Volltext: Hessenland (8.1894)

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es nur, um den lauernden Zug in ihrem Gesichte 
zu verbergen. Als sie sich emporrichtete, sah sie 
wieder genau so scheinheilig aus wie vorher. 
„Ja, da muß ich erst meine Kräuter fragen," 
sagte sie rn schleppendem Tone, „wollt Ihr warten 
oder wiederkommen?" 
„Ich warte", sagte Rona mit glänzenden 
Augen. — Schwerfällig erhob sich Sauna und 
kroch in ihre Hütte. Rona wußte, daß sie ihr 
nicht folgen durfte. — 
Es dauerte nicht lange, bis die Kräuterfrau 
mit einer kleinen Pfanne voll dampfender Flüssig 
keit wieder aus ihrem Häuschen trat —, sie hatte 
den Pflanzensaft immer vorräthig in Gläsern 
und unterhielt stets ein glimmendes Feuer auf 
ihrem Heerde. Mit wichtiger Miene hinkte sie 
auf ihren Schemel zu, setzte sich und hielt sich 
die winzige Pfanne dicht unter die schwarzen 
Augen. 
Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte Rona 
ihrem Treiben. 
„O!" rief die Alte plötzlich mit erkünsteltem 
Bedauern, „ich sehe Haß, Haß, der schöne Ritter 
ist Euch nicht gut gesinnt, hält Euch für böse, 
denkt, Ihr habt kein Herz, liebt nur Euch selber! 
Doch was sehe ich nun? — nach langer Zeit 
wird er Euch endlich lieben, aber Ihr müßt noch 
gar viele Male den Burgberg auf- und nieder 
steigen, und eine große Wandlung muß noch 
mit Euch vorgehen —." * 
„Aber was soll ich thun, seine Liebe zu ge 
winnen?" forschte Rona athemlos. 
Die Alte lächelte seltsam. „Ihr müßt Gutes 
thun, Arme besuchen, Kranke pflegen, Trost in 
elende Hütten tragen, und an dem Tage, an 
welchem Euch ein armseliges Menschenwesen 
einen , Engel der Barmherzigkeit' nennt, werdet 
Ihr die Braut des Geliebten werden." — Sanna 
wußte genau, welchen Abscheu das stolze Burg 
fräulein vor Krankheit und Elend hegte, wie 
schrecklich es ihr war, mit niederen Leuten in 
Berührung zu kommen. Sie selber hatte nur zu 
oft den unbändigen Hochmuth Rona's empfunden 
und haßte die Jungfrau ebenso sehr, wie dieselbe 
von allen anderen Thalbewohnern gehaßt wurde. 
Deshalb nannte sie ein Mittel, von welchem sie 
wußte, daß es Rona peinlich sein mußte. 
Diese hielt sich auch mit den beiden schönen 
Händen die kleinen Ohren zu und rief unwillig: 
„Hört auf, alte Hexe, dieses Mittel werde ich 
niemals gebrauchen!" 
Sanna lachte kalt. „Das thut mir leid," sagte 
sie spöttisch, „dann werdet Ihr nie Euer Ziel 
erreichen!" 
„Giebt es kein anderes Mittel?" 
„Nein," versetzte das Krüuterweib in bestimm 
tem Tone, „dies ist das einzige." 
Im Thale wußte man nicht, was mall zu 
Rona's plötzlicher Wohlthätigkeit sagen sollte. 
Das Fräulein besuchte täglich die ärmsten Hütten, 
trug eigenhändig ganze Körbe voll köstlicher 
Speisen zu den Kranken, und warf mit Geld um 
sich her, als hätte ein Fieber der Barmherzigkeit 
sie erfaßt. 
Die Leute schüttelten die Köpfe. „Das geht 
nicht mit rechten Dingen zu," meinten sie be 
denklich, „so plötzlich hat sich noch kein Mensch 
geändert. Freundlich ist sie auch nicht dabei, es 
kommt ihr nicht von Herzen!" 
Und das war die Wahrheit. Rona that zuerst 
Alles nur aus eigennützigen Gründen; sie that es 
ohne Liebe zum Nächsten. Ihr Herz öffnete sie 
der Armuth nicht, aber ihren Blick konnte sie nicht 
vor ihr verschließen. Zum ersten Male sah sie, 
wieviel Elend und Kummer aus Erden wohnt. — 
Daß es so schlimm sein könne, hatte sie nicht 
geahnt. So erglühte doch langsam, unmerklich 
ein Funke des Mitleids in ihrer Seele. Bald 
fand sie es gar nicht mehr so schrecklich, eigen 
händig wohlzuthun, gar nicht mehr so unmöglich, 
ein Wort des Trostes zu spenden, und eilte nicht 
mehr, wie gejagt, von dannen, sobald sie ihre 
Körbe in den Krankenstuben niedergestellt hatte. 
Auch die Leute fürchteten sie nicht mehr; unter 
dem Aufdämmern einer dankbaren Verehrung 
schwand der Haß gegen das schöne Burgfräulein, 
wie das Dunkel unter den Blicker: der Sonne 
schwindet. Bald that Rona ihre guten Werke 
aus wahrhaftem Herzensdrang —, sie hatte nie 
geahnt, wie schön es ist, in den leuchtenden 
Augen seines Nächsten herzliche Liebe zu lesen, 
nie geglaubt, wie sehr das schwache Dankeslächeln 
eines armen Kranken beglücken kann, aber auch 
nie gedacht, daß unter den einfachen Hütten 
bewohnern soviel echte, brave Menschen seien. - 
Ein ganz besonderer Schützling Rona's war die 
Wittwe eines armen Schuhmachers. Diese war, 
in Folge einer schweren Krankheit, noch so schwach, 
daß sie nicht gehen konnte. Ihre einzige Tochter 
Marga, ein liebes Mädchen von vierzehn Jahren, 
pflegte die Mutter mit bewundernswerther Ge 
duld und Freudigkeit und besorgte mit großen: 
Fleiße die häuslichen Arbeiten. Immer herrschten 
Ordnung und Sauberkeit in der niederen Hütte. - 
Täglich saß das Fräulein an: Bette der Leidenden, 
erquickte dieselbe mit kräftigen Speisen und 
feurigem Wein, sprach ihr Trost zu und suchte 
ihr mit munterem Geplauder die Zeit zu kürzen.
        

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