Full text: Hessenland (8.1894)

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wußte, der Graf noch zu Bett lag, in dessen 
Wohnung, überfiel den Wehrlosen in dessen Nacht 
lager und versetzte ihm mit einem Stückchen mehrere 
Hiebe. Ehe der Gras sich von seinem Lager er 
heben konnte, hatte Klees schon die Flucht ergriffen 
und war aus dem Haus geeilt. Ob und welche 
Maßregeln gegen den Frevelthäter von der Polizei- 
Behörde ergriffen wurden, erhellt aus den Unter 
suchungs-Akten des Garnisonsgerichtes nicht. Nur 
soviel ist ersichtlich, daß der Graf auf Anrathen 
der Offiziere des damals in Fulda garnisonirenden 
Füsilier-Bataillons veranlaßt wurde beim Stadt 
kommandanten General-Major von Donop die Bitte 
vorzubringen, ein Gutachten des Offizierkorps über 
die Frage zu veranlassen, ob seine Ehre als Kavalier 
durch den Kleesffchen Ueberfall verletzt sei. Der 
Kommandant berichtete in Folge dessen an den 
Kurfürsten Wilhelm II. und dieser befahl: Unter 
suchung durch den Garnisons-Auditeur und demnächst 
Niedersetzung eines Kriegs-Gerichts, welches nach 
der Vorschrift bei Aburtheilung über einen Sekonde- 
Lieutenant zusammen zusetzen sei, und demnächst 
Abgabe des Gutachtens durch dessen Mitglieder, 
ob die Ehre des Grafen H. durch die ihm wieder 
fahrene thätliche Beleidigung verletzt sei. Unter 
dem Vorsitz des Kommandeurs des Füsilier- 
Bataillons, Major von Lepel, trat dann ein Kriegs 
gericht zusammen und gab nach erstattetem Vortrag 
durch den Garnisons-Auditeur Morchut sein Gut 
achten einstimmig dahin ab, daß die Ehre des 
Grasen durch die gegen ihn verübte Thätlichkeit 
nicht verletzt sei. Der Kurfürst, an welchen die 
Akten hierauf eingesandt wurden, bestätigte den 
kriegsgerichtlichen Ausspruch. Vom Grasen H., 
welcher nicht lange danach Fulda verließ, hat man 
nichts weiter gehört. 
Zu Bedauern ist der Verlust dieser und ähnlicher 
wichtiger Straf-Akten, namentlich der aus der 
Westphälischen Zeit, welch letztere im Kastell zu 
Kassel aufbewahrt wurden. Sie wurden nach 1866 
sämmtlich vernichtet. 
Z. S. 
Wer kennt nicht im Lande Hessen und darüber 
hinaus den Herkules von Wilhelmshöhe oder den 
„großen Christoph," wie ihn das Volk nennt? 
Nicht Allen aber dürfte es bekannt sein, daß der 
eherne Koloß einen steinernen Vorgänger hatte, der 
allerdings niemals die Spitze des Oktogons gekrönt 
hat, sondern auf dem Transport liegen blieb. Ehe 
Landgraf Karl den kupfernen Herkules herstellen 
ließ, hatte er die Absicht, einen steinernen Riesen 
aus das Oktogon zu stellen. Es wurde in den 
zwischen Martinhagen und Balhorn gelegenen 
bekannten Steinbrüchen ein mächtiger Stein aus 
gebrochen und behauen, Herkules mit der Keule 
darstellend. Aber die Fortschaffung des Ungeheuers 
mißglückte; unmittelbar an der Landstraße blieb 
es liegen, wie es heißt, weil der Schlitten, aus 
dem es befördert wurde, zusammenbrach. Dort in 
einem Grasgärtchen hat der „Herkules" — so 
wurde er auch genannt — bis zum Jahre 1867 
oder 1868 gelegen und der Besitzer des Grund 
stücks erhielt von der hessischen Regierung eine 
Entschädigung von 26 Silbergroschen jährlich. 
Wir Kinder benutzten den liegenden Steinblock, 
der obwohl roh behauen doch deutlich die menschliche 
Gestalt aufzeigte, als Burg und Festung bei unsern 
Spielen. Nach der Annexion wurde der schon mit 
Sagen umwobene Stein für 7 '/2 Silbergrvschen 
(soweit ich mich erinnere) verkauft und zerschlagen. 
Es war Niemand da, der sich des immerhin 
historischen Denkmals annahm. 
—a.— 
Wie es früher manchmal mit Vergebung von 
Stipendien in Marburg gehalten wurde, mag 
folgender Vorfall darthun: Seit 1827 hielt sich 
dort ein Student der Chirurgie Namens Klocken- 
bring auf, welcher seit 1831 ein Stipendium aus 
den Einkünften des säkularisirten Klosters Möllen 
beck bei Rinteln bezog. Nachdeni im Ansang der 
vierziger Jahre der von den Korps als Paukarzt 
angenommene Chirurg Müller, genannt Mohren 
pinscher, nach Amerika ausgewandert war, wurde 
dieses Amt an genannten Klockenbring übertragen, 
wofür er von jedem Mitglied eines Korps 2 Thlr. 
für das Semester als Honorar erhielt. Dafür 
mußte er bei jeder Paukerei zugegen sein und die 
Verwundeten ärztlich behandeln. Klockenbring ver 
waltete dieses Amt bis zu Anfang der fünfziger 
Jahre, bezog aber nebenbei und trotzdem er Jahre 
lang keine Kollegien gehört hatte, auch das Möllen- 
becker Stipendium bis zum Jahre 1857, in welchem 
Jahre das Kurfürstliche Ministerium des Inneren 
ihm dasselbe entzog. Als völlig mittellos wurde 
nun Klockenbring in seine Heimath verwiesen, nach 
einiger Zeit aber als krank in die Jrrenheil- 
Anstalt Haina ausgenommen, woselbst er später 
verstorben ist. Auch Söhne höherer Staatsbeamten 
genossen damals Stipendien, welche auf diese Weise 
den weniger bemittelten Studircnden entzogen 
wurden. 
S» 
Kürzlich ist der Rohheit einiger Buben ein 
altehrwürdiges Denkmal zum Opfer gefallen, das 
zwischen Friedewald und Hönebach mitten im 
Söllingwald steht, das sog. Nadelöhr. Das 
„Herss. Kreisbl." berichtet über das Denkmal: 
Dasselbe besteht aus einem mannshohen Stein,
        

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