Full text: Hessenland (8.1894)

Rall: Alle, was meine Grenadiers sein, marschieren 
vorwärts! Alle Tambouren schlugen Marsch, 
die Hornisten bliesen. Auf einmal rief Alles, 
was noch Leben hatte, recht: Hurra; da war auch 
gleich Alles untereinander; Amerikaner und Hessen 
war eins; kein Sehnst fiel mehr, sondern Alles 
lief vorwärts ans die Festung los. Wie wir 
nun in die Höhe kamen, so hatten die Amerikaner 
einen Laufgraben um die Festung rum. Weil 
wir darin waren, so hieß es mit uns: Halt. 
Da wollten die Amerikaner mang uns raus 
laufen, nach der Festung; da hieß es aber: ihr 
seid Kriegsgefangene. Die Festung wurde gleich 
aufgefordert vom Hessen-General von Kniphausen. 
Die Rebellen thaten auf zwei Stunden kapituliren. 
Als die zwei Stunden um waren, wurde die Festung 
Fort Washington übergeben an den Hessischen 
General Kniphausen mit allen Vorrütheu re. 
Das Rall'sche Grenadierregiment und das Alt- 
Lostbergische Regiment mussten sodann zwei Linien 
machen gegen einander, und da mußten sie durch 
marschieren und Gewehre und Waffen ablegen, 
und da kamen die Engländer und führten sie 
nach New-Pork in Gefangenschaft." 
Fort Washington erhielt fortan den Namen 
Fort Kniphausen. Am 10. November erhielt 
die Brigade Rall den Befehl nach Tre»ton 
aufzubrechen, wo sie nachmals das Unglück hatte, 
gefangen genommen zu werden. Sie sollte dort 
die hessischen Jäger und die detachirteu Grenadiere 
ablösen, welche den Delaware hinab gen Phila 
delphia marschierten. Am 10. Dezember kam 
sie nach einem äußerst anstrengenden Marsch dort 
an. — Was auch die Ursache des Unglücks 
war, die Hessen hatten es an der nöthigen Vor 
sicht und Wachsamkeit nicht fehlen lassen. Da 
der Kommandeur von den Landeseinwohnern 
erfahren hatte, daß die Amerikaner einen Ueber- 
fall beabsichtigten, so ließ er am 21. Lärmquartiere 
beziehen. Die Soldaten mußten sich angezogen 
schlafen legen, Vorposten und Piquets wurden 
nach Kriegsgebrauch ausgestellt. Oberst Rall 
! aber unternahm am 21. Dezember Rekognoszirung 
am Delaware hinauf bis Ncu-Frankfurt, um zu 
sehen, ob dieselben wirklich Anstalt machten, den 
Delaware zu überschreiten, desgleichen am 24., 
wo die.Amerikaner die hessischen Posten benn- 
ruhigten. Auch ließen es die Hessen nicht an 
der gewohnten Tapferkeit bei dem unverhofften 
Angriffe fehlen. Allein, was konnten 1700 Mann, 
denn so stark war die Brigade blos noch, gegen 
eine sie von allen Seiten umdrängende Ueber- 
macht von 15000 Mann ausrichten? — Es war 
am ersten Christfeiertag, den 25. Dezember 1770, 
als die hessischen Vorposten von einer überlegenen 
amerikanischen Streitmacht überfallen wurden. Bei 
der ersten Salve stand die Mannschaft in den 
Lärmhäusern schon in Reih und Glied, während 
die Amerikaner mit Gewalt in das Städtchen 
drangen. Vor dein Quartier des Obersten war 
eine Dielenwaud errichtet, vor der die beiden 
Regimentskanonen standen. Diese schossen sich 
eine Zeit lang mit sieben amerikanischen Geschützen 
herum, bis sie von den Amerikanern im 
Sturm genommen wurden. Rall nahm sie dem 
Feind zwar durch eine kräftige Attacke wieder 
ab und zog sich mit ihnen auf's freie Feld. 
Während er nun einen neuen Angriff auf die Stadt 
machte und in dieselbe eindrang, kam den Hessen 
eine starke Abtheilung Amerikaner in den Rücken. 
Als Oberst Rall obendrein schwer verwundet vor 
den Reihen seiner Grenadiere gefallen war, blieb 
deshalb den tapferen Hessen nichts übrig, als vor 
der Uebermacht das Gewehr zu strecke». Das 
ist der Hergang der in den Geschichtsbüchern viel 
besprochenen Gefangennahme der Hessen bei Tren- 
ton, die als ein Meisterstück der Washington'schen 
Kriegskunst bezeichnet wird, nach der schlichten 
und wahrheitsgetreuen Darstellung des Grenadiers 
Reuber. Von den tapferen Hessen konnte man 
bei dieser Gelegenheit sagen: Sie hatten Alles 
verloren, nur nicht die Ehre. 
(Fortsetzung folgt.) 
Hessisches Gewächs. 
Von Ludwig Mohr. 
jenseits der rothweißen Grenzpfählc des ehe- 
!sljs maligen Kurhessens entfaltete sich im Spät 
est herbste des Jahres 1850 ein reges und 
buntes Leben. Dorf und Landstraße wimmelten 
von bayerischen Blauröcken und Raupenhelmen, 
oder, um mich des späteren Spitznamens zu 
bedienen, von „Strafbahern", die mit einem 
österreichischen Armeetheil jene Exekutionstruppe 
ausmachten, welche der selige Bundestag sandte, 
um die stenernverweigernden Hessen mürbe und 
gefügig zu machen. 
Als bekannt wird vorausgesetzt, daß Preußen
        

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