Full text: Hessenland (8.1894)

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Die Frau war glücklich, sobald sie den leichten 
Schritt ihrer Wohlthäterin vernahm. 
Eines Morgens fand Nona Frau Elsbeth 
angekleidet auf einen Stuhle vor ihrem Lager- 
sitzen. Freudestrahlend berichtete Marga, ihre 
Mutter fühle sich heute so gestärkt, daß sie es 
mit dem Gehen versuchen wolle. 
Nona freute sich von Herzen, trug einen alten 
Armstuhl in das kleine Gärtchen, belegte ihn mit 
weichen Kissen und half nun Marga, die Genesende 
hinaus zu führen. Es ging sehr langsam, und 
die bethen Mädchen mußten viel Kraft anwenden, 
um die Frau zu stützen, aber endlich kam man 
doch glücklich bei dem Sitze an. Frau Elsbeth 
ließ sich daraus sinken, Freudenthränen weinend, 
daß sie endlich wieder Blättergrün, Himmelsblau 
und Blüthenduft schauen und genießen konnte. 
Plötzlich aber ergriff sie Rona's weiße Hündchen, 
dankte ihr für jede Wohlthat und rief begeistert: 
„Ihr seid ein Engel der Barmherzigkeit!" 
In diesem Augenblicke trat aus dem Schatten 
einer uralten, neben der Hütte stehenden Linde 
die hohe Gestalt — — des Ritters von Edelheim. 
Das Burgfräulein erröthete gleich einer Pfirsich 
blüthe. Der Ritter verneigte sich tief. -- — — 
Bald darauf wandelten das Fräulein und der 
Ritter den Burgweg hinan. — Otto von Edel 
heim berichtete seiner Begleiterin, daß er im 
nächsten Dorfe eine Bestellung gehabt habe und 
auf den Gedanken gekommen sei, die nahe Ronne 
burg aufzusuchen. Er habe sein Pferd eingestellt, 
um zil Fuß den kleinen Weg zurückzulegen. „Als 
ich an dem kleinen Häuschen Eures Schützlings 
vorüberkam, hörte ich Eure Stimme", erzählte der 
Ritter, „und konnte der Versuchung nicht wider 
stehen, Euch zu belauschen —; es war gut, daß 
ich es that, denn so habe ich erfahren, daß Ihr 
ein Herz habt." 
Rona lächelte befangen. „Habt Ihr denn das 
nicht geglaubt?" 
„Nein!" gestand der Ritter freimüthig, „die 
Kunde ging, Ihr wäret ein kaltes, herzloses 
Wesen. — Darum konnte ich Euch auch nicht 
freundlich begegnen, als Ihr mit Eurem Vater 
bei mir weiltet. Eure Schönheit drohte, mich zu 
besiegen, aber ich wollte stark sein." 
Das Burgfräulein sah mit feuchten Augen zu 
Otto auf. „Ihr hattet recht gehört," sagte sie 
leise und sanft, „ich war sehr böse, aber ich hoffe, 
daß ich nun ein wenig bester bin." 
Das junge Paar stand vor dem hohen Thore. 
Bei beit leisen Worten der Jungfrau sing im 
Herzen des Ritters eine Saite all zu klingen —, 
er fiel vor Rona nieder, und bat sie, sein und 
seilles Hauses Engel zu werden. — Bevor Rona 
ihre Antwort gab, beichtete sie dem Geliebten, 
wie er unbewußt die Veranlassung zu ihrer Um- 
wandlullg gewesen. Lächelnd drohte ihr der 
Ritter mit dem Finger —, alte Kräuterfrauen 
hatten nie zu seinen Schwärmereien gehört. — 
Bald aber führte Otto von Edelheim strahlenden 
Angesichtes seine liebliche Braut in die Burg 
ihrer Väter. 
Als die alte Sanlla von der neuen Verlobung 
erfuhr, wiegte sie bedeutsam ihren grauen Kopf 
hin und her, schaute zu den Baumwipfeln empor 
und murmelte: 
„Du weiße Lilie, Du weiße Taube, 
Ich hör' es flüstern im grünen Laube: 
Ein Herze gefunden —, ein Herze verloren; 
Was sind doch die Menschen für Thoren!" 
Aus dsr 
„Es ist ja nur ein Gasthausleben, 
Das wir hier führen" — also steht 
Am Bauernhäuschen — und daneben 
Ein Himmelswuusch und ein Gebet. 
Es ist so alt und so alltäglich, 
So oft gesagt, — originell 
Ist's nicht und dennoch so unsäglich 
Voll tiefer Wahrheit, mein Gesell, 
Und für uns Beide, die wir treiben 
Auf Lebens Hochfluth, wie gemacht. 
Laß uns ein Stüudlein ruhig bleiben 
Und Gott aufsuchen! Gute Nacht! 
M. Aervert. 
Pros». 
Aufgeregt von frohem Feste 
Kam mein Liebling jüngst nach Haus, 
Und man zog ihm gleich das beste 
Kleidchen unbarmherzig aus. 
Wie das Kind auch prvtestirte 
Und die alte Dien'riu schalt, 
Ach, die Alte refüsirte, 
Und sie brauchte gar Gewalt. 
Und dabei sprach sie so nüchtern, 
Daß das Zucht und Ordnung hieß', 
Bis mein armes Kind sich schüchtern 
Seines Schmucks berauben ließ.
        

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