Full text: Hessenland (8.1894)

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haben in privatem Zeichenunterricht bei ihm die 
erste Grundlage späteren Künstlerruhmes gelegt. 
Nun hätte sich sein Leben gleich dem anderer 
zur Anstellung gelangter Kollegen weiter ent 
wickeln können. Er hätte sich jetzt vermählen 
können. 
Er war jung, lebensfroh und eine Künstler 
natur, wie konnte da sein Herz verschlossen bleiben 
gegen das edelste Gefühl, die echte und reine Liebe. 
Lange Zeit freilich sah er sie alle mit der gleich 
ruhigen Freundlichkeit an, die mehr oder minder 
unmuthigen Töchter der sogenannten Honoratioren 
der guten Stadt Rinteln. Doch eines Tages trat 
eine Wandlung ein. 
Es war im sonnigen, wonnigen Mai. Seit 
etlichen Tagen hatte die Sonne so glühend 
in das liebliche Weserthal geschienen, daß man 
vermeinte, der Sommer sei schon in seine Rechte 
getreten. Da beschloß denn die Klubgesellschast 
einen Ausflug nach einem vielbesuchten Aussichts 
punkt. Georg, dem Alt nnb Jung geneigt war, 
fehlte dabei nicht. 
Hebe ich jetzt das Auge zu seinem voll des 
Bruders Hand gemalten Bilde, so benfe ich, so, 
nur etwas jugendlicher noch, muß er dazulnal aus 
gesehen haben. Die freundlichen, ein wenig 
schelmischell Augen, das dichte, leichtgelockte Haar, 
das ganze liebe Gesicht hat etwas Gewinnendes. 
Und obgleich er nur mittelgroß war, mag ihn 
doch der dunkelblaue Frack und die gelbe Piquö- 
weste trefflich gekleidet haben. — 
Die Gesellschaft vergnügte sich genugsam mit 
Essen, Trinken, Scherzen nnb allerlei Spielen, 
als plötzlich nachtschwarzes Gewölk über das Thal 
zog. Es brach ein Unwetter los, wie selten in 
unserem gemäßigten Himmelsstrich. Dicht gedrängt 
schaarten sich alle in die engen Räume des Wirths 
hauses zusammen. Da sah Onkel Georg, wie der 
Landrichter, ein schon älterer, wunderlicher Herr 
in hellblauem Frack mit großen Metallknöpfen, 
ängstlich dem Gewühl entfloh, um sich auf die zum 
Bodenraum führende Treppe zu flüchten. Mehrere 
junge Herren amüsirten sich weidlich über die 
allerdings groteske Haltung des Fliehenden, der 
sie anflehte, nicht auch heraufzukommen, denn viele 
Menschen, dicht beisammen, zögen unfehlbar ben 
Blitz an. Die Untensteheudeu lachten über den 
„verrückten Alten" nnb beschlossen, ihn noch mehr 
in Angst zu jagen. 
„Um Gottes willen, Herr Landrichter, ziehen 
Sie doch ihren Frack aus! Die Knöpfe sind ja 
Hauptanziehungspunkte für die Elektrizität. Hören 
Sie?, eben hat's wieder ganz nahe eingeschlagen." 
So tönten die Ruse nach oben. 
Georg wußte, wieviel des Wuuderlicheu man sich in 
der Stadt über den alten Herrn erzählte. Er sollte 
geizig und jähzornig sein, und seine Familie zitterte 
vor den Ausbrüchen seiner tyrannischen Wuth. Noch 
gestern berichtete man im Klub, er^habe sämmt 
lichen Hühnern sammt dem stattlichen Gockel, der 
Freude seiner umsichtigen Hausfrau, die Hälse 
abgeschnitten, weil die Thiere sich unterstanden, 
ihn auszuästen und hinter ihm herzugackern und 
zu krähen. Die Frau Landrichter erhielt stets 
nur für ein Pfund Fleisch Geld, und zur Wäsche 
bewilligte der Gestrenge ein Pfund Seife, mochte 
die Wäsche auch noch so groß sein. Die 
chronique scandaleuse einer kleinen Stadt ist 
stets geschäftig. So hatte auch Georg übergenug 
gehört, ohne jedoch ein besonderes Interesse an 
der landrichterlichen Familie zu nehmen. 
Jetzt, da er die bebende Angst des grauköpfigen 
Herrn sah und seine ängstliche Frage von der 
Treppenhöhe tönte: „Mei - meinen die Herren 
wirklich?", — als endlich das Staatsgewand 
hastig abgestreift und unbedeuklich über das 
Treppengeländer geschleudert ward, da that ihm 
der Mann aufrichtig leid. 
Er fing den Sonntagsrock des Landrichters mit 
einem mißbilligenden Blick ans die Freunde aus. 
Als er sich daraus umwandte, leuchteten vor ihm 
ein paar seuchtglänzende, schöne Augen. Das un 
muthige Mägdlein, dem diese Blauaugen gehörten, 
stand. vor ihm und bat schüchtern mit vibrirender 
Stimme: „Geben Sie mir Vaters Rock. Ich 
danke Ihnen." Er starrte ihr nach wie einer 
Erscheinung. Wie konnte ein solch' verdrehter 
Landrichter solche liebliche Tochter haben? 
Seit diesem Moment gab's für Georg nichts 
Herrlicheres als dieses schlichte Mädchenbild. Es 
geleitete ihn in die Schulsäle, es verklärte sein 
einsames Junggesellenheim. Er träumte von einer- 
wunderschönen Zeit, da des Landrichters liebliches 
Töchterlein im freundlichen Hauskleide in seinen 
bescheidenen Räumen waltete. Ja, es gab große 
Btomente, in denen er den Muth fühlte, seinen 
guten Frack anzuziehen und in Handschuhen und 
neuem Hute bei dem gestrengen Herrn Papa in 
wohlgesetzter Rede um die still Geliebte zu werben. 
Dann aber plagten ihn böse Zweifel, ob ein 
armer Lehrer auch Gehör finden würde, und er 
beschloß, noch zu warten. Vielleicht, daß ein hohes 
Ministerium gnädigst eine Gehaltsaufbesserung 
bewilligte. So wartete er geduldig —, glücklich, 
wenn er die Geliebte zuweilen sah nnb einige 
Worte mit ihr tauschen konnte. Und sie war ihm 
auch gut, benn lichte Rosengluth färbte ihr Ge- 
sichtchen, weun er sie ansprach, und ihr Lächeln 
schien ihm in solchen Augenblicken doppelt sonnig. 
(Fortsetzung folgt.) 
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