Full text: Hessenland (8.1894)

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waren längst dahin gegangen, und manch' Einer 
nach ihnen. 
Nur er, der 72jährige Greis im Silberhaar, 
stand noch rüstig und lebensfreudig im Kreise der 
jüngeren Kollegen. Fest stand er noch gleich bcm 
Eichstamm, der liefe Wurzeln geschlagen, wie es 
in den vom Gymnasium ztt Marburg gesandten 
Glückwunschversen gesagt war: 
—- — 1 Einer von Zehnen nur dient dir standhaft von 
Anbeginn. 
So steht oftmals ein Stamm wurzelnd im Felsengrund, 
Wenn rings and're der Sturm senkte zu Bvden hin. 
Er nur bleibet und grünt, siehet ein neu' Geschlecht 
Wieder schießen und wieder auf. 
Nestor Storck! o empfang heut' uns'res Herzens Gruß, 
Der für's Vaterland Du wacker mit Wackern strittest, 
Der Du dann für das Schwert tauschtest den Griffel ein 
Und die Kinder der Flora pflegst. 
Wird Dir heute bekränzt, Würd'ger, das würd'ge Haupt, 
O, dann höre den Wunsch, klingend vom fernen Strand: 
Knüpfe lange noch Kunst, rüstig, o Mann, an Kunst 
Und hin wandle auf rosiger Au'! 
Fünfzig Jahre, eine lange Zeit! Und was 
hatte er schon in frühester Jugend durchkämpfen 
müssen! Als Zweitältester von zwölf Geschwistern 
kam er zur Zeit, da Jerome für wenige Jahre 
Glanz und Luxus an seinem Hof verbreitete, mit 
den Eltern nach Kassel. Schwere Zeiten hatte 
die Familie in ihrer Heimath, Kirn bei Kreckznach 
im schönen Rheinlande, durchlebt. Unermüdlich 
schaffte und sorgte der so reich mit Kindern ge 
segnete Vater, um sich mtb die Seinen redlich 
durchzubringen. Aber wo vierzehn hungrige 
Magen Sättigung fordern mtb so viele gesunde, 
unruhige Kindersüße Schuhe zerreißen, Hilst 
schließlich aller redliche Fleiß nicht durch , besonders 
in so schweren Zeiten, wie damals in deutschen 
Landen waren. Und er hatte ein echt deutsches 
Herz, der alte Bäckermeister, ias sich schwer dem 
neuen Regiment fügen konnte. Gut deutsch loaren 
auch seine Söhne iu Herz und Wesen. Schlicht, 
rechtschaffen, treu in Erfüllung ihrer Pflicht. 
Eine Laune des Geschicks führte den ernsten, 
sorgenvollen Mann in die heitere Sphäre des 
Hoftheaters zu Kassel, wo er durch Vermittelung 
eines Freundes feste Anstellung als Requisiteur 
erhielt. Es war kein glänzendes Einkommen, das 
sich ihm bot, aber es war doch etwas Sicheres, 
eine Summe, auf die man unter allen Umständen 
rechnen konnte. 
Georg war mittlerweile tu das Alter gekommen, 
iu dem die Frage: Was soll er werden? Ent 
scheidung heischte. Es mußte ein Berus gewählt 
werden, der dem vielgeplagten Familienoberhaupt 
nicht neue Lasten aufbürdete. Georg kannte ein 
köstliches, lockendes Ziel: Maler wäre er gar ztt gern 
geworden. Wie manche Skizze hatte er schon 
im Geheimen entworfen. Da er aber mit dem 
Vater von seinen Wünschen sprach, ward er auch 
sofort inne, er müsse verzichten aus seine hoch 
fliegenden Träume von etwaigem künstlerischen 
Schassen. 
„Maler werden in diesen Zeiten? Junge, wer 
hat Heuer Geld, Bilder zu kaufen? Und wenn 
auch, mir fehlen die Mittel zu deiner Ausbildung. 
Die Flirre schlag dir atts dem Sinn!" 
Solch' entscheidettdes Wort aus väterlichem 
Munde galt zu jener Zeit gleich einem Gesetz. 
Niemals hätte Georg gewagt, den Vater durch 
ein Beharren aus seinen Wünschen zu kränken. 
Wohl fühlte er, es könne ein tüchtiger Künstler 
aus ihm werden, gestatteten die Verhältnisse ihm, 
frei der Kunst zu leben. Er litt schwer unter dem 
Geschick, Eitler von den Zwölfen eines unbemit 
telten Vaters zu sein. Es ging aber nicht, er 
mußte so bald als thunlich ans eignen Füßen 
stehen. 
In dies erste bittere Etttsagen hinein, da er 
durch wohlmeinende Freunde bestimmt worden war, 
sich für das Fach eines Schreib- und Zeichen 
lehrers ztt präpariren, tönten auf's Neue die 
Kriegstrompeten durch's Land. Endlich raffte sich 
das so lange unterdrückte Deutschland aus zum 
entscheidenden Ringen mit dem bislang unbesieg 
baren Eroberer, dessen Glücksstertt plötzlich erbleichte. 
Auch Georg zog, das Herz voll flammender Be 
geisterung, gegen den Feind. Die Hand des 
Höchsten schützte ihn. Er kämpfte als einer der 
Tapfersten und begrüßte die User des Rheins und 
die Gefilde seiner Heimath als siegreich Heim 
kehrender. Er war gereist und gestählt in Gefahr 
und Noth. Eilt Jüngling zog aus, ein Mann 
kehrte heim. 
Der jugendliche Streiter vertauschte das Schwert 
wieder mit Kohle und Stift. 
Als sich am schönen Weserstrom die Hallen des 
ehemaligen Klosters der wissensdurstigen Jugend 
öffneten, wies man ihm dort sein Lehrfeld att. 
Das sreuttdliche Städtchen ward ihm nun die 
rechte, bleibende Heimath, obgleich er nie die fröh 
lichen Rheinländer und das schöne Kassel vergessen 
konnte. Die Einkünfte waren zu Anfang gar 
gering, doch man machte in jenen Tagen keine 
hohen Ansprüche an Lebensgenuß. Durch die be 
scheidenett Verhältnisse des' Elternhauses an weise 
Sparsamkeit gewöhnt, wähnte sich der junge Lehrer 
in seiner gemüthlichen Stube reich und glücklich. 
Die freien Stunden galtett der Uebung in der 
Oelmalerei, ttttb eine Anzahl taletttirter Schüler
        

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