Volltext: Hessenland (8.1894)

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Sie fragten Keinen: Darf ich fort? 
Sie hörten nur das Herrscherwort. 
Die Frau, die nie ihr Kind verließ, 
Stand auf und ging: weil ich ihr's hieß. 
Sie hob sich von des Gatten Brust, 
Ließ ihres Lebens junge Lust. 
Einst war das Heim ihr Stolz, ihr Glück, 
Nun thut sie keinen Blick zurück. 
Und der ein prächtig Schloß gebaut — 
Ein stolzes Heim der stolzen Braut — 
Zur offnen Thür tritt er hinaus 
Und wandert fort — von Weib und Haus. 
Das süße Kind wird plötzlich bleich, 
Sein Auge groß und sehergleich. 
Was hältst du mich mit deinem Kuß — 
Siehst du nicht, daß ich folgen muß? 
Ein einz'ger Ruck! Ein letzter Schrei — 
Gespenstisch eilt der Zug vorbei. 
Der Bischof schreitet zum Altar 
Mit Hirtenstab und Prunktalar. 
Vom Schiff kommt Procession empor, 
Da steht der Tod im hohen Chor 
Und singt in's hohe Freudenfest 
Sein dumpfes Ita missa sst! 
Ich sprenge auf die Klosterthür! 
Nun komm aus der Klausur herfür — 
Fort von Brevier und Verspersang 
Du Himmelsbraut zum Hochzeitsgang. 
Ha — Welteroberer — bleibe stehn, — 
Ruf von der Grenze die Armeen, 
Herab die Hand vom Schwertesknauf, 
Die alten Wunden brechen auf! 
Gelehrter schließe nun dein Buch — 
Die Welt ist doch schon überklug —. 
Baumeister steig vom Dom herab, 
Leg' von dir Plan und Meterstab! 
Du möchtest Großes? Einerlei, 
Dein Tag ist hin, die Frist vorbei. 
Herr Reiter — ei — wohin so schnell? 
Wie blickst du kühn und stolz, Gesell! 
Mein Glöckchen klingt dir dumpf und hohl? 
Die Jungen, Starken lieb ich wohl. 
Den schlanken Fant, die ros'ge Maid, 
Was Blumen ziert und Perlgeschmeid, 
Das paßt mir gut in meinen Zug — 
Der Alten hab ich leicht genug, 
Der Bettler, die am Wege fleh'n — 
Ich thu' — als hab' ich nichts geseh'n —! 
Dort herzt ein Kind den Liebsten sein! 
Heran Gesell! Du bist schon mein! 
W. Kervcrl. 
In d!k Murrst. 
Auf rechte Worte muß ich ewig sinnen, 
Dein Lob zu künden — noch im Traum der Nacht, 
Du führest, Holde, schmeichelnd mich von hinnen, 
Mein lauschend Herz ist ganz in deiner Macht! 
Wenn du erklingst, all' meine Leiden schweigen 
— Zerfließend wohl in deiner Töne Meer — 
Wenn deine Laute sich zur Seele neigen, 
Bringst du ihr Grüße von den Engeln her. 
Du wiegst mich ein, auf daß ich ruhig werde, 
Und bist zum Trost, zum Balsam mir bestellt; 
Du trägst mich fort von dieser armen Erde, 
Weit, weit hinweg in eine and're Welt. 
Du Liederfluth, in deinen warmen Wogen 
Zerschmilzt mein Herz, wie Schnee im Sonnenlicht, 
Mir däucht, der Frühling käm' mit dir gezogen, 
Klingst du Musik, so zart wie ein Gedicht. — 
Doch kannst du auch in wildem Sturme toben, 
Der kühn den Sturm in meiner Brust verjagt, 
Ich bin befreit, voll dir hinausgehoben, 
Mein Siiln erstarkt, der erst so sehr gezagt. — 
Was weiß ich noch von Kummer und Beschwerde? 
Das tiefe Dunkel hast du mir erhellt. 
Du trägst mich fort von dieser armen Erde, 
Weit, weit hinweg in eine and're Welt. 
Sascha Hksa. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Ein Kriegs-Gericht als Ehrengericht. 
Als ich Anfangs der fünfziger Jahre in Fulda 
wohnte, hatte ich in meiner dienstlichen Stellung 
Gelegenheit, Einsicht in ein Untersuchungs-Aktenstück 
zu nehmen, deren Inhalt hier mitzutheilen ich 
keinen Anstand nehme; sind doch die betheiligten 
Personen schon seit Jahren aus dem Leben geschieden, 
so daß ich mich dem Vorwurf der Indiskretion 
wohl schwerlich aussetzen werde. 
In der Mitte der zwanziger Jahre lebte in 
Fulda ein Graf H Er wohnte im 
Hause des Geheimen Raths von Schlereth in der 
Rittergasse als Junggeselle. Dessen Diener war 
ein Mann Namens Klees, mit welchem der Gras 
eines Tages in heftigen Streit gerieth. Die Ver 
anlassung dazu war, wie so oft im Leben, ein 
Frauenzimmer. Das Nähere eignet sich nicht zur 
Mittheilung. Der Diener wurde aus dem Dienst 
entlassen. Dessen Anforderungen wies der Graf 
später barsch ab. Klees sann nun auf Rache und 
beschloß, an seinem früheren Dienstherrn sich thätlich 
zu vergreifen. Zu dem Ende begab er sich in 
früher Morgenstunde, zu welcher Zeit, wie er
        

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