Full text: Hessenland (8.1894)

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dessen unterer Theil ausgehöhlt ist, so daß selbst 
ein Erwachsener durchkriegen kann. Nebe!: diesem 
Nadelöhr ist ein steinerner Opferstock angebracht, 
in welchem früher eine Kasse sich befand, worin 
milde Gabe:: für die Hersfelder Waisenkinder ge 
sammelt wurden. Man erzählt, daß das Nadel 
öhr seine Entstehung einem der alten hessischen 
Landgrasel: verdanke, der zur Sommerzeit im Friede- 
walder Schlosse Hof hielt und dabei in beu weit 
ausgedehnten Forsten des Söllingwaldes dem edlen 
Waidwerk nachging. Während dieser mit seinen 
Genossen unb Gästen den Hirschen und Wildsauen 
zu Leibe rückte, lag die Frau Landgräfin mit ihren 
Hofdamen einer friedlicheren Beschäftigung ob. 
An einer entzückend schönen Stelle aus dem Kamme 
des Gebirges, mitten im prächtigen Hochwalde, war 
ein Häuschen errichtet, und in und neben demselben 
saßen die Damen und plauderten und — nähten. 
Es muß hier schön gewesen sein, wenn zur heißen 
Mittagszeit die Sonne grüne Lichter durch die 
dichten Laubdächer der Bäume herabsandte auf das 
bunte Moos und ein angenehmer Windhauch den 
Klang der Jagdhörner von fernher herübertrug. 
An dieser Stelle ließ der Landgraf, seiner Gemahlin 
zu Ehren, das Nadelöhr errichten. Das damalige 
Häuschen ist natürlich längst verfallen und gegen 
wärtig befindet sich eine zur Aufbewahrung von 
Waldarbeitergeräthen dienende Hütte am Platze, 
das Nadelöhr selbst aber hat Jahrhunderte über 
dauert und — könnte heute noch stehen, wenn es 
nicht jüngst der Zerstörungswuth einiger fremder 
Handwerksburschen zum Opfer gefallen wäre. Es 
ist das geradezu unverständlich, wie Jemand Ver- 
gnügen daran finden kann, einen derartigen Ge 
denkstein zu vernichte!:. Es ist gelungen, die 
Burschen festzunehmen und hinter Schloß und 
Riegel zu bringe!:, ob aber das Nadelöhr wieder 
hergestellt werden -wird, ist noch fraglich. 
Aus Hermath und Fremde. 
Am 8. Juni findet in Efchwege die fünfte 
Versammlung des Hessischen Städtetages 
mit folgender Tagesordnung statt: 1. Eröffnung 
der Versammlung durch den Vorsitzenden. 2. Ge 
schäftliche Mittheilungen, insbesondere Erstattung 
des Kassenberichts durch den Rechnungssührer, 
Herrn Bürgermeister Schöffer-Gelnhausen. 3. Partielle 
Neuwahl des Vorstandes nach 8 5 der Satzunge::. 
4. Ueber die zweckentsprechendste Einrichtung des 
Haushaltsplanes, der Rechnungsführung und der 
Kontrolle in den mittleren und kleineren Städten 
des Regierungsbezirks Kassel. Referent: Herr 
Stadtsekretür Boedicker-Kassel. Korreferent: Herr 
Stadtkämmerer Scherzberg-Hanan. 5. Die praktische 
Anwendung des Gesetzes vom 2. Juli 1875. 
Referent: Stadtbaurath v. Noäl-Kassel. Korreferent: 
Herr Oberbürgermeister Westerburg-Kassel. 6. Welche 
Beschlüsse sind zur Ausführung des Kommunal- 
abgaben-Gesetzes vom 14. Juli 1893 von den 
Gemeinden zu fassen und zu welchen Beschlüssen 
ist die obrigkeitliche Genehmigu::g erforderlich? 
Referent: Herr Oberbürgermeister Westerburg-Kassel. 
Korreferent: Herr Oberbürgermeister Schüler- 
Marburg. 7. Welche Vortheile bietet die Anlage 
einer nach dem heutigen Stand der Technik aus 
geführten Wasserleitung den mittleren und kleineren 
Städten? Referent: Herr Regierungsbaumeister 
Schmick-Frankfurt a. M. 8. Einrichtung einer 
Pensionskasse für Wittwen und Waisen der Ge 
meindebeamten und -Diener. Referent: Herr 
Bürgermeister Schöffer-Gelnhausen. Korreferent: 
Herr Stadtsekretär Boedicker-Kassel. 
Aus Rinteln wird berichtet: Gelegentlich der 
Anwesenheit des Herrn Sanitätsrath Dr. Weiß, 
des Obmannes für die Ausgrabungsarbeite!: im 
Fürstenthnm Schaumburg-Lippe, hat sich hier ein 
selbstständiger Zweigverein des Bückeburger 
Geschichtsvereins gebildet. An die Spitze des 
neuen Vereins ist der als Alterthumsfreund und 
Kenner bekannte Landschaftsrath Frhr. Hilmar 
v. Münchhausen getreten, die Schriftleitnng befindet 
sich in den Händen des Herrn Oberstlieutenant 
a. D. v. Spiegel. Die erste Sitzung, zu deren 
Abhaltung der zeitige Präsident seinen durch die 
stilvolle, alterthümliche Ausstattung mit dem Geiste 
des Vereins harmonirenden Saal zur Verfügung 
zu stellen so liebenswürdig war, verlief in der 
unterhaltendsten Weise, indem Herr Sanitätsrath 
Dr. Weiß mit dankenswerther Bereitwilligkeit in 
fesselndem Vortrag zunächst ein anschauliches Bild 
von der Lage und Beschaffenheit der in hiesiger 
Gegend vorhandenen Lagerüberreste an der Hand 
von Skizzen und Karten entwarf, dann genauer 
auf die Unterscheidungsmerkmale der römischen, 
sächsischen und fränkischen Befestigungen einging 
und schließlich noch einige sehr interessante Mit 
theilungen über Etymologie der Ortsnamen unserer 
Grafschaft machte. — Aufgabe des neugegründeten 
Vereins soll es sein, Interesse für Auffindung und 
Erhaltung von Alterthümern zu wecken, resp. zu 
heben, sowie durch jährlichen Beitrag der Mitglieder 
eine Freilegung der noch nicht untersuchten Lager- 
besestigungen unserer Gege::d zum Zweck der Fest 
legung der Zeit ihrer Entstehung zu ermöglichen.
        

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