Full text: Hessenland (8.1894)

161 
Doch nun man ihm angezogen 
Das verhaßte Alltagskleid, 
Kam es zu mir hingeflogen 
Und klagt' schmollend mir sein Leid: 
„Nicht einmal mein Band von Rosa 
Ließ sie mir, — schilt' sie, Papa!" 
„Ja, mein Kind, die reine Prosa 
Ist die garst'ge Alte da." 
„Prosa?" fragt erstaunt die Kleine, 
„Seit ich in die Schule ging, 
Hört' ich nie solch' Wort, ich meine, 
Was ist Prosa für ein Ding?" 
„Prosa, Kind, ist eine Hexe, 
Die zum Schönsten höhnisch lacht 
Und die großen Tintenkleckse 
In die Schönschreibhefte macht." 
Guatemala, im Mai 1894. 
Michard Jordan. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Das Denkmal für König Konrad. Am 
10. Juni hat das stille Städtchen Villmar 
an der Lahn einen Festtag gehabt: Eine nach 
Tausenden zählende Volksmenge hatte sich ein 
gefunden, um der Enthüllungsfeier des Denkmals 
für einen echt deutschen Mann beizuwohnen, den 
Gaugrafen des Hessen- und Lahngaues und späteren 
König Konrad I. Aus einem gewaltigen Marmor 
felsen des Bodensteins am linken Ufer der Lahn, 
von wo man einen prächtigen Rundblick genießt, 
erhebt sich, seiner Stellung und Größe nach har 
monisch dem Standorte angepaßt, das dem ersten 
deutschen Wahlkönige jetzt, fast 1000 Jahre nach 
seinem Tode, errichtete Denkmal. Nach einem 
Festzuge durch Villmars geschmückte Straßen zum 
Standbilde und dem schwungvollen Vortrage der 
Kantate „Am Bodenstein" hielt Dekan Ibach die 
Fest- und Weihrede. Dann fiel unter dem Donner 
der Böller die Hülle von dem prächtigen, von 
Ludwig Cauer's Meisterhand gefertigten Stand- 
bilde aus weißem Sandstein: der König, der in 
kriegerischer Rüstung und weitem Mantel dar 
gestellt ist, hält die goldglänzende Krone in der 
linken Hand. Von Schmerz gebeugt, schaut er aus 
das Zeichen der Macht, das er im Begriffe ist,' 
einem anderen Stamme und Fürstenhause (beni 
Sachsenherzoge Heinrich) zu übertragen; die 
Rechte stützt der Herrscher aus das Schwert Karl's 
des Großen. Die 2 */2 Meter hohe Statue steht 
aus einem kräftigen Sockel von Villmarer Marmor, 
der die Inschrift trügt: „Konrad I. (911—918), 
deutscher König und Gras des Lahngaues, übertrug 
in treuer Sorge für des Reiches Sicherheit und 
Macht, sterbend, Heinrich von Sachsen Krone und 
Herrschaft." Den feierlichen Akt der Enthüllung 
beschloß ein von Dekan Deißmann ausgebrachtes 
Hoch auf Kaiser Wilhelm und der allgemeine 
Gesang der Nationalhymne. 
Im Juni 1894 sind hundert Jahre verflossen, 
daß die steinerne Brücke über die Fulda 
in Kassel vollendet wurde. Landgraf Wilhelm IX. 
ließ dieselbe in den Jahren 1788 bis 1794 zum 
Ersatz für eine baufällig gewordene und nur durch 
enge Straßen zugängliche hölzerne Brücke (ober 
halb der jetzigen) an geeigneterer Stelle erbauen. 
Zur Anlage dieser 79 Nieter langen und 12 Meter 
breiten Brücke, welche in drei Bögen die Fulda 
überspannt, mußten mehrere Häuser am Altmarkte 
itrtb am rechten Fuldauser die alte Kirche der 
Unterneustadt, welche fünf Jahrhunderte überdauert 
hatte, abgebrochen werden. Der namentlich für 
die damalige Zeit sehr ansehnliche Brückenbau 
wurde entworfen von Oberbaudirektor I u s s 0 w; 
eigentlicher Schöpfer war aber Steinmetzmeister 
Heinrich Abraham Wolfs, der auch das Wilhelms 
höher Schloß erbaute. (Bergt. „Hessenland"; Jahr 
gang 1888, Nr. 15, S. 238). 
In Girtanner's „Politischen Annalen", Bd. Ill, 
schildert ein zeitgenössischer Korrespondent unsere 
hessischen Landsleute bei der Belagerung von 
Valenciennes, wie folgt: 
„Der Hesse ist in der Transchee wie überall. 
Er kennt die Gefahr, allein er fürchtet dieselbe 
nicht. Wenn ihm der, immer aufmerksame, Kaiserliche 
zuruft: ,Bombe!‘, so weicht er ihr aus; läßt 
seine Pfeife dabei nicht ausgehen; trittst, wenn es 
irgend möglich ist, seinen Schnaps und schläft, 
lvenn es nicht anders sein kann, ein wenig int 
Stehen. Die Hessen haben, während der 8 Tage, 
während welcher sie täglich 600 Mann in die 
Transcheen gaben, nicht mehr als einen einzigen 
Todten itnb ungefähr vierzig Verwundete gehabt." 
— An einer anderen Stelle schreibt er: „Ebenso 
deutlich fällt der Unterschied des eigenthümlichen 
Nationalcharakters in die Augen, wenn matt beu 
immer thätigen Ungarn oder Slavonier, wo er 
nur eine halbe Stunde Zeit übrig hat, eilte Kegel 
bahn anlegen und Kegel schieben oder sich im 
Laufen und Springen üben sieht, während der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.