Full text: Hessenland (8.1894)

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Diese wehmüthige Klage schien aber wenig 
Eindruck auf Nona gemacht zu haben —, sie 
schritt so kühn dahin und lächelte unternehmend, 
als wüsste sie nichts von deut „Ritter mit dein 
gebrochenen Herzen". 
Heute führte Rona's Weg zu einer alten 
Kräuterfrau, welche aus dem Safte von allerlei 
Pflanzen die Zukunft deuten konnte. Sauna war 
auch, wie immer, schon sehr frühe auf den Füßen; 
sie saß, von zwei blendend weißen Katzen und 
mehreren gefüllten Kräuterkörben umgeben, auf 
einem niederen Schemel vor ihrer dürftigen Hütte. 
Als sie das Burgfräulein erbickte, winkte sie ihm 
vertraulich mit der braunen Hand. 
Rona war hier keine Fremde; sie ließ sich oft 
von der alten Sauna wahrsagen, denn alles 
Außergewöhnliche, Räthselhafte, Unerklärliche zog 
sie mächtig an. — Heute hatte sie aber einen 
besonderen Grund, die „kluge Frau" aufzusuchen. 
„Sauna, Ihr müßt mir helfen!" rief sie der 
Alten schon von Weitem entgegen, und, näher 
kommend, setzte sie leiser hinzu: „Ich habe 
mein Herz verloren!" 
Die alte Kräuterfrau riß ihre schwarzen Augen 
weit auf; „Herz—verloren?" wiederholte sie lang 
sam, als hättesienicht recht gehört, „Herz—verloren ?" 
„Hört mich an!" befahl Rona in ungeduldigem 
Tone, „und laßt Euer blödes Staunen! Warum 
sollte ich mein Herz nicht auch einmal verlieren?" 
„Weil Ihr keins habt!" fuhr es der Alten, 
wider Willen, über die Lippen. 
Heftig stampfte das Fräulein mit dem Fuße, 
ihr weißes Gesicht färbte sich roth. „Noch ein 
solches Wort," rief sie in hellem Zorne, „und Ihr 
sollt tut dunkelsten Gewölbe der Ronneburg Eure 
Frechheit büßen! Oder", und sic lachte, daß ihre 
schneeigen Zähne blitzten, „ich sperre Euch in die 
Brunnenkamtner, da könnt Ihr sehen, ob Ihr 
das große Rad*) in Schwung bringt, wenn der 
Durst Euch plagt!" 
Schott lag das Kräuterweib vor Rona im 
Sande und küßte unaufhörlich den Saum ihres 
blauen Gewandes. „Verzeiht, verzeiht!" winselte 
sie, „Ihr habt das beste Herz, Ihr seid eine 
Taube, eine Lilie —, ich wußt' nicht, was ich 
rede, ich wußt' es nicht!" 
Verächtlich lachend, riß Rona ihr Kleid aus 
den Händen der Alten und befahl ihr, aufzustehen.— 
Sauna gehorchte. 
„Zur Sache!" ries das Burgsräuleiu, „setzt 
Euch wieder auf Euren alten Wackelschemel und 
hört mich endlich an!" 
*) Aus dem Brunnen der Ronneburg wurde das 
Wasser mittels eines mächtigen Rades aus unendlicher Tiefe 
heraufgezogen. 
Keuchend ließ sich Sauna auf ihren Lieblings 
sitz nieder, kreuzte die Arme und sah mit dem 
scheinheiligsten Blicke ihrer falschen Augen zu 
Rona auf. — Diese hob vom nebenstehenden 
Stuhle einen Korb mit Kräutern herunter und 
nahm auch Platz. „Gestern", begann sie flüsternd, 
„machte ich mit meinem Vater einen großen, 
großen Ritt von vielen Stunden —, wir kamen 
an einem schönen Herrenhose vorüber, den ich 
noch nie zuvor gesehen hatte —, nur mein Vater 
war, bei Gelegenheit einer Hirschjagd, schon dort 
zu Gaste gewesen; der Edelhof liegt dicht vor 
einem tiefen Walde. — Gerade, als wir vorüber 
ritten, trat aus dem Hofthore ein wunderschöner 
Mann im Jagdgewande; von seinem Hute wehten 
lange, weiße Federn, seine Gestalt war hoch und 
gebietend, sein Haar war schwarz, und seine Augen 
hatten einen königlichen Blick. Ihm folgte eine 
Schaar fröhlich bellender Hunde. — Es war der 
tnir noch unbekannte Ritter von Edelheim. — 
Mein Vater hielt an, begrüßte ihn, nannte unsere 
Namen und fragte den Ritter nach dem besten 
Wege, denn in dieser Gegend wußten wir beide 
nur wenig Bescheid. Höflich bat der Besitzer des 
Herrenhofes um unseren Eintritt in sein Hans. — 
Da der Tag sehr heiß und wir sehr durstig 
waren, ließen wir uns bereden. Der Ritter rief 
Knappen herbei, welche unsere Pferde und seine 
Meute in Empfang nahmen, und führte uns 
in sein Haus. 
Etwa eine Stunde nur weilten wir unter 
seinem Dache, aber diese eine Stunde genügte, 
mein Herz ztt entflammen." — Rona seufzte tief. 
„Dann wird es bald Hochzeit geben", grinste 
die alte Sauna. 
Wieder seufzte das Burgfräulein. „Er ist der 
Erste, den ich liebe, und der Erste, dein ich nicht 
gefalle. Gegen meinen Vater war er voll Ehr 
erbietung, gegen mich kalt wie Eis." 
„Ach, wer wird die weiße Lilie nicht lieben!?" 
schmeichelte das Kräuterweib, „ist denn Euer 
Ritter von Stein?" 
Rona sprang von ihrem Sitze empor, stellte 
sich dicht vor die Zauberin und rief befehlend: 
„Ihr müßt mir helfen! Sagt mir, was ich thun 
soll, um ihm zu gefallen! Mit Gold und Silber 
will ich Euch lohnen, wenn Ihr mir sagt, wie 
ich ihn erringen kann!" 
Rona hatte so heftig gesprochen und war der 
Alten so nahe gekommen, daß die beiden weißen 
Katzen, welche friedlich zu Füßen ihrer Herrin 
geschnurrt hatten, verstummten und mit drohenden 
Blicken das Burgfräulein musterten. Sauna 
beugte sich nieder und strich beruhigend über das 
weiche Fell ihrer Lieblinge. Vielleicht that sie
	        

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