Volltext: Hessenland (8.1894)

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Schon am 20. August fand das erste Gefecht 
statt. Es galt die Insel Long Island zu 
nehmen, auf der sich die Amerikaner festgesetzt 
hatten. Die Kriegsschiffe nahmen die Boote, 
in welchen sich die Landungstruppen befanden, 
in's Schlepptau und vertrieben die Amerikaner 
durch ein heftiges Geschützfeuer, worauf die 
Landung ungehindert vor sich ging. Am folgenden 
Tage, den 21. August, war ein Gefecht bei 
Fleetbosh Watbush), wobei das Rall'sche Gre- 
nadierbataillvn eine Fahne eroberte. Als ein Unter 
offizier gerade im Begriffe war, dem Oberst von 
Rail das Beutestück zu überreichen, kam der 
Brigadekommandeur General von Mirbach an 
gesprengt und nahm die Fahne für sich in 
Anspruch. Es erfolgte eine heftige Szene. Rast 
widersprach: Meine Grenadiers haben die Fahne 
erobert, und sie soll ihnen auch bleiben; worauf 
sich Mirbach grollend entfernte. Beide meldeten 
den Vorgang, Rall aber, weit entfernt, darüber 
getadelt zu werden, wurde wenige Tage darauf 
zum Brigadekommandeur ernannt. Dies war 
die erste Waffenthat des Ratl'schen Bataillons, 
an der der junge Render theilnahm. Am 
19. wurde nach einen: hitzigen Gefecht Newyork 
selbst eingenommen und von den abziehenden 
Amerikanern theilweise i» Brand gesteckt. Die 
Forts Washington und Fort Leh (?) blieben vor 
der Hand noch unbehelligt. Washington selbst 
lagerte mit den: Gros feiner Armee bei 
White plain. Die englische Armee rückte 
deshalb am 28. September vor, um ihn in 
seiner stark verschanzten Stellung anzugreifen, 
allein sowohl dieser Angriff als ein zweiter, der 
am 2. Oktober unternommen wurde, war ver 
gebens. In dem ersten Gefecht verloren die 
Hessen viele Leute. Oberst von Rall, welcher den 
linken Flügel kommandirte, kam den Amerikanern 
durch eine Schwenkung in den Rücken und machte 
so den klebrigen Lust. In der Nacht wurde 
dem Feind durch zahlreich angezündete Feuer 
und durch Hin- und Herfahren der Artillerie 
glauben gemacht, die Hessen hätten Verstärkung 
bekommen. Das zweite Gefecht beschränkte sich 
auf eine gegenseitige Kanonade. 
(Fortsetzung folgt.; 
—WK-S— 
Das Burgfräulein 
Märchen von Sascha Elsa. 
™\om leichten Morgenhauche bewegt, zitterten 
Do 
die dunklen Blätter der Epheuranken, welche 
einen zierlichen Erker der stolzen „Ronne 
burg" *) umspannen. Der Erker gehörte zu dem 
kleinen Schlafgemache Rona's, des vielbewunderten, 
vielbesungenen Burgfräuleins —, gerade eben lugte 
ihr blonder Kopf aus dem kleinen Fenster. Rona 
liebte das lange Schlafen nicht, jeden Morgen in 
aller Frühe trat sie durch das hohe Burgthor, 
stieg eilend den Berg hinab und durchschweifte 
leichten Fußes das liebliche Thal. Auch heute 
sehen wir die schlanke Gestalt des Burgfräuleins 
flüchtig dahinschreiten. 
Rona trug ein kleidsames Gewand aus weichem 
Stoffe, welcher die Farbe des Himmels hatte. 
Verbrämung und Gürteltasche bestanden aus tief 
schwarzem Sammt. Um das wellige, goldblonde 
Haar hatte Rona, nach der Sitte jener Zeit, ein 
Goldnetz gespannt, aus dessen weiten, glänzenden 
Maschen unzählige Löckchen hervorsprangen, denn 
Rona's schönes Haar ertrug den Zwang ebenso 
wenig wie ihr stolzer, trotziger Sinn. — Ihr 
*) Ronneburg: Burg in der Wettern», zwischen 
Taunus und Vogelsberg gelegen. 
Gesicht war fein, ihre Haut schneeweiß. Ihre 
Augen hatten die Farbe des Meeres, waren von 
langen, dunkelen Wimpern umgeben und hatten 
einen sieggewohnten Blick. Rona kannte das 
Geheimniß, wie man Herzen bricht, und wußte 
um den Zauber, der in ihren Augen lag. — Ihre 
größte Schönheit waren ihre schlanken, schneeweißen 
Hände —, die waren so lilienfein, als gehörten 
sie einer Fee. Noch vor wenigen Tagen hatte 
ein schwärmerischer junger Ritter Rona's wegen die 
Gegend verlassen und ihr die Abschiedsworte 
gesandt: 
„Tu mit den weißen Händen, 
Traumschönes Burgsräulein, 
Nie darfst Du mir gehören: 
Was willst Du mich bethören? 
O, dämpfe Deiner Augen 
Verheißungsvollen Schein! 
Du mit den weißen Händen 
Und mit dem kühlen Sinn, 
O, lasse mich entfliehen - —. 
Ich habe Dir verziehen. 
Daß Du mein Herz gebrochen. 
Grausame Siegerin!"
	        

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