einer 
solchen Wohlbeleibtheit war, daß sie das Urbild 
zu Bürger's Abt von St. Gallen hätte sein 
können, einer Gestalt, der dasj frische rothe Gesicht 
den Stempel urwüchsiger Gesundheit ausdrückte 
und dem Beschauer allsogleich sagte, wo Barthel
        

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